Freispruch im Prozess um den Tod von Niklas P. Das Schweigekartell

Der Prozess um den Tod von Niklas P. endete mit einem Freispruch - dabei gibt es Zeugen, die wissen müssen, wer in der Tatnacht zuschlug. Doch die sagen nichts. Für die Mutter des Jungen ist das kaum zu ertragen.

Von Christian Parth, Bonn


Es ist ein bewegender Augenblick, als Thomas Düber sich von seinem Sitz erhebt und das Wort ergreift. Der Nebenklageanwalt im Prozess um den Tod von Niklas P. redet langsam und mit leiser Stimme. Seine Mandantin, die Mutter des Opfers, hört in aufrechter Haltung zu.

"Es war ein Jahr, in dem meine Mandantin vielfach durch die Hölle gehen musste. Ein Jahr der Trauer um den Verlust des geliebten Kindes", sagt Düber zu Beginn seines Plädoyers. Es gehe nun ein Prozess zu Ende, der ihren "Glauben an Gerechtigkeit und Moral hat schwinden lassen." Im persönlichen Gespräch wird er später sagen: "Sie ist am Boden zerstört."

Am frühen Mittwochnachmittag, nach 18 Prozesstagen, verlässt Walid S. das Bonner Landgericht als freier Mann. Vor der Tiefgarage am nahegelegenen Friedensplatz warten bereits seine Kumpels. Der heute 21-Jährige wurde zwar wegen einer anderen Schlägerei zu einer achtmonatigen Jugendstrafe verurteilt, doch die hat er durch die lange Untersuchungshaft bereits abgesessen. Als Hauptangeklagter wegen des Todes von Niklas P. wurde Walid S. freigesprochen.

Gedenken an Niklas P.
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Gedenken an Niklas P.

Niklas P. war mit Freunden und Freundinnen in der Nacht zum 7. Mai 2016 nahe dem Kurpark im Bonner Stadtteil Bad Godesberg auf eine andere Gruppe Jugendlicher getroffen. Die Staatsanwaltschaft war anfangs überzeugt, dass Walid S. den 17-Jährigen niedergeschlagen und ihm, als er regungslos am Boden lag, noch ins Gesicht getreten habe. Niklas starb wenige Tage später im Krankenhaus.

Doch während des Prozesses kamen Zweifel auf, ob S. wirklich der Täter war. Selbst die Staatsanwaltschaft forderte schließlich einen Freispruch.

"Wir können nicht beweisen, dass er geschlagen hat. Wir können nicht beweisen, dass er am Tatort war", begründet Richter Volker Kunkel das Urteil. Bevor er sich der Begründung widmet, holt der Vorsitzende zu einer Generalkritik aus: "Das Verfahren wurde instrumentalisiert. Personen aus Kirche, Politik und Medien haben sich in Szene gesetzt", poltert Kunkel. Der Prozess sei größer gemacht worden, als er eigentlich ist. Der Angeklagte sei dämonisiert worden. Die sozialen Medien hätten sich einmal mehr als "asozial" entpuppt. An Niklas' Mutter gewandt sagt Kunkel: "Hochachtung dafür, wie Sie dieses Verfahren durchgestanden haben. Sie haben unser Mitgefühl."

Fast eine Stunde lang seziert der Vorsitzende minutiös die Beweisaufnahme - vor allem auch, um der Mutter des Opfers verständlich zu machen, warum die Zweifel an der Täterschaft von Walid S. eine Verurteilung nicht zuließen. Vor allem die Aussagen des Hauptbelastungszeugen schätzte das Gericht als nicht belastbar ein.

Abenteuerliche Geschichte über nächtlichen Jackentausch

Der Begleiter von Niklas in der Tatnacht hatte Walid S. zwar auf Bildern wiedererkannt, aber zwischenzeitlich auch andere Tatverdächtige ins Spiel gebracht, die zur fraglichen Zeit nachweislich nicht am Tatort gewesen sein konnten. Auch eine Jacke, die beim Angeklagten gefunden wurde und auf der winzige Blutspritzer des Opfers waren, reichte dem Gericht nicht aus. Walid S. hatte eine abenteuerliche Geschichte von einem doppelten Jackentausch in der Tatnacht erzählt. Aber neben einer Mischspur des Angeklagten befanden sich an der Jacke zahlreiche DNA-Spuren unterschiedlicher Menschen, die allesamt zum Freundeskreis des Angeklagten zählen. Darunter auch die DNA von Hakim D., dem eigentlichen Besitzer der Jacke.

