Newtown-Schulmassaker "Einer der schlimmsten Tage deines Lebens"

Vor rund einem Jahr erschoss Adam Lanza 20 Kinder und sechs Lehrer an der Grundschule in Newtown. Jetzt hat die Polizei Ermittlungsakten zu dem Massaker veröffentlicht. Sie enthüllen erschütternde Details aus dem Leben des Täters und über die Ereignisse am Tatort.

AP

Es ist eines der entsetzlichsten Gewaltverbrechen, die Amerika je erlebt hat: Am Morgen des 14. Dezember 2012 drang der damals 20 Jahre alte Adam Lanza in die Sandy-Hook-Grundschule seiner Heimatstadt Newtown im US-Bundesstaat Connecticut ein. Er tötete 20 Kinder und sechs Lehrkräfte. Zuvor hatte er seine Mutter Nancy erschossen, in deren Haus er lebte. Zum Schluss nahm er sich selbst mit einem Schuss aus einer Handfeuerwaffe das Leben.

Bereits im November hatte die Staatsanwaltschaft ihren offiziellen Abschlussbericht vorgelegt. Nun wurden zudem Tausende Seiten Ermittlungsmaterial veröffentlicht: Zeugenaussagen, Fotos, Videos.

Das Motiv Lanzas bleibt weiterhin unklar, doch die umfangreiche Recherchearbeit der Behörden gibt Aufschluss über den Gemütszustand des Todesschützen und rekonstruiert die letzten Tage im Leben Lanzas ebenso wie die tragischen Ereignisse im Schulgebäude. Viele Abbildungen und Passagen des Berichts, so berichten es Nachrichtenagenturen und US-Medien übereinstimmend, seien aus Rücksicht auf die Angehörigen der größtenteils minderjährigen Opfer geschwärzt und editiert. Man wollte den Eltern die blutigsten Details ersparen.

Dennoch bleibt kein Zweifel an dem Horror, der sich abgespielt hat. Bis zu 15 Kinderleichen fanden die Ermittler in einem Waschraum, der zu einem Klassenzimmer gehörte. Offenbar hatten sich die Schüler dort verstecken wollen, wurden jedoch von Lanza entdeckt, weil die Tür nicht richtig schloss. Der Anblick der Leichen muss so entsetzlich gewesen sein, dass die Polizei vor Ort nur die nervenstärksten Mitarbeiter auswählte, die Szenerie zu begutachten: "Das wird einer der schlimmsten Tage deines Lebens sein", wird die Warnung eines Sergeants an einen Untergebenen in dem Bericht zitiert.

Auch die Lehrerin Kaitlin Roig verschanzte sich zusammen mit mehreren Schülern in einem der Waschräume, nachdem sie "Schnellfeuer" nahe ihrem Klassenzimmer gehört hatte. Sie benutzte einen Büro-Rollcontainer, um die Badezimmertür von innen zu verbarrikadieren. Roig und die Kinder, die sie bei sich hatte, überlebten. Die Lehrerin war so verängstigt, dass sie ihr Versteck erst öffnete, als Polizeibeamte ihre Dienstmarken unter der Tür durchschoben, um ihr zu versichern, dass sie wirklich Rettungskräfte waren.

Psychische Störung blieb unbehandelt

Nancy Lanza lebte mit ihrem Sohn Adam acht Kilometer von der Sandy Hook Elementary School entfernt. Newtown ist ein kleiner Ort, rund hundert Kilometer von New York City entfernt. Seit 2001 lebte Lanza von Adams Vater getrennt. Hunderte Fotografien von den Wohnräumen Adams und Nancys sowie umfangreiche Aussagenprotokolle von Angehörigen und Freunden vermitteln einen Eindruck von Lanzas Leben. Ein Foto zeigt ihn als kleines Kind in kompletter Tarnuniform vor einem Waffenregal, umhängt mit Munitionsgurten. In den Schubladen seines Schreibtischs fanden die Ermittler Schusswaffen-Magazine. Die Fenster seines Zimmers waren mit schwarzer Plastikfolie verhängt.

Bei Lanza wurde laut Staatsanwaltschaft bereits 2005 das Asperger-Syndrom diagnostiziert, eine Form von Autismus. Das allein aber bedeute natürlich noch keine Neigung zu Gewalttaten. Es sei unklar, so die Ermittler, ob Lanzas psychische Probleme eine Rolle gespielt haben. Von den Fachkräften, die ihn untersuchten, habe niemand Anzeichen für das zukünftige Verhalten gefunden. Hinweise auf Gewalttätigkeit gab es nicht.

Allerdings legte Lanza durchaus auffälliges Verhalten an den Tag. Ein früherer Lehrer erzählte den Behörden von Schulaufsätzen "über Schlachten, Zerstörung und Krieg", die so explizit und grausam waren, dass sie nicht vor der Klasse vorgelesen werden konnten. Auf der Computerfestplatte Lanzas fanden die Ermittler laut "New York Times" selbst verfasste Horrorgeschichten über attackierende Babys sowie ein Drehbuch namens "Lovebound" über die Beziehung zwischen einem Zehnjährigen und einem 30 Jahre alten Mann. Offenbar vermisste Lanza seinen Vater, zu dem er jahrelang keinen Kontakt hatte, sehr. Verschiedenen Aussagen zufolge hatte ihn der waffenbegeisterte Vater als Kind oft auf Schießstände mitgenommen.

Eine Krankenschwester, die Lanza zwischen 2006 und 2007 behandelt hatte, erklärte den Behörden, dass Lanza dazu neigte, sich zwanghaft die Hände zu waschen und bis zu 20 Mal am Tag die Socken zu wechseln. Objekte, die ihm angereicht wurden, nahm er nie mit bloßen Händen entgegen, sondern zog sich die Ärmel über die Hände, bevor er zugriff.

Autisten neigen nicht generell zu Gewaltausbrüchen, leiden jedoch an einer tiefgreifenden Störung sozialer Interaktionen und haben es schwer, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Psychopharmaka, die Lanza verschrieben bekommen hatte, setzte seine Mutter jedoch nach kurzer Zeit ab, da Adam nach der Einnahme über motorische Störungen geklagt hatte. Die Krankenschwester hatte erfolglos versucht, Nancy Lanza davon zu überzeugen, dass daran nicht die Medikamente schuld sein konnten.

In den Monaten vor der Schießerei, auch aus Angst vor dem Supersturm "Sandy", habe Adam sein Zimmer nicht mehr verlassen und mit seiner auf demselben Stockwerk lebenden Mutter nur noch per E-Mail kommuniziert. Eine geplante Reise nach London habe Nancy einige Tage vor dem 14. Dezember abgesagt, weil es zu "kurzfristigen Problemen an der Heimatfront" gekommen sei, erklärte ein ehemaliger Freund der Mutter. Trotzdem sei Nancy wenige Tage vor dem Massaker zeitweise zu Bekannten nach New Hampshire gereist, als Experiment, um herauszufinden, ob Adam auch allein zurechtkommen würde. Dem Freund sagte sie besorgt, ihr Sohn sei "zunehmend niedergeschlagen".

bor/AP

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