Nordirlands Extremisten und die Royals Hass aus nächster Nähe

Geheimdienst und Polizei sind alarmiert: Im Vorfeld von Royal Wedding und Queen-Besuch in Irland hat die "Real IRA" Anschläge auf Polizisten und andere "legitime Ziele" angekündigt. Die wachsende Konkurrenz radikaler Gruppen erhöht die Gefahr einer Eskalation.

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Hamburg - Wenige Tage vor der weltweit erwarteten Royal Wedding des britischen Prinzen William Mountbatten-Windsor mit Catherine Middleton wächst in Nordirland die Sorge, dass radikale Splittergruppen, die in Konkurrenz zur einstigen Provisional IRA stehen, Anschläge auf Festlichkeiten zur Hochzeit planen könnten. Der britische Inlands-Geheimdienst MI5 hält Informationen des "Daily Mirror" und anderer britischer Medien zufolge Anschläge zum Hochzeitstag für "wahrscheinlich". Außerdem mehren sich seit Anfang April die Zeichen, dass auch der Besuch der Queen in der Republik Irland Mitte Mai auf der Agenda von Terroristen stehen könnte.

Aktuellen Anlass zu Befürchtungen gab eine Machtdemonstration der nordirischen Terrorgruppe "Real IRA" (RIRA) am Ostersonntag: Im Rahmen einer der traditionellen Gedenkfeiern zum Osteraufstand von 1916 traten uniformierte und maskierte RIRA-Vertreter ungewöhnlich offen auf. Vor rund 300 Anhängern und zahlreichen Medienvertretern sprachen Politiker des radikalen Lagers, bevor ein maskierter "Offizier" der RIRA konkrete Drohungen aussprach:

  • Die RIRA kündigte "Exekutionen" von Beamten der nordirischen Polizei an
  • Die Organisation bezeichnete Mitglieder der britischen königlichen Familie als "legitime Ziele"
  • Wörtlich drohte der RIRA-Vertreter: "Die Königin von England wird wegen Kriegsverbrechen gesucht und ist auf irischem Boden nicht willkommen."

Das letzte Statement verstärkt Befürchtungen, dass Queen Elizabeth II. bei ihrem Staatsbesuch in Irland vom 17. bis 20. Mai 2011 zum Ziel von Radikalen werden könnte. Anschläge zu den Hochzeitsfeierlichkeiten am Freitag erwarten die britischen Sicherheitsbehörden am ehesten in Nordirland: Sie trauen der RIRA die Organisation eines größeren Attentats auf britischem Boden noch nicht wieder zu.

Die RIRA hatte sich 1997 von der Provisional IRA (PIRA, gebräuchlicher: Provos) losgesagt, um den "bewaffneten Kampf" gegen die britische Präsenz in Nordirland nach dem 1998 erfolgten Friedensschluss fortzuführen. Weltweite Schlagzeilen machte sie 1998 mit dem katastrophalen Bombenanschlag in Omagh, bei dem 29 Menschen getötet und rund 220 verletzt wurden. Bis 2002 verübte die RIRA zahlreiche Attentate und Anschläge in Nordirland und Großbritannien, Verhaftungen und Razzien gegen Waffenlager schwächten die Organisation jedoch.

Die Demonstration vom Sonntag wird als Signal zur Einleitung einer neuen "Kampagne" der wieder erstarkten Gruppe gewertet.

Anlass sind wahrscheinlich nicht nur die royale Hochzeit und der Queen-Besuch, sondern auch das Aufkommen neuer Konkurrenzen im radikal-republikanischen Lager. Anfang April ermordete eine sich selbst "Tyrone Gang" nennende Splittergruppe reaktivierter Provos-Terroristen, die sich damit vom Friedenskurs der Provisional IRA lossagten, den 25-jährigen katholischen Polizisten Ronan Kerr. Der Mord wird als Versuch gewertet, Katholiken von einem Engagement in der nordirischen Polizei abzuschrecken. Die RIRA schloss sich dem nun mit ihrer Exekutionsdrohung an.

Wer Nordirland destabilisieren will, greift die Polizei an

Dem Police Service Northern Ireland (PSNI) kommt eine Schlüsselrolle im fragilen Frieden Nordirlands zu. PSNI wurde 2001 als konfessionell und politisch unabhängige Polizei für Nordirland ins Leben gerufen, um die heftig umstrittene Royal Ulster Constabulary (RUC) abzulösen. Die RUC war nach verschiedenen Angaben zu 92 bis 97 Prozent protestantisch dominiert gewesen und stand im Ruf, anti-katholisch zu agieren. Illegale Kooperationen von RUC-Beamten mit protestantischen Paramilitärs wurden mehrfach belegt.

Die ehemalige Polizeitruppe gilt als einer der Faktoren, die den nordirischen Konflikt über Jahrzehnte anheizten. Nicht zuletzt gab sie den Radikalen ein bekämpfbares Feindbild. Mit dem Verschwinden der RUC und der britischen Armee aus dem Straßenbild wurde es für Radikale zunehmend schwieriger, solch ein Feindbild aufrecht zu erhalten.

