New Orleans "Mörder, Vergewaltiger, Verbrecher jeder Art"

Immer grausigere Details über Verbrechen dringen aus den Notunterkünften von New Orleans. Augenzeugen berichten von stundenlangen Vergewaltigungen und einer Kinderleiche im Kühlschrank. Die Menschen sind vor Entsetzen gelähmt.


Verzweifelte Mütter im Kongresszentrum von New Orleans: Neben der humanitären Katastrophe drohen Verbrechen
DPA

Verzweifelte Mütter im Kongresszentrum von New Orleans: Neben der humanitären Katastrophe drohen Verbrechen

New Orleans - "Es ist wie im Gefängnis hier", sagt ein junger Mann, der mit Tausenden seit Tagen in einem Kongresszentrum von New Orleans ausharrt und auf Hilfe wartet. "Hier gibt es Mörder, Vergewaltiger, Diebe, Verbrecher jeder Art. Alle sind da." Er fragt sich, wie er die nächste Nacht in den unübersichtlichen Räumen und Gängen heil überstehen wird - und wann endlich Hilfe kommt. Es ist der Tag, an dem US-Präsident George W. Bush die vom Hurrikan "Katrina" verwüstete Stadt besucht und verspricht, dass die Rettungsmaßnahmen beschleunigt werden.

Die Menschen in den überfüllten Notunterkünften hier haben den Glauben an ihren Staat längst verloren. Die 37-jährige Trolkyn Joseph sitzt mit ihrer Tochter und anderen Verwandten in einer Ecke des Gebäudes. Unter Tränen erzählt sie, wie in den Nächten Männer durch die Säle ziehen und Kinder vergewaltigen und töten. Am frühen Morgen habe sie ein 14-jähriges Mädchen tot gefunden, das vier Stunden zuvor vom Platz ihrer Familie verschwunden sei. "Sie wurde vier Stunden lang vergewaltigt - bis sie starb", sagt Joseph. Ein anderes Kind, ein siebenjähriger Junge, sei in der Nacht in einer Küche in einem Kühlschrank gefunden worden - vergewaltigt und ermordet, erzählt sie weiter und kann es kaum ertragen.

Die Menschen hier sind voller Entsetzen über die Gewalt, die in dem Zentrum herrscht, während seit fünf Tagen jede Hilfe auf sich warten lässt und Stunde um Stunde Menschen sterben.

Der 42-jährige Leroy Fouchea zeigt auf einen Toten, der noch in seinem Rollstuhl sitzt, einen jungen Mann, den er gerade eben tot in das Gebäude geschleppt hat und zwei Babys, vier und sechs Monate alt. "Sie sind hier gestorben, in Amerika, vor Hunger", sagt er fassungslos und führt uns zur Halle D, in die die Menschen die Leichen gebracht haben, um sie aus der sengenden Tageshitze zu holen. Aber hier steht ein Soldat der Nationalgarde und verweigert unserem Fotografen den Zutritt. "Das muss man nicht sehen", sagt er. "Das ist ein provisorisches Leichenhaus. Wenn sie tote Menschen fotografieren wollen, dann gehen Sie doch in den Irak."

Der Krieg im Irak löst in New Orleans viele bittere Vergleiche aus. "Ich weiß nicht, was ich über Präsident Bush denken soll", sagt der 60-jährige Vietnam-Veteran Richard Dunbar. "Er konnte nicht schnell genug in den Irak kommen, aber für sein eigenes Volk hier in Louisiana hat er nur Worte übrig."

Mit letzter Kraft hat sich die 80-jährige Selma Valenti mit ihrem Ehemann zum Kongresszentrum geschleppt, weil sie seit Tagen nichts mehr zum Essen haben. Ihr Mann bricht in der Hitze zusammen und muss von einem Polizisten wiederbelebt werden. Das Ehepaar gehört zu den wenigen Weißen unter den Flüchtlingen und Valenti erzählt, wie sie von vier jungen schwarzen Männern bedroht wurden. "Sie haben uns gesagt, dass Busse kommen werden, um die Älteren wegzubringen und dass sie uns vorher töten werden. Sie hassen uns."

Bürgerrechtler weisen daraufhin, dass vor allem Schwarze und Arme in der Stadt zurückgeblieben sind, während der weißen Bevölkerung die Flucht vor "Katrina" rechtzeitig gelungen sei. Auch Fouchea ist verbittert. Die Menschen seien Tod und Hunger überlassen worden, weil sie arm seien, sagt er. Alle Hilfsmaßnahmen hätten sich zuerst auf das Französische Viertel der Stadt konzentriert, sagt er. "Weil da das Geld sitzt."

Mark Egan, Reuters



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