Attacke von Neuss Jobcenter-Mitarbeiterin wurde zufällig zum Opfer

Eine tote Jobvermittlerin, ein verdächtiger Langzeitarbeitsloser und viele offene Fragen: Nach der Messerattacke auf eine Sachbearbeiterin im Jobcenter Neuss werden verstörende Einzelheiten bekannt. Demnach wollte der Verdächtige ursprünglich nicht mit dem Opfer sprechen, sondern mit einem Kollegen.

Tatort Jobcenter Neuss: Unvermeidbare Aggression?
dapd

Tatort Jobcenter Neuss: Unvermeidbare Aggression?


Neuss - Einen Tag nach der tödlichen Messerattacke auf eine Jobcenter-Mitarbeiterin in Neuss haben Polizei und Staatsanwaltschaft heute die Öffentlichkeit über Einzelheiten des Verbrechens informiert. Auf der Pressekonferenz kamen verstörende Details zum Tathergang ans Licht.

Der Leiter der Mordkommission, Kriminalhauptkommissar Guido Adler, erklärte, der mutmaßliche Täter Ahmet S. habe das Opfer Irene N. gegen 9 Uhr am Mittwoch aufgesucht und um ein Gespräch gebeten. Sie habe ihn zunächst gebeten zu warten und ihn dann in ihr Büro geladen. Dort habe S. zunächst sein Anliegen vorgetragen.

Weil die Sachbearbeiterin unter Zeitdruck stand, habe sie ihn gebeten, das Büro zu verlassen. Daraufhin habe der nicht angemeldete Besucher ein Messer gezogen und versucht, auf die Frau einzustechen. Das Messer aber sei abgebrochen, das Opfer blieb zunächst unverletzt und rief laut um Hilfe. Daraufhin habe S. ein weiteres Messer gezogen und dreimal auf Irene N. eingestochen. Die Frau sei kollabiert und Ahmet S. geflohen.

Ersten Erkenntnissen zufolge wurde Irene N. zufällig zum Opfer. Demnach wollte S. mit einem Kollegen der Frau über eine mögliche unerlaubte Weitergabe von persönlichen Daten sprechen, die er befürchtete. Weil der Sachbearbeiter nicht im Dienst war, hatte er sich an Irene N. gewandt, die ebenfalls für ihn zuständig war. "Die Frau wurde zufällig zum Opfer", sagte Hauptkommissar Adler. "Es ging nicht um existentielle Dinge. Die Tat ist in keiner Weise nachvollziehbar."

Ob der mutmaßliche Täter psychisch gestört sei, wollte Staatsanwältin Britta Zur nicht voreilig beantworten. Der arbeitslose Mann habe aber "vor Wut gekocht", als er das Büro betrat, sagte Zur.

Täter wollte Frau angeblich nur verletzen

In der ersten Vernehmung habe Ahmet S. die Tat eingeräumt, sagte Adler. Er habe allerdings betont, dass er die Frau nur verletzen wollte. Dies allerdings sehen Staatsanwaltschaft und Polizei anders: Adler erklärte, die heftige Tatintensität und die sehr tiefen Stiche reflektierten eher eine Tötungsabsicht. Der mutmaßliche Täter solle nun wegen Mordes in Untersuchungshaft.

Am Mittwoch war der 52-jährige Ahmet S. unangemeldet im Büro der Sachbearbeiterin Irene N. erschienen. Nach der Tat floh er, konnte aber kurz darauf von der Polizei gestellt und festgenommen werden. Irene N. erlag im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Sie hinterlässt ihren Ehemann und ihren zweijährigen Sohn.

Notfallknopf nicht gedrückt

Das Motiv des mutmaßlichen Täters war zunächst völlig unklar. Der gebürtige Marokkaner Ahmet S. befand sich im Langzeitarbeitslosen-Programm und galt als schwer vermittelbar. Laut Staatsanwaltschaft war er nicht polizeibekannt. Der dreifache Vater lebte Nachbarn zufolge seit zehn Jahren mit seiner Familie in Neuss. Er spricht kein Deutsch und wird mit Hilfe eines Dolmetschers von der Polizei vernommen. Er soll mit einer Deutschen verheiratet gewesen sein.

Das 32 Jahre alte Opfer arbeitete seit 2009 für das Jobcenter Neuss, zuletzt in der Abteilung "Visionen 50plus". Dort betreute und vermittelte die Frau ältere Arbeitslosengeld-II-Empfänger.

