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Prozess um verhungerte Frau: Elender Tod auf dem Wohnzimmersofa

Von , Verden

Angeklagte in Verden mit Anwälten (Archiv): Erschütternde Zustände Zur Großansicht
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Angeklagte in Verden mit Anwälten (Archiv): Erschütternde Zustände

Eine alkoholkranke Frau verhungert auf ihrem Sofa, ihr Ehemann und ihre Tochter holen keine Hilfe. In dem erschütternden Fall hat die Staatsanwaltschaft nun plädiert - und den ursprünglichen Vorwurf des Mordes abgeschwächt.

Als Anke T. aufhörte zu atmen, nahm ihr Ehemann ein Kissen und legte es auf ihr Gesicht. Die gemeinsame Tochter Melanie sollte die Mutter so nicht sehen, sagt er. Wochen, vielleicht Monate lang hatte Anke T. auf dem Sofa der Familie im Wohnzimmer gelegen, vor sich hinvegetiert, sich dem Sterben hingegeben. Sie war nicht mehr aufgestanden, auch nicht, um auf die Toilette zu gehen. Am Ende wog sie 26 Kilogramm, ihr Körper war nur Haut und Knochen und von Maden befallen. Ein Anblick, den Michael T. der Tochter über all die Wochen nicht erspart hatte.

Seit Mitte September wird die Familientragödie, die sich in einem beschaulichen Dorf in Niedersachsen zutrug, vor dem Landgericht Verden verhandelt. Michael T., 50, und Melanie T., 18, sind wegen gemeinschaftlichen Mordes durch Unterlassen angeklagt. Sie sollen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Anke T. absichtlich nicht versorgt und sie ihrem Schicksal überlassen haben, bis sie am 19. März 2015 tot aufgefunden wurde.

Das angebliche Motiv von Ehemann und Tochter: Hass und Rache, weil Anke T. durch ihre jahrelange Alkoholsucht die Familie und vor allem sich selbst vernachlässigt habe.

In ihrem Plädoyer ruderte Staatsanwältin Annette Marquardt nun zurück. Die Hauptverhandlung habe gezeigt, dass die Mordmerkmale Grausamkeit und niedrige Beweggründe doch nicht erfüllt seien. Aber: "Beide wussten, dass Anke T. stirbt, wenn man nicht einschreitet." Beide hätten nur zugesehen, keine Hilfe geholt und damit vorsätzlich einen Totschlag begangen.

Überall Katzenkot

Marquardt schilderte noch einmal in allen Details das verwahrloste Zuhause der Familie: die vermüllten Zimmer, die verschimmelten Lebensmittel, überall Katzenkot. Ihren Ermittlungen zufolge muss Anke T. sechs, sieben Wochen vor ihrem Tod gestürzt sein, sich den linken Hüftknochen gebrochen haben. Die Verletzung soll sie so eingeschränkt haben, dass sie sich nicht mehr vom Sofa wegbewegen konnte: eine schwere Alkoholikerin, die am sogenannten Korsakow-Syndrom litt, einer typischen Erkrankung bei chronisch Alkoholsüchtigen. Die Betroffenen verlieren unter anderem ihr Kurzzeitgedächtnis.

Marquardt schilderte auch detailliert den verwahrlosten Zustand der Anke T., deren Leiche "eine physische Einheit mit dem Sofa" geworden war. Ihr Körper war von Maden übersät. "Ich bin fassungslos", sagte Marquardt. Die Todesursache sei eindeutig: "Die Frau ist verhungert und verdurstet."

Was haben die Angeklagten vom Zustand ihrer Frau und Mutter tatsächlich mitbekommen?

Nach Ansicht von Staatsanwältin Marquardt wussten beide sehr genau, dass Anke T. ohne fremde Hilfe das Sofa nicht mehr verlassen, sich nicht selbst versorgen, sich nicht einmal mehr drehen konnte. Michael T. habe in Vernehmungen den allmählichen Abbau seiner Ehefrau beschrieben. Demnach sei Anke T. so schwach gewesen, dass sie nur aus Plastikflaschen habe trinken können. Er habe gewusst, dass sie ihre Notdurft auf dem Sofa verrichtete, er habe die Bettwäsche nicht gewechselt, sich aufgrund des Gestanks jeden Morgen übergeben müssen. Hilfe holte Michael T. keine. "Er hat nur zugesehen", sagt Marquardt.

