Silvesterabend 1996 Neues Ermittlungsverfahren gegen Beate Zschäpe

Kurz vor dem Prozess gegen Beate Zschäpe gibt es nach Informationen des MDR ein neues Verfahren gegen die 38-Jährige: Sie soll mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am Silvesterabend 1996 auf dem Erfurter Bahnhof auf ein Brüderpaar geschossen haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

B. Reding

Es war die Zeit, in der Beate Zschäpe in der rechten Szene Fuß gefasst und die "Kameradschaft Jena" mitgegründet hatte. In der sie fast jeden Mittwoch zu den Treffen des "Thüringer Heimatschutzes" pilgerte, bei denen bis zu hundert Neonazis aufliefen. In der sie wegen Briefbombenattrappen vernommen und von Ermittlern als "bauernschlau" bezeichnet wurde. Es war die Zeit, in der laut Verfassungsschutzbericht die Anzahl von organisierten Neonazis rapide anstieg.

Es war die Silvesternacht 1996. An jenem Abend soll Beate Zschäpe mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf dem Hauptbahnhof von Erfurt die Zwillingsbrüder Dominik und Benjamin Reding attackiert, bedroht und verfolgt haben. Es sollen sogar Schüsse gefallen sein. Die heute in Berlin lebenden Brüder sind sich sicher, dass sie damals von Mundlos verbal bedroht und "vermutlich" von Böhnhardt beschossen wurden.

Nach Informationen des MDR Thüringen prüft die Staatsanwaltschaft Erfurt, ob es sich bei den drei Tätern um Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt handelte, und ermittelt deshalb seit Anfang März gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe wegen des Verdachts des "versuchten mittäterschaftlichen Mordes oder Totschlags" - parallel zu dem am 6. Mai beginnenden Verfahren vor dem Münchner Oberlandesgericht. "Wir geben derzeit keine Stellungnahme ab", sagten Zschäpes Verteidiger SPIEGEL ONLINE.

Dominik Reding, 45, arbeitet heute als Regisseur, Autor und Filmproduzent. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erinnert er sich an jene Nacht wie folgt: Er und sein Bruder Benjamin waren auf dem Weg von Hamburg, wo sie damals studierten, nach Ilmenau in Thüringen. Dort veranstalteten Freunde in einer Jugendherberge eine Silvesterparty. In Erfurt mussten sie bei eisiger Kälte umsteigen, der Regionalzug ließ auf sich warten, mit einem weiteren Reisenden, den sie im Zug kennengelernt hatten, setzten sie sich zum Aufwärmen ins Bahnhofsrestaurant Mitropa.

"Dort saßen keine vier Gäste - und zwei Männer mit einer Frau. Die drei trugen Bomberjacken ohne aufgenähte Symbole, sie waren klar als rechtsradikale Skinheads erkennbar. Wir wussten, was das bedeutet", sagt Dominik Reding. "Wir selbst waren damals 0815-Mitläufer-Punks." Er und sein Zwillingsbruder hatten die Haare zum Irokesenschnitt frisiert, die Ohrläppchen voller Ringe, auf den grünen Bomberjacken prangte ein A im Kreis für Anarchie.

"Lauf! Lauf! Der hat 'ne Knarre!"

Die Brüder schauten bewusst nicht zu dem Trio, wollten nicht provozieren. Trotzdem fiel ihnen auf: Die Frau passte nicht zu den "Glatzen", von denen einer, mutmaßlich Uwe Mundlos, blondgefärbte Haarsträhnen zu einem kleinen Pony geformt hatte. Die Frau trug die Haare lang und offen. Anders als in den Neunzigern in der rechten Szene üblich wirkte sie nicht wie "das obligatorische Anhängsel, eher wie eine gleichberechtigte Person", sagt Dominik Reding.

"Die drei agierten nicht szenetypisch. Sie waren nicht wie man sich Skins am Silvesterabend vorstellt: laut, ordinär, betrunken oder singend. Sie waren ganz ruhig, tranken Bier." Der mit dem auffallenden Pony stand auf, ging zu Dominik Reding und tippte ihm mit seinem Zeigefinger auf den Anarchie-Aufnäher. "Was heißt das?", wollte er wissen. "Ich dachte, der will eine Schlägerei. Ich versuchte, die Stimmung abzukühlen, redete von unpolitischen Bands, von denen ich hoffte, er würde sie vielleicht kennen. Tat er aber nicht." Dann ging der Mann zurück an seinen Tisch.

"Jetzt gibt's Ärger", schoss es Dominik Reding in den Kopf. Was tun? Wenn sie jetzt aufs Gleis stürmten und der Anschlusszug ist noch nicht da, wären sie ihnen womöglich ausgeliefert. Unruhig warteten die Punks bis etwa 20.45 Uhr. Mit dem Reisenden, den sie auf der Hinfahrt kennengelernt hatten, verließen sie das Restaurant. Das Trio stand zeitgleich auf, folgte ihnen.

