Cold Cases Niederländische Polizei hofft auf Inspektor Knacki

Zu den härtesten Polizeiaufgaben gehört die Aufklärung alter Fälle. In den Niederlanden sucht die Polizei nun da nach Zeugen, wo die mit etwas Glück viel Zeit verbringen: in Gefängnissen.


Die 13-jährige Ria de Vries war ein hübsches Mädchen mit langen dunklen Haaren. Am 3. Mai 1990 verließ die Niederländerin abends das Haus ihrer Mutter in Enschede, nahe der deutschen Grenze. Sie kam nie wieder zurück.

Fast ein Jahr später, am 9. April, machten Spaziergänger in einem Naturpark einen grausigen Fund: Menschliche Knochen. Schnell wird deutlich, es sind die sterblichen Überreste der vermissten Ria. Sie wurde ermordet, vom Täter fehlt jede Spur.

Das könnte sich nun ändern, wenn die mitspielen, die über diesen und andere Fälle vielleicht Konkretes wissen: Strafgefangene in den Gefängnissen der Niederlande.

Die niederländische Polizei hat einen Tischkalender drucken lassen, in dem 52 ungelöste Verbrechen mit Fotos und knappen Informationen vorgestellt werden. Jede Woche eins, Stoff für das Gespräch beim Essen - und vielleicht eine Chance, dass so eine wichtige, bisher verschwiegene Information in Umlauf kommt. Im April geht es um den Fall von Ria de Vries.

Der Cold-Case-Kalender 2018 wurde bisher in einer Auflage von 48.000 Stück verteilt. Interessierte können den Kalender als PDF-Datei herunterladen, alle Informationen werden auch über Webseiten der Polizei und über diverse Social-Media-Kanäle verteilt.

Mehr als 1500 Cold Cases in den Niederlanden

Die größten Hoffnungen setzt die niederländische Polizei aber auf die "Knackis" - denn die sitzen mit etwas Glück an der Informationsquelle. So appelliert der Kalender ans Gewissen der Gefangenen und bittet freundlich um Mithilfe, wenn nötig auch anonym: "Vielleicht halten Sie schon Jahre lang Informationen verborgen und wollen oder müssen dies nicht länger tun." Und damit das auch jeder versteht, gibt es das Ganze gleich in fünf Sprachen: Niederländisch, Englisch, Russisch, Arabisch und Spanisch.

Mehr als 1500 sogenannte Cold Cases gibt es in den Niederlanden - nie aufgeklärte Verbrechen, wie der Mord an der Schülerin aus Enschede. Es sind Morde, Vergewaltigungen, Raubüberfälle oder Entführungen, und alle sind älter als drei Jahre. Der Kalender soll helfen, den Tätern vielleicht doch noch auf die Spur zu kommen.

Die Idee ist simpel: Gefangene wissen viel, und sie haben Zeit. "Wir wissen, dass sie relativ viel über begangene Verbrechen wissen", sagt der Kriminalexperte Jeroen Hammer. Schließlich redeten die Insassen miteinander - auch aus Langeweile oder Angeberei.

Und viele Häftlinge scheuen sich nicht, Informationen an Ermittler weiterzugeben. Zwei Drittel finden den Kalender laut einer Umfrage eine gute Idee. "Sie wollen mit uns reden", sagt der Sprecher der niederländischen Kriminalpolizei, Robbert Salome. Hilfreich ist wohl auch die versprochene Belohnung von 10.000 bis zu 20.000 Euro für einen entscheidenden Hinweis.

Im vergangenen Jahr hatte die Polizei einen solchen Kalender erstmals in einigen Haftanstalten getestet. Mit Erfolg: "2017 bekamen wir 78 Hinweise, 32 davon waren sehr brauchbar", sagt Salome. In neun Fällen wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen. "Wir sind zuversichtlich, dass es Festnahmen und auch Verurteilungen geben wird", sagt der Sprecher. Um welche Fälle es geht, wird mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht bekanntgemacht.

Ziel ist natürlich Gerechtigkeit und die Bestrafung der Täter. Doch fast ebenso wichtig ist den Ermittlern, dass Angehörige endlich Gewissheit haben. Sie könnten durch die Klärung eines Falles das dunkle Kapitel abschließen, sagt der Leiter der niederländischen Cold-Case-Einheit, Aart Garssen. "Angehörige und Verdächtige müssen wissen: Die Polizei lässt Cold Cases niemals ruhen."

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Cold-Case-Kalender: Ein ungelöster Fall pro Monat

Auch die Angehörigen des Mädchens Ria hoffen noch nach all den Jahren auf Antworten, schreiben die Ermittler im Kalender. "Wenn Sie Informationen haben, die zur Lösung führen können, dann sollen sie Ihnen dafür sehr dankbar sein."

Auf die Idee zu dem Kalender kamen die Niederländer durch ihre US-Kollegen. Die Polizei in New York ließ Spielkarten mit Informationen zu ungelösten Verbrechen drucken und verteilte sie an Gefangene.

Auch Europol nutzte bereits einen Kalender im Internet als Fahndungsmittel. Zur Weihnachtszeit 2016 ging die europäische Polizeibehörde mit einem Adventskalender auf Verbrecherjagd. Hinter 24 Türchen verbargen sich die Steckbriefe der 24 meistgesuchten Verbrecher, Europas "Most Wanted".

Die Kombination von seliger Weihnachtszeit und knallharter Verbrechersuche ging zwar so manchem Kritiker zu weit, aber sie war erfolgreich. Im Dezember 2016 wurde in Amsterdam ein Mann festgenommen, der zuvor acht Jahre lang von der englischen Polizei wegen Kindesmissbrauchs gesucht worden war.

Annette Birschel, dpa/pat

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