Verteidiger Michael Brennecke hatte im Verlauf des Prozesses mehrfach Einlassungen seines Mandanten verlesen, wie es so weit habe kommen können. Demnach habe Michael T. die tödliche Gefahr nicht erkannt, nur deshalb habe er keine Hilfe geholt. Dass seine Ehefrau in ihrem Kot lag, übersät von Maden, habe er nicht vermutet, nie habe er die Decke hochgehoben, unter der Anke T. lag.

Ein Anruf hätte gereicht

Staatsanwältin Marquardt tat die Erklärungen als "Schutzbehauptungen" ab, betonte aber, dass Michael T. durchaus über viele Jahre die Probleme in der Familie ertragen, seine Frau unterstützt und den Haushalt geschmissen habe. Irgendwann sei er jedoch "an einen Punkt gelangt, an dem ihm seine Kräfte ausgingen".

Ein Anruf hätte gereicht. "Dem Sterbevorgang zusehen, im selben Raum schlafen - das muss man strafverstärkend berücksichtigen", sagte Marquardt und forderte für Michael T. zehn Jahre Haftstrafe.

Auch Tochter Melanie habe mitbekommen, dass ihre Mutter völlig hilflos war. Das Mädchen sei "emotional abgestumpft", so Marquardt. Einem Freund schrieb sie wenige Stunden nach dem Tod der Mutter per WhatsApp: "Es klingt hart, aber ich bin stolz, dass sie weg ist." Einem Rettungssanitäter gegenüber sprach Melanie T. davon, dass die Mutter "verreckt" sei.

Ihr Verhalten, so Marquardt, sei zwar mit der mangelnden Sozialisierung, den desolaten Zuständen zu Hause und dem zerrütteten Verhältnis zur Mutter zu erklären, aber dennoch zu bestrafen, "um erzieherisch auf sie einzuwirken". Denn wirklich realisiert habe Melanie das Geschehen offensichtlich nicht, zumindest habe sie Reue bei dem Mädchen vermisst, sagte die Staatsanwältin. Als die Rechtsmediziner die erschütternden Details zum Leichnam der Anke T. vor Gericht ausführten, "war Heiterkeit angesagt auf der Anklagebank", sagte Marquardt mit Blick zu der 18-Jährigen und forderte fünf Jahre Jugendstrafe.

Die Sucht isolierte die Familie

Melanie T.s Verteidiger Jochen Zersin plädierte hingegen auf Freispruch. Seine Mandantin sei zwar "fertig mit ihrer Mutter" gewesen, ihren Tod aber habe sie nicht gewollt. "Sie war mit der Situation komplett überfordert." Er fasste noch einmal die prekären Verhältnisse zusammen, in denen Melanie aufgewachsen ist. Das Mädchen sei von kleinauf Opfer einer Mutter gewesen, die betrunken, ungepflegt und von Läusen befallen in der Öffentlichkeit aufgetreten sei. Ihr von der Sucht geprägter Lebensstil habe die gesamte Familie isoliert.

Tatsächlich ist die Alkoholsucht von Anke T. seit 2005 in Akten von Krankenhäusern und Behörden dokumentiert, ebenso die vergeblichen Versuche des Jugendamts, Melanie und ihre ältere Schwester aus der Familie zu holen. Mit dem Engagement des Jugendamts habe sich die Chance eröffnet, sagte Zersin, die Lebenssituation seiner Mandantin zu verändern. "Leider vergeblich."

Am kommenden Freitag soll der Verteidiger von Michael T. plädieren. Im Anschluss könnte die 3. Große Jugendstrafkammer unter dem Vorsitz von Richter Joachim Grebe das Urteil fällen.


Mehr zu dem Fall im SPIEGEL 50/2015: "Tod vor dem Fernseher"

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