Missbrauchsring in England "Schattige, düstere Welt"

In Newcastle sind Dutzende Mitglieder eines Missbrauchsrings verurteilt worden. Sie machten Mädchen mit Drogen gefügig und beuteten sie sexuell aus. Als Informanten schleuste die Polizei einen vorbestraften Vergewaltiger ein.

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In Newcastle im Nordosten Englands hat eine Gruppe über Jahre hinweg Hunderte junge Mädchen und Frauen mit Drogen gefügig gemacht und zu sexuellen Handlungen gezwungen. Es wurden mehrere Prozesse geführt, der bisher letzte endete am Mittwoch mit 18 Verurteilungen: 17 Männer und eine Frau wurden unter anderem wegen Vergewaltigung und Menschenhandels schuldig gesprochen.

Um den Tätern auf die Spur zu kommen, hatte die Polizei von Northumbria einen einschlägig vorbestraften Vergewaltiger in das Netzwerk eingeschleust und ihm etwa 10.000 Pfund gezahlt - eine umstrittene Maßnahme. Kinderrechtsorganisationen verurteilten den Schritt, die Polizei verteidigte ihr Vorgehen: "Das ist die Welt, die wir in solchen Fällen betreten müssen, sie ist schattig, düster und voller Risiko", sagte Polizeichef Steve Ashman.

In den vergangenen Jahren hatten ähnliche Missbrauchsfälle in England großes Aufsehen erregt. In der Stadt Rotherham wurden zwischen 1997 und 2013 mindestens 1400 Kinder sexuell ausgebeutet (mehr dazu lesen sie hier); 2012 war eine weitere Bande in Rochdale aufgeflogen. Sie hatte Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren missbraucht.

Die Ermittlungen in Newcastle haben nun erneut sexuellen Missbrauch in großem Umfang aufgedeckt. Die wichtigsten Fakten im Überblick:

Video: Kritik an der Polizeitaktik

Wie lief "Operation Sanctuary" ab?

Für die Polizei von Northumbria ist es die bisher größte Ermittlung zu sexueller Ausbeutung. Die Behörde rief "Operation Sanctuary" Anfang 2014 ins Leben, nachdem sie bei Ermittlungen erste Missbrauchsfälle in der Gegend aufgedeckt hatte. "Zwar wussten wir von einigen ähnlichen Verbrechen in kleinerem Ausmaß, aber wir hatten zu dieser Zeit noch keine Ahnung vom wahren Ausmaß der Verbrechen", sagte Polizeichef Ashman (lesen Sie hier seine Stellungnahme im britischen Original).

Dreieinhalb Jahren arbeitete ein Team von 50 Polizeibeamten an dem Fall. Bis heute wurden im Zuge der "Operation Sanctuary" 461 Menschen festgenommen und 278 Opfer ausgemacht, von denen bisher 20 ausgesagt haben. 93 Täter wurden verurteilt.

Die Ermittlungen sind noch nicht beendet: "Wir haben nie aufgehört, und wir werden nicht aufhören", sagt Ashman.

Wie ist die Polizei vorgegangen?

Um dem Netzwerk auf die Spur zu kommen, arbeitete die Polizei eng mit den örtlichen Behörden und der Bevölkerung zusammen. Auch Bar- und Hotelpersonal oder Taxifahrer hätten die Ermittlungen unterstützt, so Polizeichef Ashman. Diese Strategie habe sich bewährt, da erst durch die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung so viele der Opfer den Mut gefunden hätten, sich an die Polizei zu wenden.

Kritik rief dagegen ein anderer Ermittlungsansatz hervor: Um an interne Informationen zu gelangen, schleuste die Polizei für 21 Monate einen einschlägig vorbestraften Vergewaltiger in das Netzwerk ein. Kinderrechtsorganisationen sind entsetzt: Vergewaltiger dürften nicht in solche Ermittlungen einbezogen werden, teilte etwa die Kinderschutzorganisation NSPCC (National Society for the Prevention of Cruelity to Children) mit.

