Patientenmörder "Sie geraten in eine Abwärtsspirale"

Die Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel wirft Fragen auf: Warum werden Helfer zu Mördern? Und wieso bleiben die Taten teils Jahre unentdeckt? Ein Psychiater gibt Antworten.

imago/ Eibner Europa

Ein Interview von


Zur Person
  • privat
    Dr. Karl H. Beine, 67, ist Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie am St. Marien-Hospital in Hamm und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Er befasst sich seit 25 Jahren mit dem Thema Patiententötungen in Kliniken und Heimen. Gemeinsam mit Jeanne Turczynski hat er das Buch "Tatort Krankenhaus" (Verlag Droemer Knaur) geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Niels Högel muss sich vor dem Landgericht Oldenburg wegen Mordes an 100 Menschen verantworten. Vermutlich hat er 200 bis 300 Patienten getötet. Gibt es ähnliche Fälle?

Karl H. Beine: Was die Opferzahl angeht, ist dies weltweit ein singuläres, monströses Einzelereignis. Das gilt nicht für andere Facetten des Falles.

SPIEGEL ONLINE: Welche Aspekte meinen Sie?

Beine: Wir wissen nichts über die tatsächliche Dunkelziffer von Serientötungen in deutschen Krankenhäusern. Von den Verantwortlichen kommt immer reflexartig das Statement, dass es sich um Einzelfälle handelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele belegte Fälle in Deutschland gibt es, bei denen Krankenhauspersonal mehrere Patienten tötete?

Beine: Der erste bekannt gewordene Nachkriegsfall wurde im Jahr 1976 abgeurteilt. Danach gibt es in Kliniken und Heimen neun gerichtsbekannt gewordene Tötungsserien. Fälle in Kinderkliniken wurden dabei nicht einbezogen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Besondere an Morden in Krankenhäusern?

Beine: Helfer sind diejenige Tätergruppe, von der man am wenigsten erwartet, dass sie so etwas tut. Aber der Tod ist im Krankenhaus normal. Und die Methoden, mit denen getötet wurde, wirken oberflächlich betrachtet wie alltägliche medizinische Verrichtungen.

SPIEGEL ONLINE: Bei Högel geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass er aus Geltungssucht und Langeweile handelte - gibt es weitere typische Motive?

Beine: Die Täter sind überdurchschnittlich unsicher. Sie reagieren besonders sensibel darauf, wenn Lob ausbleibt, oder wenn sie Kritik einstecken müssen. Vermutlich haben sie den Helferberuf auch deshalb ergriffen, um sich im Glanze seines Sozialprestiges zu sonnen. Sie versprachen sich, dass es ihnen selbst dadurch auch besser geht. Das bleibt natürlich aus.

SPIEGEL ONLINE: Wozu führt das?

Beine: Sie geraten in eine Abwärtsspirale. Die permanente Konfrontation mit Sterben und Leid verbindet sich mit ihrer eigenen Verbitterung. Es gibt zwei Gruppen: Die kleinere Gruppe, zu der Högel gehört, verfällt in Aktionismus. Er hat seinen Selbstwert dadurch stabilisiert, dass er selbstgemachte Notfälle inszenierte und anschließend beherrschte.

SPIEGEL ONLINE: Und die größere Gruppe?

Beine: Die tötet direkt. Die Täter sind nicht mehr in der Lage, zwischen dem eigenen und dem fremden Elend zu unterscheiden. Sie denken, sie tun dem Menschen einen Gefallen, den sie von "seinem Leiden erlösen".

SPIEGEL ONLINE: Niels Högel hat über fünf Jahre hinweg getötet - wie gelingt es Tätern, so lange unerkannt zu bleiben?

Beine: Grundsätzlich ist der Gedanke ungeheuerlich, dass ein Kollege Menschen tötet. Bevor sich Ungereimtheiten zu einem Verdacht formieren, dauert es. Zudem gibt es erschreckendes Versagen der Führungen in Krankenhäusern.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Beine: Hinweise werden nicht ernst genommen, getreu dem Motto, "so etwas kann es geben, aber nicht bei uns." Dann entsteht eine Arbeitsatmosphäre, in der die Mitarbeiter, die sich Gedanken gemacht haben, ihre Bedenken nicht mehr äußern. Auch wegen der Personalknappheit konzentrieren sie sich auf ihr Kerngeschäft.

SPIEGEL ONLINE: Hoffen Sie, dass dieser Missstand im Prozess gegen Högel zur Sprache kommt?

Beine: Ich habe die Hoffnung, dass den Hinterbliebenen Genugtuung und Gerechtigkeit widerfährt. Danach kommt der Prozess gegen diejenigen, die gute Zeugnisse geschrieben, konkrete Verdächte ignoriert oder gar vertuscht haben. Von dem verspreche ich mir, dass sich der Aufklärungswille und der Aufklärungszwang in deutschen Kliniken vergrößert.

SPIEGEL ONLINE: Diese Erwartung ist bei Ihnen auch persönlich geprägt. Ein Pfleger, mit dem sie gearbeitet haben, tötete ebenfalls mehrere Menschen.

Beine: Als Wolfgang L. im Dezember 1990 in Gütersloh verhaftet wurde, habe ich nicht mehr in der Klinik gearbeitet. Aber ich kannte die Patienten zum Teil, und ich kannte den Pfleger. Ich war entsetzt darüber, dass in dieser Umgebung so etwas passieren konnte und habe nicht verstanden, warum. Es gab keine Studien dazu. Ich habe angefangen, mich mit parallelen Fällen zu beschäftigen, habe Gerichtsakten gelesen, Prozesse ausgewertet.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich ein weiterer Fall Högel vermeiden - wann sollte man misstrauisch werden?

Beine: Wenn ein Mitarbeiter bei Todes- oder Notfällen auffällig häufig anwesend ist. Alarmstufe Rot ist gegeben, wenn Spitznamen verteilt werden. Högel hieß lange Zeit, bevor er verhaftet wurde, "Rettungsrambo". Eine schleichende Persönlichkeitsveränderung muss ebenso auffallen, wie wenn aus einem schnoddrigen Umgangston ein menschenverachtender wird. Es muss das Bewusstsein geben, dass es solche Tötungsserien auch in Deutschland gegeben hat. Andere Maßnahmen sind etwa, automatisierte Medikamentenverbräuche besser zu kontrollieren. Alles das setzt voraus, dass es ein Klima von Achtsamkeit und wechselseitiger Wertschätzung gibt.



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