Neuer Leichenfund auf Long Island Kalte Spur des Dünenkillers

Es ist eine der rätselhaftesten Mordserien der US-Geschichte: In den Marschen von Long Island fand sich vor einem Jahr das erste Opfer, neun weitere folgten. Als die Hinterbliebenen jetzt zu einer Trauerfeier zusammenkamen, wurde eine elfte Leiche identifiziert. Von dem mysteriösen Killer fehlt jede Spur.

Von , New York

DPA

Sie brachten Blumen, Ballons und weiße Kerzen. Ihre Wallfahrt begann mit einem Vaterunser auf dem Parkplatz am Oak Beach. Dann fuhren sie langsam über den Ocean Parkway am Ufer entlang, von Streifenwagen eskortiert.

Mehrmals hielten sie an, um weinend vor Holzkreuzen in den Dünen niederzuknien, auf denen jeweils ein Name stand und "R.I.P.", ruhe in Frieden. Schließlich kehrten sie zum Oak Beach zurück, zündeten ihre Kerzen an und starrten in den kühl-fahlen Sonnenuntergang.

Ein Dutzend Trauernde pilgerte am Dienstag zum Strand, eine Stunde östlich von New York City, um der Opfer jenes mutmaßlichen Serienmörders zu gedenken, den sie den "Long Island Killer" nennen. Sie kamen von überall an der US-Ostküste, wie auch diejenigen, die hier den einsamen Tod fanden. Manche hatten ihr letztes Geld für die betrübliche Anreise ausgegeben.

Ein Jahr ist es her, seit in den Marschen und Dünen von Long Island der erste Tote entdeckt wurde. Seither fanden sich in dieser Einöde neun weitere Leichen oder deren Überreste, teils über viele Kilometer verstreut: sieben Frauen, ein Mann und ein kleines Kind. Der Täter aber bleibt unbekannt.

Es war ein trister Jahrestag also, in einem Sensationsfall, der immer mehr die Züge eines Horrorfilms annimmt. Und als wäre der nicht schon makaber genug, waren die Fahnder am Tag, bevor die Hinterbliebenen am Oak Beach zusammenkamen, nicht weit entfernt auf die elfte Leiche gestoßen. Sie wurde vorläufig als Shannan Gilbert identifiziert - jene 24-jährige Frau, deren Verschwinden im Mai 2010 die gruseligen Funde überhaupt erst ausgelöst hatte. Der Todeskreis schließt sich.

Ein Trost ist es nicht. Im Gegenteil: Die Entdeckung Gilberts, deren Name am Anfang dieses Rätsels stand, ohne ihm jetzt ein Ende geben zu können, wirft ein Schlaglicht auf das Scheitern der Polizei - und die Abgebrühtheit des Killers.

Leichen im Dünengras

Trotz des massiven Personalaufgebots bei dieser größten Fahndungsaktion in der Geschichte von Long Island sind die Ermittler dem Täter nicht nähergekommen. Das Einzige, was sie hinter vorgehaltener Hand sagen, ist, dass es sich wahrscheinlich doch um einen Einzeltäter handele, nach einigem Hin und Her um Hinweise auf mehrere unabhängige Mörder. Aber auch das wissen sie letztlich nicht mit Sicherheit.

So bleiben nur beklemmende Zahlen. Elf verweste und weitgehend zerstückelte Leichen, deren Todeszeitpunkte zurückreichen bis ins Jahr 1996. Mehr als 1200 Hinweise aus der Bevölkerung. Ein Kopfgeld von 25.000 Dollar für den Mörder.

"Die größte Untersuchung, an der ich je beteiligt war", sagt Richard Dormer, der Polizeichef des Bezirks Suffolk. "Sie hatte mehr Publizität als sonst ein Fall, mit dem ich in meinen mehr als 30 Jahren im Polizeigeschäft zu tun hatte."

Die meisten der Opfer waren Prostituierte, die im Internet-Service Craigslist annonciert hatten. Maureen Brainard-Barnes, 25, Melissa Barthelemy, 24, Megan Waterman, 22, und Amber Lynn Costello, 27, wurden zuerst entdeckt, im Dezember 2010. Im Frühjahr dieses Jahres fand sich Jessica Taylor, 20. Die Überreste einer weiteren Frau, eines Asiaten in Frauenkleidern und eines ein- bis zweijährigen Mädchens konnten bis heute nicht identifiziert werden.

Manche waren seit Jahren verschollen und wohl auch schon so lange tot. Ihre Leichen, in Marschen und Dünengras versteckt, wären wahrscheinlich nie aufgespürt worden - hätte es da nicht den Fall Shannan Gilbert gegeben.

