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Protest gegen Bürgermeister: New Yorks Polizisten stellen kaum noch Strafzettel aus

Sehen häufiger weg: Polizisten in New York Zur Großansicht
REUTERS

Sehen häufiger weg: Polizisten in New York

Sie machen nur noch Dienst nach Vorschrift: Seit dem Mord an zwei Kollegen verteilen New Yorks Polizisten 90 Prozent weniger Strafzettel und nehmen deutlich weniger Menschen fest. Es ist ein weiterer Schachzug im "Kalten Krieg" gegen den Bürgermeister.

New York - In New York geht die Zahl der Festnahmen und Strafzettel auffallend zurück. Seit dem 20. Dezember, dem Tag, an dem ein 28-Jähriger zwei Polizisten erschossen hat, wurden in der Stadt 90 Prozent weniger Strafzettel ausgestellt als im Vorjahreszeitraum. In der Woche vom 29. Dezember bis zum 4. Januar nahmen New Yorks Polizisten 2401 Menschen fest - im Vorjahr hatte es in der gleichen Woche 5448 Festnahmen gegeben. Wegen kleinerer Vergehen und Ordnungswidrigkeiten werde in New York so gut wie niemand mehr festgehalten, schreibt die "New York Times".

Die Polizei erklärte die Zahlen zunächst damit, dass die Polizisten um ihre ermordeten Kollegen trauern würden. Außerdem würden die vielen Demonstrationen gegen Polizeigewalt in der Stadt für sie zusätzliche Einsätze bedeuten. Tatsächlich drängt sich eine andere Erklärung auf: Die Polizisten wollen mit der Arbeitsverweigerung Bürgermeister Bill de Blasio unter Druck setzen.

Zwischen dem Bürgermeister und den fast 50.000 Polizisten des New York Police Department (NYPD) herrscht seit Wochen "Kalter Krieg", wie die "Daily News" es nannte: Abertausende New Yorker Polizisten geben ihrem politischen Dienstherren indirekt die Mitschuld an der Ermordung ihrer Kollegen Wenjian Liu und Rafael Ramos durch einen schwarzen Amokläufer. Der Bürgermeister habe "Blut an den Händen", sagte Pat Lynch, der Chef der größten New Yorker Polizeigewerkschaft.

De Blasio, der mit einer Afroamerikanerin verheiratet ist, hatte sich nach dem Tod von Eric Garner und Michael Brown zunächst bewusst mit den Demonstranten gegen Polizeigewalt solidarisiert. Als dann Liu und Ramos erschossen wurden, eskalierte die Situation: Der Täter hatte die Ermordung als Vergeltung für die Tötung unbewaffneter Schwarzer durch weiße Polizisten auf Instagram und Facebook angekündigt.

Gewerkschaftschef Lynch sagte, De Blasio habe das NYPD "den Wölfen zum Fraß vorgeworfen". Der Bürgermeister und die polizeikritischen Demonstranten hätten zu Gewalttaten gegen Polizisten ermuntert.

Bei der Trauerfeier für Wenjian Liu drehten Hunderte Beamte De Blasio den Rücken zu, als dieser das Wort ergriff. Auch bei der Trauerfeier für Rafael Ramos hatten Polizisten dem Bürgermeister demonstrativ den Rücken zugewendet.

De Blasio äußerte sich nun erstmals zu der Protestaktion und nannte sie "respektlos gegenüber den Familien der Opfer". "Ich kann nicht verstehen, wie jemand so etwas in einem solchen Kontext tun kann", sagte De Blasio bei einer Pressekonferenz.

Von einer Arbeitsverweigerung der Polizisten wollte er aber nichts wissen. Der Rückgang der Festnahmen und Strafzettel beziehe sich nur auf "wenige abweichende Tage".

Auch die Polizeigewerkschaften wollen nicht von einer geplanten Aktion sprechen. Im Interview mit der "New York Times" sagte Edward D. Mullins von der "Sergeants Benevolent Association" aber auch: "Die Leute reden miteinander. Es ist ansteckend geworden." Allerdings gehe es hier nur um nicht verhängte Geldbußen: "Das wird sich selbst korrigieren, da bin ich sicher." Auf alle Notrufe werde reagiert.

vet/AP/Reuters

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insgesamt 29 Beiträge
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1. NYPD uniformierte Beamte
uwe_tigoer 06.01.2015
Sie geben mit trauriger Regelmässigkeit die Beamtenzahl des New York Police Department mit 50.000 an. Das kann sich allerdings nicht mal New York City leisten. Die Zahl der uniformierten Polizisten in der Stadt beträgt nach Angaben des NYPD nur 34.500 und wird so auch von den Zeitungen hier in den USA angegeben, so dem Wall Street Journal und der NY Times. (Siehe: http://www.nyc.gov/html/nypd/html/faq/faq_police.shtml#1) Wenn Sie den Eindruck deutscher Besserwisserei, der "Viel Feind viel Ehr" Übertreibung oder der Wikipedia Referenz-Verwendung vermeiden wollen, sollten Sie den Sachverhalt korrigieren. Die Department Grösse ist auch so ziemlich beachtlich, gell? Uwe Tigoer, New York
2. Verständnis
Scinken 06.01.2015
Ich habe durchaus Verständnis für die Frustration vieler Polizisten in Amerika. Natürlich kam es zu übertriebener Polizeigewalt, und dies ist auch zu verurteilen, aber leider wird auch dort gerne generalisiert und diese Problematik auf den gesamten Polizeiapparat der VSA bezogen. Wenn ein Farbiger zum Beispiel ein Geschäft überfällt(was in den VSA bestimmt häufig passiert) , hätte die far vice Bevölkerung sicher ein Problem damit, wenn die Polizei verlauten lassen würde, dass Farbige zum Großteil Verbrecher sind. Genausowenig wollen die Polizisten so generalisiert werden. Und wenn de Blasio sich dem anschließt, brauch er sich nicht wundern, dass viele seiner Männer empört sind.
3. Mimimi
aspro86 06.01.2015
Vielleicht sollten die werten Polizisten ein bisschen weniger auf unbewaffnete Leute ballern und solche Leute dann wenigstens vor Gericht stellen (die Schuld oder Unschuld kann ja dann immer noch festgestellt werden). Könnte helfen, dass gar kein Anlass für solche Vergeltungsattentate besteht, ohne das in irgendeiner Form rechtfertigen zu wollen. Aber Selbstkritik ist nun keine hervorstechende Eigenschaft von Polizisten, auch hierzulande.
4.
chalchiuhtlicue 06.01.2015
Ich denke nicht, dass sich die Polizisten damit wirklich Freunde im Volk machen werden, selbst wenn dieses weniger Tickets zahlen müssen. Auf Dauer verliert die Bevölkerung dadurch Auf der anderen Seite gilt natürlich das Gleiche wie bei uns: Das Volk ist doof und kann nicht für 5 Minuten vorausschauend denken. Von daher könnte es auch sein, dass diese Situation die Bevölkerung kalt lässt.
5. Mutiger Bürgermeister
Unknown2014 06.01.2015
Ich finde es richtig, dass sich der Bürgermeister offen gegen Polizeigewalt geäußert hat. Dass das NY Police Department nun noch die beleidigte Leberwurst spielt ist einfach nur peinlich und armsrlig!
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Trauerfeier für Wenjian Liu: Geste des Protests


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Polizistenmord in New York: Letzter Salut für die Kollegen

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