Besonders bitter: Noch am Montag hatte die junge Mutter an einem Deeskalationstraining teilgenommen. Den Notfallknopf an ihrer Tastatur hatte sie nicht ausgelöst. Möglicherweise kam der Messerangriff so rasch und heftig, dass die Frau keinen Alarm mehr geben konnte.

Sicherheitsmaßnahmen auf dem Prüfstand

Der Aufschrei nach dem Verbrechen ist groß: Jetzt sollen die Sicherheitsmaßnahmen in Behörden auf den Prüfstand kommen. Das Büro der getöteten Mitarbeiterin hatte laut Angaben der Jobcenter-Leiterin keine Zwischentür, die eine Flucht oder schnelle Hilfe aus dem Nachbarbüro ermöglicht hätte. Auch gab es in dem Gebäude keinen privaten Sicherheitsdienst. "Man muss alles überdenken", sagte ein Sprecher der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Düsseldorf.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) verurteilte die tödliche Messerattacke aufs Schärfste. "Das ist ein abscheuliches Verbrechen und durch nichts zu rechtfertigen", sagte sie in Berlin, räumte aber gleichzeitig ein, dass es keine hundertprozentige Sicherheit geben könne. Der persönliche Kontakt zwischen den Jobcenter-Mitarbeitern und ihren Kunden sei zwingend notwendig. Angesichts des tragischen Vorfalls werde die BA ihr Sicherheitskonzept aber noch einmal überprüfen, sagte von der Leyen.

Die BA allerdings plant offenbar keine konkreten Änderungen. "Wir müssen immer über die Sicherheit in unseren Dienststellen nachdenken", sagte das für Hartz IV zuständige BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt in Nürnberg am Rande der monatlichen Arbeitsmarkt-Pressekonferenz. "Ich bin aber auch der Meinung: Verhindern lässt sich so etwas nicht, auch wenn man Sicherheitsvorkehrungen über das jetzt schon vorhandene Maße hinaus trifft", so Alt.

"Wut und Verzweiflung"

Die Deutsche Polizeigewerkschaft in Nordrhein-Westfalen gab an, dass Angriffe auf Beschäftigte von Jobcentern zunähmen. Bei einer Befragung von 500 Mitarbeitern im Jahr 2009 habe jeder vierte angegeben, Opfer eines Übergriffs gewesen zu sein. Häufiger Anlass für Gewalt seien ablehnende Bescheide in Hartz-IV-Verfahren. Die komplizierte und oft schwer durchschaubare Gesetzeslage provoziere Wut und Verzweiflung, hieß es.

Auch der Vorsitzende der Jobcenter-Personalräte, Uwe Lehmensiek, beschrieb die Situation in vielen Jobcentern als durch Überlastung und Frust geprägt. Druck und Sparzwänge trügen zu aggressivem Kundenverhalten bei. Übergriffe könnten durch einen realistischen Betreuungsschlüssel und eine "vernünftige Personalausstattung" reduziert werden.

Politik lässt Beschäftigte allein

Der Deutsche Beamtenbund Jugend (DBBJ) klagt über mangelnde politische Unterstützung bei der Vermeidung von Gefahrensituationen in Behörden. "Die Politik lässt die Beschäftigten der staatlichen Institutionen alleine und das, obwohl die Wut und die Gewaltbereitschaft ihnen gegenüber immer größer wird", sagte der Vorsitzende des DBBJ Nordrhein-Westfalen, Markus Schallenberg.

Deeskalationsseminare würden nur bedingt helfen, wie der Fall in Neuss gezeigt habe. Vielmehr sollten Barrieren zwischen Mitarbeitern und Kunden errichtet sowie die Fluchtwege ausgebaut werden. Auch der Einsatz von qualifiziertem Sicherheitspersonal in "sensiblen" Verwaltungsbereichen sei sinnvoll.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut, hält nichts von Sicherheitsschleusen, wie man sie aus Gerichten kennt. Behörden sollten nicht zu "Hochsicherheitstrakten" werden. "In Einzelfällen wären mehr Alarmknöpfe eine gute Idee, und wir sollten über eine verstärkte Kameraüberwachung nachdenken", sagte Witthaut. Zudem riet er Mitarbeitern, nie mit Kunden unter vier Augen zu sein: "Man sollte als Mitarbeiter nie allein im Zimmer sitzen, immer zu zweit oder zu dritt oder in einem Großraumbüro, wenn das aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geht."

ala/dapd/dpa

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