Gilbert war zuletzt am 1. Mai 2010 gesehen worden. Da hatte die Frau aus New Jersey, die ihre Dienste ebenfalls auf Craigslist angeboten hatte, die Nacht in der kleinen Wohnsiedlung am Oak Beach verbracht, bei Joseph Brewer, einem Freier. Frühmorgens war sie schreiend zum Nachbarhaus gerannt, hatte dort wild gegen die Tür geschlagen und gerufen: "Helfen Sie mir!" Doch als der Bewohner die Polizei alarmierte, da war die Frau schon wieder verschwunden.

Im Sumpfland ertrunken

Die Suche nach Gilbert, mit Spürhunden, berittenen Cops und FBI-Unterstützung, zog sich über Monate hin und förderte schließlich erst die anderen Leichen zutage. Bei keiner handelte es sich jedoch um Shannan Gilbert.

Stattdessen gab es nur bizarre, aber letztlich unergiebige Fährten. Die Familie von Melissa Barthelemy bekam mehrere anonyme Anrufe von einem Mann, der sich als der Täter ausgab und die junge Frau als "Hure" beschimpfte.

Es waren die ersten und bisher greifbarsten Hinweise auf die Psyche des mutmaßlichen Killers. Die Behörden halten sich bedeckt, während die Medien kräftig spekulieren, flankiert von mehreren TV-Dokumentationen.

Das Privatblog www.longislandserialkiller.com zeichnete folgendes Bild: "Vielleicht versucht der Serienmörder, die Welt von Frauen zu 'reinigen', die sich prostituieren." Er habe wohl "ein negatives Kindheitserlebnis" mit Frauen gehabt und sei "höchstwahrscheinlich ein weißhäutiger Mann Mitte 20 bis Mitte 40".

Seit dem Sommer aber gab es keine weiteren Spuren mehr. Bis vorige Woche, als die Polizei durch Zufall auf Shannon Gilberts Jeans, Schuhe, Handtasche, ihren Ausweis und ihr Handy stieß. Ihre Leiche fand sich nur wenige Tage später.

Erste Indizien deuten jedoch darauf hin, dass Gilberts Tod offenbar gar keine Tat des "Long Island Killers" war, sondern ein Unfall: Nach Worten Dormers ertrank sie beim Versuch, das Sumpfland zur Hauptstraße zu durchqueren - bittere Ironie.

Ihre Mutter bezweifelt das jedenfalls. "Ich will ihm eines Tages in die Augen sehen", sagte Shari Gilbert der "New York Times" über den mutmaßlichen Mörder. Sie wolle ihn nur eines fragen: "Wer hat dir so sehr wehgetan, dass du jetzt anderen wehtun musst?"

Auch Shari Gilbert nahm am Dienstag, noch bevor ihre Tochter identifiziert wurde, an der Trauerprozession teil. Die Polizei hatte sie am Morgen benachrichtigt: Es sei eine weitere Leiche gefunden worden, unweit des Führerscheins ihrer Tochter. Doch bis zuletzt hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben: "Bis ich eine positive Bestätigung habe, dass es meine Tochter ist, werde ich es nicht glauben."

Die anderen Hinterbliebenen schlossen sie in ihren Kreis. Denn nur Gilberts Verschwinden war es schließlich zu verdanken, dass ihre eigenen Töchter gefunden worden waren.

Manche ärgert es, dass die Medien die Opfer als billige Prostituierte darstellen. "Jeder weiß, dass diese Frauen den falschen Weg im Leben einschlugen", sagte Melissa Cann, Schwester von Maureen Brainard-Barnes, der "Huffington Post". "Aber sie waren trotzdem normale Menschen mit Familien, die sie liebten."

Diese Familien lassen nicht locker. Cann verkaufte ihren Fernseher, um sich jetzt die Anreise aus dem 700 Kilometer entfernten Connecticut leisten zu können.