Gedacht ist die PSNI als paritätisch besetzte Polizeitruppe. Dieses Ziel wurde jedoch im April 2011 aufgegeben, nachdem in den ersten zehn Jahren der Katholiken-Anteil lediglich auf rund 27 Prozent erhöht werden konnte. Als wichtiger Hinderungsgrund für junge Katholiken, sich in der Polizei zu engagieren, gilt neben dem noch immer tief verwurzelten Misstrauen die Angst vor "Strafmaßnahmen" aus dem radikalen Lager. Die dürfte nun noch wachsen.

Gespanntes Klima provoziert Streit in der Regierung

Damit wird auch die Stellung der seit 2007 an der Regierung in Nordirland beteiligten Partei Sinn Fein in Frage gestellt, der die Provisonal IRA nahesteht. Der stellvertretende Sinn-Fein-Chef, Nordirlands stellvertretender Regierungschef Martin MacGuinness, der einst selbst Mitglied des sogenannten Generalstabs der Provos gewesen sein soll, reagierte sowohl auf den Mord von Omagh als auch auf das nationalistische Getöse der RIRA mit scharfen Worten: Versuche, mit Waffengewalt etwas für die irische Wiedervereinigung zu tun, seien "vergeblich, dumm und selbstsüchtig", sagte MacGuinness.

Sein Statement, die Kämpfer der alten IRA seien dagegen "keine Kriegstreiber" gewesen, sondern "revolutionäre Kämpfer", die für die "Einigkeit Irlands" gefochten hätten, brachten ihm wiederum prompt scharfe Kritik seitens des protestantischen Regierungspartners ein: MacGuinness glorifiziere damit die IRA, hieß es aus dem Lager der Democratic Unionist Party (DUP).

Im fragilen Frieden von Nordirland hängt vieles an Formulierungen und Symbolen. So ist auch die öffentliche Machtdemonstration der RIRA zu verstehen: Für die Hardliner geht es nicht zuletzt um die Frage, wer wirklich die Interessen der sogenannten "nationalist community" vertritt - gemeint sind die fast immer katholischen Nordiren, die sich eher Richtung Dublin orientieren.

Zwischen der RIRA und der Provos-Splittergruppe von Omagh könnte ein Wettkampf um diese Frage drohen, den diese mit Waffen als Beweismitteln führen könnten.

Die Queen: "legitimes Ziel für militärische Operationen"?

Anders als William und Kate könnte die Queen bei ihrem Staatsbesuch sogar selbst ins Visier der Terroristen geraten: Im Mai besucht sie als erste regierende Monarchin Großbritanniens seit 1911 Irland.

Während die etablierten Parteien der Republik das begrüßen, hält sich die Begeisterung der irischen Öffentlichkeit in Grenzen. Die Queen gilt vielen immer noch als Vertreterin des Staates, der Irland rund 800 Jahre als Kolonie ausbeutete. Bereits Anfang April gab es Drohungen aus dem radikalen Untergrund des RIRA-Umfeldes, dass die Queen ein "legitimes Ziel" für "militärische Operationen" sei.

In der radikalen Ecke sorgte vor allem das Anfang April veröffentlichte Besuchsprogramm für Überraschung und Empörung: Die Queen wird unter anderem zwei Wallfahrtsorte der republikanischen Nationalisten besuchen. Auf der Agenda steht zum einen eine Kranzniederlegung für die Opfer des irischen Widerstandes gegen die britische Herrschaft im Garden of Remembrance in Dublin - eine politische Sensation.

Aus Sicht der Sicherheitsleute noch problematischer dürfte aber der Besuch der Königin im Croke Park in Dublin sein: Irlands größtes Stadium ist die Heimstatt der Gaelic Athletic Association (GAA) - und damit eine der wichtigsten Keimzellen des einstigen irischen Widerstandes. Irisch gesinnte Kreise sammelten sich zu Zeiten, in denen ihnen politische Aktivitäten verboten waren, in gälischen Sportclubs. Sportarten wie Gaelic Football oder Hurling, eine Art Melange aus Hockey und Rugby, sind bis heute definierende Momente irischen Selbstverständnisses - nicht zuletzt wegen Croke Park.

Dort ließ Großbritannien 1920 während eines Gaelic-Football-Spiels die Royal Irish Constabulary mit scharfer Munition auf das Spielfeld und ins Publikum schießen - als Reaktion auf die Ermordung 14 britischer Geheimdienstler. Das Massaker, das als einer von drei Bloody Sundays in die irische Geschichte einging, forderte zahlreiche Verletzte und 14 Tote, darunter zwei Kinder, eine junge Frau und zwei der Spieler. Croke Park wurde zum Katalysator für den irischen Unabhängigkeitskampf, der 1921 zur Spaltung des Landes, 1922 zur Teilautonomie und 1949 zur Ausrufung der Republik führte.

Für die etablierten Parteien Irlands ist der Besuch der Queen an solch symbolträchtigen Orten ein Meilenstein auf dem Weg zur Emanzipation gegenüber dem ehemaligen Kolonialherren. Dies könnte durchaus helfen, alte Ressentiments, die anti-britische Stimmungen am Leben erhalten, zu entkräften.

Für viele aber und besonders für die Radikalen ist der Besuch ein Sakrileg - und gerade deshalb für die Sicherheitskräfte ein Grund für äußerste Wachsamkeit. Wenn es um royale Terrorziele geht, gibt es kein prominenteres als die Queen persönlich.

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