"Ich wollte Held sein und nicht loslaufen, ich wollte keine Angst zeigen", erinnert sich Dominik Reding. Vor der Tür rief sein Bruder: "Lauf! Lauf! Der hat 'ne Knarre!" Da fielen schon die Schüsse, drei bis fünf Stück. Die Brüder und der Mitreisende rannten zum Zug, riefen der Zugführerin zu, sie solle die Türen verschließen. Sie machte das, löschte außerdem das Licht im Inneren des Zuges.

Die drei Männer stürzten in ein Abteil, in dem eine Frau mit zwei Kleinkindern saß. Durch die Notbeleuchtung des Zuges konnte man sie vermutlich auch vom Gleis aus sehen. "Ich denke bis heute, diese Familie war der Grund, warum die nicht durchs Fenster auf uns geschossen haben." Die beiden Punks suchten Schutz auf dem Gang des Zuges.

"Der mit der Waffe war völlig hysterisch, flippte total aus, wie ein Kläffer von der Rolle", sagt Dominik Reding. "Er hörte nicht auf, mit der Knarre herumzufuchteln." Der andere mit der blondierten Tolle zückte ein Handy und telefonierte. "Wir hatten Schiss, dass der jetzt Kameraden informiert, die uns in Ilmenau abpassen."

In Ilmenau empfingen sie am Bahnhof zwar Skinheads, doch die ließen sie in Ruhe, hatten offensichtlich keine Ahnung von dem Vorfall in Erfurt. Der Mitreisende nahm die Brüder im Taxi mit. Sie waren körperlich unversehrt, aber doch so verängstigt, dass sie auf eine Anzeige verzichteten.

Die Ermittlungen führt die Staatsanwaltschaft Erfurt

Der Vorfall wurde erst im September 2012 aktenkundig, als sich Dominik und Benjamin Reding beim Bundeskriminalamt (BKA) als Zeugen meldeten. Kurz darauf berichtete zum ersten Mal die "taz" darüber. Die Fahndungsplakate, die das Trio in den Neunzigern zeigen, hätten sie sofort darin bestätigt, dass sie es an jenem Silvesterabend mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt zu tun hatten, sagt Dominik Reding. "Es ging um unser Leben, das vergisst man nicht."

Warum aber meldeten sie die Bedrohung erst zehn Monate nach Enttarnung der Terrorzelle? "Dieser Vorfall ist im Vergleich zu zehn Morden eigentlich kaum erwähnenswert, wir haben überlebt." Als jedoch zunehmend darüber berichtet worden sei, dass die Ermittler Schwierigkeiten hätten, die Zeit vor dem Untertauchen zu rekonstruieren und vor allem die Rolle von Beate Zschäpe zu definieren, meldeten sie sich als Zeugen beim BKA.

Die Ermittler seien anfangs skeptisch gewesen, erst als ein Eintrag bei der Bahn den Verdacht auf Schüsse bestätigt habe, seien er und sein Bruder stundenlang befragt worden, sagt Dominik Reding. Die Generalbundesanwaltschaft (GBA) in Karlsruhe habe das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Erfurt abgegeben, weil Taten vor dem Untertauchen der Zelle "nicht als staatsgefährdend" gewertet würden.

In einem dem MDR Thüringen vorliegenden Papier heißt es dazu, 1996 habe es noch keine tatsächlichen Anhaltspunkte einer kriminellen oder terroristischen Vereinigung von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe gegeben. Für den Fall aber, dass die Ermittlungen in Erfurt zu anderen Ergebnissen kommen, will die GBA das Verfahren wieder aufgreifen.

Nach Angaben der Erfurter Oberstaatsanwältin Annette Schmitter Hell sind die Thüringer Ermittler aktuell dabei, den Silvesterabend 1996 am Erfurter Bahnhof zu rekonstruieren. Unterstützt wird sie dabei von der neuen Ermittlungsgruppe BAO "Zesar" beim Thüringer Landeskriminalamt, die politische Straftaten aufklären soll. Ob sich nach 16 Jahren der Anfangsverdacht bestätigen und überhaupt noch ein Tatnachweis führen lässt, ist offen.

Dominik und Benjamin Reding hoffen, vielleicht ein kleines Puzzlestück geliefert zu haben, das Zschäpes Rolle innerhalb der Terrorzelle belegt. "Wir empfanden sie in diesem Moment als integriertes Mitglied innerhalb der Gruppe", sagt Dominik Reding. "Wir haben die drei in Aktion erlebt, viele andere haben das nicht überlebt."



© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.