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vantast64 15.12.2011
1. Immer wieder Prostituierte
werden ermordet, mißhandelt, verfolgt, aus Dortmund ausgewiesen. Wann werden die sogenannten "Christen" erkennen, daß auch Prostituierte Menschen sind, die nichts Böses tun und meistens nur aus Not diesem Beruf nachgehen, im Gegensatz zu vielen Juristen und Politikern, die häufig andere ins Unglück stürzen. Hat nicht gar Christus einer halbseidenen Dame die Füße gewaschen?
spiegel_affäre 15.12.2011
2. Also...
Der ganze Fall ist sehr makaber. Er erinnert ein wenig an Jack the Ripper. Straßenprostituierte und Call Girls leben sehr gefährlich und da sie gesellschaftlich verpönt sind, wird ihnen der Schutz durch die Gesellschaft meißt verwährt. Ich denke, das einzige Mittel wären Undercovereinsätze mit weiblichen Polizisten, die sich dafür jedoch in Lebensgefahr begeben müssten. Mehrere Frauen, die sich über einen längeren Zeitraum als Prostituierte ausgeben oder bereits bekannte Prostituierte, um keinen Verdacht beim Täter auszulösen. Ich glaube der Täter fühlt sich sehr sicher und unangreifbar. Dieses Phänomen gibt es bei Serientätern häufig. Diese Schwäche müsste man gezielt ausnutzen. Außerdem muss man ab jetzt JEDEM Fall von sexueller Belästigung penibel nachgehen. Wie im Fall des Amoklaufs in Lüttich gehen solchen Verbrechen oft BtmG-Delikte und Verstoße gegen das Waffengesetz voraus. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass der Täter bewaffnet ist, um die Frauen zu bedrohen und auch ein Drogenkonsum oder eine Medikamentenabhängigkeit ist möglich. Vllt. befindet es sich sogar irgendwo in psych. Behandlung. Die Polizei vor Ort muss diesen Typen dingfest machen. Muss eine ungeheure Belastung für die Angehörigen und auch Anwohner sein. Man stelle sich mal ähnliche Morde auf Sylt vor. Long Island ist ja ebenfalls ein Wohnort vieler reicher Persönlichkeiten.
andieymi 15.12.2011
3.
Es gibt keinen Ort in Connecticut der 700km von irgendeinem Punkt auf LI entfernt ist - Luftlinie schon gar nicht. New York (zu dem Long Island gehört) und Connecticut sind Nachbar-Bundesstaaten (auch wenn diese Entfernung bei manchen anderen Bundesstaaten vorkommen mag) und diese Information schlichtweg falsch. Etwas Ortskenntnis - oder einfach ein Blick auf die Karte - schadet auch beim Schreiben eines Artikels nicht...
Barbapaps 15.12.2011
4.
Zitat von spiegel_affäreDer ganze Fall ist sehr makaber. Er erinnert ein wenig an Jack the Ripper. Straßenprostituierte und Call Girls leben sehr gefährlich und da sie gesellschaftlich verpönt sind, wird ihnen der Schutz durch die Gesellschaft meißt verwährt. Ich denke, das einzige Mittel wären Undercovereinsätze mit weiblichen Polizisten, die sich dafür jedoch in Lebensgefahr begeben müssten. Mehrere Frauen, die sich über einen längeren Zeitraum als Prostituierte ausgeben oder bereits bekannte Prostituierte, um keinen Verdacht beim Täter auszulösen. Ich glaube der Täter fühlt sich sehr sicher und unangreifbar. Dieses Phänomen gibt es bei Serientätern häufig. Diese Schwäche müsste man gezielt ausnutzen. Außerdem muss man ab jetzt JEDEM Fall von sexueller Belästigung penibel nachgehen. Wie im Fall des Amoklaufs in Lüttich gehen solchen Verbrechen oft BtmG-Delikte und Verstoße gegen das Waffengesetz voraus. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass der Täter bewaffnet ist, um die Frauen zu bedrohen und auch ein Drogenkonsum oder eine Medikamentenabhängigkeit ist möglich. Vllt. befindet es sich sogar irgendwo in psych. Behandlung. Die Polizei vor Ort muss diesen Typen dingfest machen. Muss eine ungeheure Belastung für die Angehörigen und auch Anwohner sein. Man stelle sich mal ähnliche Morde auf Sylt vor. Long Island ist ja ebenfalls ein Wohnort vieler reicher Persönlichkeiten.
Scheinbar ist nur der Abladeort des Täters bekannt, hingegen nicht jener Ort wo die Opfer getötet bzw. ausgesucht werden. Verdeckte Ermittlungen müssen schon etwas zielorientiert erfolgen... Das einzige was diese imo Taten gemeinsam haben ist das unterm Strich Menschen getötet wurden, ansonsten sehe ich keinen Zusammenhang. Für Drogen- bzw. Medikamentsucht wirkt das ganze etwas zu organisiert, bzw. wo sollen überhaupt Anhaltspunkte sein die in diese Richtung weisen? [x] sign, auch wenn ich in solchen Fällen, der scheinbar motivlosen Morde, nicht sehe wie die Polizei den Täter ohne Zufallstreffer dingfest machen könnte...
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