In den Vernehmungen wurde der Name Hakim D., dessen Ähnlichkeit mit Walid S. selbst die Staatsanwaltschaft verblüffte, immer wieder genannt. Den Aussagen zufolge habe man sich in der Godesberger Szene erzählt, dass D. der Täter sei. Der Tunesier, der zwischenzeitlich wegen einer anderen Sache im Gefängnis saß, verweigert bis heute die Aussage. In den nun neu beginnenden Ermittlungen wird er wieder in den Mittelpunkt rücken. "Einen weiteren Tatverdächtigen haben wir nicht", sagte Staatsanwalt Florian Geßler dem SPIEGEL.

Knapp 50 Zeugen hatte das Gericht gehört. Zur Klärung des Geschehens konnte allerdings kaum einer etwas beitragen. Denn die meisten der Befragten erinnerten sich angeblich an nichts mehr. Nebenklagevertreter Düber sprach von einer "pathologischen Amnesie".

Während des Prozesses hatte sich eine Art Schweigekartell gebildet. Zeugen sollen eingeschüchtert und bedroht worden sein. Roman W., der als Mittäter angeklagt ist und dessen Urteil nächste Woche gefällt werden soll, sitzt nach zwischenzeitlicher Freilassung wieder in U-Haft, weil er einen Zeugen zusammengeschlagen haben soll. "Der Rechtsstaat kapituliert vor falsch verstandener Loyalität und Ehrgefühl", kritisiert Nebenklageanwalt Düber. "Es bringt meine Mandantin an die Grenzen des Erträglichen, dass es Menschen gibt, die wissen, wer es war, aber schweigen."

Beschimpfungen im Web

Der Nebenklageanwalt kritisiert die Ermittlungsbehörde scharf. "Die Staatsanwaltschaft hat andere Ermittlungsansätze zu schnell außer Acht gelassen", sagt Düber. Alternative Möglichkeiten der Täterschaft seien nicht ausreichend verfolgt worden. Auch Martin Kretschmer, der Verteidiger von Walid S., hatte beklagt, dass sich die Ermittler zu schnell auf seinen Mandanten fokussiert hätten. "Eine andere Täterschaft war irgendwann gar nicht mehr gewollt."

In der Tat standen die Behörden zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung unter Druck. Niklas starb nur wenige Monate nach der Kölner Silvesternacht, Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger stand zu dieser Zeit wegen der schleppenden Aufklärung schwer unter Beschuss. In dieses Spannungsfeld hinein fiel der Tod von Niklas P.. Und wieder standen mutmaßliche Täter nordafrikanischer Herkunft im Mittelpunkt. Häufig wurde der Vorwurf laut, Düsseldorf erwarte von den Ermittlern rasche Ergebnisse.

Die Staatsanwaltschaft wehrt sich: "Das stimmt einfach nicht. Wir hatten keinen Druck. Weder aus einem Ministerium noch von der Generalstaatsanwaltschaft. Ich habe keinen einzigen Anruf erhalten", beteuerte Staatsanwalt Geßler. Im Internet war er immer wieder beschimpft worden - vor allem, als er wegen einer für den Tod entscheidenden Vorschädigung von Niklas' Blutgefäßen im Gehirn die Anklage von Totschlag auf Körperverletzung mit Todesfolge minderte. "Es ist erschreckend, wie viele Leute da draußen rumlaufen, die keine Ahnung haben, wie ein Rechtsstaat funktioniert", sagt Geßler.

Denise P. im Bonner Landgericht
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Denise P. im Bonner Landgericht

Die Mutter von Niklas hat Akten gewälzt, Aussagen akribisch mitgeschrieben und sich mit Experten der Uni Bonn auseinandergesetzt, um das Zeugenverhalten für ihre Bewertung besser einordnen zu können. Sie hält Walid S. für den Täter. Und doch verkenne sie nicht, sagt ihr Anwalt im Plädoyer, dass ihr subjektives Empfinden nicht zur Verallgemeinerung tauge und dass sich die Zweifel aus juristischer Sicht nicht einfach so vom Tisch wischen ließen.

Sie könne jetzt nur noch hoffen, dass ihre "schmerzliche Erfahrung" ein Umdenken bei jenen bewirkt, die genau wissen, wer ihr den Sohn genommen hat. "Sie wünscht niemandem, auf die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit Dritter angewiesen zu sein", erklärt Düber.

Ermittler, Verteidigung und Nebenklage bezweifeln allerdings gleichermaßen, dass doch noch Zeugen aus der Kurpark-Clique ihr Schweigen brechen. Und dann könnte das passieren, was für die Mutter von Niklas immer als das Schlimmste galt: Der Verantwortliche für den Tod ihres Sohnes bliebe unbestraft.

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