Diese Methode wirke auf viele Menschen abstoßend, sagte Polizeichef Ashman. Er betonte aber, dass es der Polizei ohne die Kontakte des Informanten nicht gelungen wäre, einige der schwersten Verbrechen aufzudecken und zu weitere verhindern: "Mit konventionellen Methoden wäre das nicht möglich gewesen."

Der Informant, der nur als "XY" bezeichnet wurde, hatte laut BBC und "Guardian" behauptet, er habe Mädchen zu Missbrauchs-Sessions begleiten und Drogen verteilen sollen. Ashman wies das entschieden zurück. Der Informant habe lediglich herausfinden sollen, wer involviert ist, welche Autos die Verdächtigen benutzten, wo sie wohnten. "XY" sei als Informant nie bei Missbrauch dabei gewesen. Die NSPCC betonte, die Polizei könne nicht wissen, ob "XY" sich stets an die Vorgaben gehalten habe.

Verurteilte auf Polizeifoto
AP

Verurteilte auf Polizeifoto

Wie sind die Täter vorgegangen?

Die Täter wurden unter anderem wegen Vergewaltigung und Menschenhandels verurteilt. Zwischen 2011 und 2014 haben sie ihre Opfer mit Alkohol, Cannabis, Kokain und anderen Drogen gefügig gemacht und missbraucht. Teilweise boten sie den Mädchen Alkohol und Drogen gegen Sex an. Sie sollen die Mädchen auch anderen Männern zum Sex überlassen haben.

Einem Bericht des "Guardian" zufolge spielte das "boyfriend model" eine wichtige Rolle. Dabei versuchten die Täter, ihren Opfern zunächst glaubhaft zu machen, dass sie ihnen etwas bedeuten, sie spielten Liebe und Zuneigung vor. Die Mädchen und jungen Frauen waren zwischen 14 und 25 Jahre alt und laut Polizei besonders anfällig, weil sie keine starken Bindungen hatten oder in schwierigen Umständen lebten.

"Das war eine Gruppe junger Frauen, die fälschlicherweise in den Glauben versetzt wurde, dass sie sich in der Gesellschaft von Freunden befinde. Den Frauen wurde Sicherheit suggeriert, damit sie denjenigen vertrauen, die sie letztendlich missbrauchten", sagte der Ankläger.

Wer sind die Täter?

Die einzige Frau unter den jetzt Verurteilten ist 22 Jahre alt, die Männer sind zwischen 27 und 44. Fast alle sind gebürtige Briten mit asiatischen Wurzeln. Laut "Guardian" kannten sich viele der Täter bereits aus Kindertagen oder waren miteinander befreundet.

Die Regierung müsse untersuchen, warum die meisten Männer in derartigen Missbrauchsnetzwerken pakistanischer Herkunft seien, sagte die Labour-Abgeordnete Sarah Champion. "Hat das kulturelle Gründe? Gibt es eine Art von Austausch in diesen Communitys?"

Champion ist sich der Brisanz des Themas bewusst. Sie werde von allen Seiten kritisiert werden, prognostizierte die Abgeordnete. "Rechtsaußen wird mir vorwerfen, zu wenig zu tun. Die Linke wird mir vorwerfen, ich sei eine Rassistin. Aber das ist nicht rassistisch. Es geht um den Schutz der Kinder." Die Polizei betonte, die Täter im Fall Newcastle entstammten verschiedener ethnischer Gruppen. Fälle wie in Newcastle und Rotherham seien nicht typisch für sexuellen Missbrauch.

Helen Beckett, die an der Uni Bedfordshire zu sexueller Ausbeutung von Kindern forscht, wies darauf hin, dass durch die Fokussierung auf einzelne ethnische Gruppen andere wichtige Muster sexuellen Missbrauchs aus dem Blick gerieten. "Wir wissen, dass sexuelle Ausbeutung viele verschiedene Formen hat."

hut/ege/AP/dpa



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