Tödliche Prügelattacke in Bad Godesberg Rechte kapern Trauerfeier für Niklas P.

Der 17-jährige Niklas P. starb nach einer Prügelattacke - zwei Täter sollen dunkelhäutig sein. Rechte Gruppen verbreiten am Tatort rassistische Parolen, achtmal so viele Bonner stellen sich ihnen entgegen.

DPA

Aus Bonn-Bad Godesberg berichtet Claudia Hauser


Es ist mitten am Tag, doch an diesem Ort in Bonn-Bad Godesberg wird zunächst nur geflüstert. Wenn die Menschen an diesem Samstag überhaupt etwas sagen. Es ist der Ort, an dem Niklas P. vor einer Woche von drei Männern so brutal zusammengeschlagen wurde, dass er sechs Tage später starb.

Am Tatort liegen Blumen zwischen brennenden Kerzen. Diejenigen, die den 17-Jährigen kannten, haben versucht, in Worte zu fassen, was sie fühlen. "Niklas, du kannst mir glauben, dass alle nur noch an dich denken und es einfach nicht fassen können", steht auf einem Zettel. Daneben liegt ein Rosengesteck: "In Liebe, Deine Mama".

Anne Weber wischt sich mit der Hand die Tränen von den Wangen. "Was hätte man machen können?", fragt sie. "Man kann ja einen 17-Jährigen nicht überall hinfahren und nachts wieder abholen." Ihr Sohn ist im selben Alter wie Niklas. In dem ehemaligen Bonner Diplomatenviertel Bad Godesberg sorgt der Tod des Jugendlichen für Entsetzen.

Gitter verhindern, dass Rechte Blumen ablegen

Zwei Stunden später wird der Trauerort von Lautsprechern beschallt. "Heute seid ihr tolerant, morgen fremd im eigenen Land", brüllt eine junge Frau. Rechte Gruppen haben sich zu einer Demo zusammengefunden. Sie hatten diese zwar schon länger angemeldet; doch die etwa 50 Teilnehmer - weniger als erwartet - instrumentalisieren jetzt den Tod des 17-Jährigen, um ihre Parolen loszuwerden. So empfinden es die ungefähr 400 Menschen, die zu der von mehreren Parteien, Kirchen und Gewerkschaften unterstützten Gegendemonstration "Bonn stellt sich quer" gekommen sind.

Die beiden Gruppen stehen sich gegenüber, nicht einmal eine Minute Fußweg liegt zwischen ihnen - sowie ein Großaufgebot an Polizisten und die zweispurige Rheinallee. Gitter verhindern, dass die rechten Demonstranten Blumen am Tatort ablegen können.

"Nazis raus!" schallt es von der einen Seite, während an der Rüngsdorfer Straße / Ecke Rheinallee die Rechten die Täterbeschreibungen der Polizei vorlesen. Die drei Männer sind noch flüchtig. "Dunkler Hauttyp, schwarze Haare, etwa 17 bis 20 Jahre alt" - so haben Niklas' Freunde, die an jenem Abend mit ihm unterwegs waren, zwei von ihnen beschrieben. Sehr viel mehr weiß man noch nicht, aber das reicht den Rechten, um den Untergang des Abendlandes zu prognostizieren.

"Es ist unerträglich", sagt eine 48-jährige Anwohnerin, die gekommen ist, um Blumen am Tatort abzulegen. "Sie missbrauchen das Opfer für ihre Zwecke - ich verstehe nicht, warum so etwas möglich ist." Auch Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan ist zur Gegendemo gekommen. "Ich finde es abscheulich, dass die Rechten Ort und Zeitpunkt ausnutzen, um ihre Ansichten zu skandieren."

Niklas' Freunde wollen trauern, nicht demonstrieren

Niklas P. war ein Zufallsopfer, er kannte die Täter nicht. Er war mit einem Freund und zwei Freundinnen am 7. Mai bei der Großveranstaltung "Rhein in Flammen" und gerade auf dem Weg zum Bahnhof, als die Gruppe auf die drei Täter traf. Es soll einen kurzen Streit gegeben haben, dann traten die Männer den 17-Jährigen brutal zusammen. Ein Notarzt reanimierte ihn noch am Tatort. Doch die Verletzungen durch Schläge und Tritte waren zu schwer; Ärzte der Bonner Uniklinik konnten Niklas P. nicht mehr retten.

Mehrere Teams einer Mordkommission ermitteln nun auf Hochtouren. Einige Hoffnungen hatten die Ermittler in die Auswertung von Aufnahmen einer Kamera gesetzt, die am Kiosk oberhalb des Tatorts hängt. Doch die Kamera war in der Tatnacht außer Betrieb.

Die Staatsanwaltschaft hat eine Belohnung von 3000 Euro ausgesetzt für Hinweise, die zu den Tätern führen. Eltern rufen bei der Polizei an und bieten an, die Belohnung aufzustocken, Schüler haben den Beamten beim Verteilen eines Fahndungsplakats geholfen. "Die Reaktionen sind enorm, die Menschen bewegt der Tod des Jungen sehr", sagt ein Polizeisprecher. Die Meldung zur Tat auf der Facebook-Seite der Polizei wurde bereits 280.000 Mal aufgerufen. "Das gab es noch nie."

Im Laufe dieses Samstags kommen auch viele Jugendliche und bringen Blumen. "Es hätte Niklas nicht gefallen, dass die Rechten hier ihre Musik über Lautsprecher spielen", sagt ein Mädchen. Niklas' bester Freund sei Kurde. Einige andere Freunde wollten jedoch nicht mitmachen bei der Gegendemo "Bonn stellt sich quer". Dass der Tod ihres Freundes - egal von welcher Seite - politisiert wird, gefällt ihnen nicht. "Sie hätten gerne heute einen eigenen Trauermarsch organisiert", sagt Anne Weber.

Die 55-Jährige fühlt sich verpflichtet, an der Gegendemo teilzunehmen. Es hat in Bonn Tradition, sich querzustellen, wenn gegen Ausländer gehetzt wird. Aber auch ihr wäre es lieber gewesen, sie hätte an diesem Tag einfach in Ruhe trauern können.

Hinweise zur Tat nimmt die Polizei Bonn unter der Rufnummer 0228/150 entgegen.

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