Toulouse-Attentäter Frankreich rätselt über Merahs Radikalisierung

Wer oder was trieb den getöteten Serienmörder von Toulouse zu seinen Bluttaten? Präsident Nicolas Sarkozy erklärte in einem Radio-Interview, Mohamed Merah habe kein Ausbildungslager in Afghanistan besucht. Spekulationen über eine terroristische Zelle wies er zurück.

Attentäter Mohammed Merah: Radikalisierung über das Internet?
AFP/ France 2

Attentäter Mohammed Merah: Radikalisierung über das Internet?


Paris/Toulouse - Frankreichs Regierung hält im Falle der Serienmorde von Toulouse an der Einzeltäter-Theorie fest. Der mutmaßliche Schütze, Mohamed Merah, gehörte nach derzeitigem Stand der Ermittlungen weder zu einer Terrorgruppe noch besuchte er ein Trainingscamp in Afghanistan.

"Nach unserer Kenntnis gab es keine Zelle", sagte Staatschef Nicolas Sarkozy am Montag. Der Präsident wies im Radiosender France Info darauf hin, dass frühere Ermittlungen der Geheimdienste zu Mohamed Merah keinen Hinweis auf die später verübten Gewalttaten gegeben hätten. "Er hat kein Ausbildungslager absolviert, er war an keiner religiösen Hochschule und er hat sich nicht an terroristischen Handlungen beteiligt." Der 23-Jährige sei durch das Internet zum radikalen Islamisten geworden, der "ohne Vorwarnung oder Übergang brutalste Terrortaten beging".

Als einziger möglicher Mitwisser gilt bislang Merahs Bruder Abdelkader. Gegen ihn leitete die Justiz am Sonntagabend ein Anklageverfahren ein. Abdelkader Merah verurteile die Taten zutiefst und hoffe, "nicht zum Sündenbock für das zu werden, was sein Bruder getan hat", sagte Pflichtverteidigerin Anne-Sophie Laguens am Sonntagabend nach der Ausstellung des Haftbefehls.

Mohamed Merah hatte Mitte März insgesamt sieben Menschen erschossen, darunter an einer jüdischen Schule drei Kinder und einen Lehrer. Bevor er am vergangenen Donnerstag bei der Stürmung seiner Wohnung getötet wurde, hatte er sich selbst als Gotteskrieger bezeichnet und erklärt, dem Terrornetzwerk al-Qaida nahezustehen.

Seine Taten nahm Merah offenbar mit einer Kamera auf. Eine Kopie der Videos ist nach Informationen der Zeitung "Le Parisien" dem Pariser Büro des arabischen Nachrichtensenders al-Dschasira zugeschickt worden. Das Päckchen, das neben einem Speicherchip einen Brief enthalten habe, sei am Montag der Kriminalpolizei übergeben worden, die das Video für authentisch halte, berichtete die Zeitung in ihrer Online-Ausgabe.

Die Sendung trug demnach den Poststempel vom vergangenen Mittwoch. An diesem Tag hatte die Belagerung des Appartements bereits begonnen. Nach Informationen des Blattes versuchen die Ermittler nun herauszufinden, ob Merah selbst das Päckchen am Dienstagabend aufgegeben hat oder ob es später von einem möglichen Komplizen verschickt wurde.

Familie debattiert über Bestattung

Die Familie des von der Polizei erschossenen Serienmörders streitet unterdessen über den Ort für die Bestattung. Während einer der Brüder Merahs die Beisetzung in Frankreich befürworte, wolle die Mutter den Leichnam ihres Sohnes nach Algerien überführen lassen, sagte ein Vertreter der muslimischen Organisation CRCM am Montag nach Angaben der französischen Nachrichtenagentur AFP. Sie befürchtet offensichtlich, dass das Grab ihres Sohnes in Frankreich geschändet werden könnte. Merah selbst soll seinem Bruder gesagt haben, er wolle in seinem Geburtsland Frankreich beigesetzt werden. Algerien ist das Herkunftsland der Eltern.

In Paris geht die Diskussion um mögliche politischen Konsequenzen der Attentate weiter. Wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen dominiert das Thema Innere Sicherheit die Kampagnen der Kandidaten. Sarkozy, dem Umfragen zufolge eine Wahlniederlage gegen den Sozialisten François Hollande droht, hatte neue Anti-Terrorgesetze angekündigt. So sollen der wiederholte Besuch von Internetseiten, die den Terrorismus unterstützen, oder Reisen nach Afghanistan mit dem Ziel einer "Indoktrinierung" unter Strafe gestellt werden. Am Montag sagte der Präsident, im Fall eines Wahlsiegs werde er entsprechende Vorlagen ins Parlament einbringen.

Die rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen hat die Religion Merahs und seine algerische Abstammung zum Anlass genommen, im Wahlkampf erneut gegen Einwanderung Stimmung zu machen. Le Pen hatte am Sonntag bei einer Wahlkundgebung in Westfrankreich die Frage gestellt, wie viele Mohamed Merahs täglich mit Flugzeugen und Schiffen in Frankreich ankämen, und wie viele Mohamed Merahs unter nicht assimilierten Einwanderern seien.

Im Fall eines Wahlsiegs werde sie den radikalen Islam in die Knie zwingen - eine Anspielung auf eine Äußerung Merahs. Dieser hatte nach Angaben der Behörden während der Belagerung seiner Wohnung in Toulouse erklärt, er wolle Frankreich mit seinen Taten in die Knie zwingen.

bos/dpa/AFP

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