Schlag gegen Drogenschmuggler Unterwegs mit Kokain im Koffer

Von Düsseldorf aus soll eine kriminelle Bande harte Drogen nach Japan, Kanada und Australien geschmuggelt haben. Das Millionengeschäft flog erst auf, als immer mehr der billig angeheuerten Kuriere entdeckt wurden.

Opium, Kokain, Crystal Meth, Geld und Koffer: Beute der Ermittler
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Opium, Kokain, Crystal Meth, Geld und Koffer: Beute der Ermittler

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Irgendwann sprachen die Männer von einem Ofen. Es war ein Ofen, der um die halbe Welt gehen sollte, Deutschland, Niederlande, Singapur, Sydney. Ein Ofen, mit dem man Brot hätte backen können, ziemlich viel Brot. Aber das hatten die Männer wohl nicht im Sinn. Sie ahnten auch nicht, dass das Landeskriminalamt (LKA) Nordrhein-Westfalen und die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ihnen interessiert zuhörten. Und die Beamten fragten sich: Was könnte eine Bande von mutmaßlichen Drogenschmugglern mit einem Ofen wollen?

Als der Ofen schließlich in Sydney beschlagnahmt wurde, fanden die dortigen Behörden darin 50 Kilogramm Kokain: abgepackt in handliche Barren, jeder versehen mit einem eingeprägten Schriftzug und einer Swastika, die vielleicht als Symbol des Glücks zu verstehen war, was dem Schmugglerring allerdings abging. Denn die australischen Kriminaltechniker fanden neben den Drogen auch den Fingerabdruck eines Mannes, den sie schon länger kannten: Gholam-Hassan N., 63.

Der Deutsch-Iraner scheint eine Größe im internationalen Drogengeschäft zu sein. Er habe "sehr professionell" agiert, sagt Kriminalhauptkommissar Oliver Huth, der im LKA die Ermittlungsgruppe "Oz" leitet und meint damit: N. habe vor allem verschlüsselte Messenger zur Kommunikation genutzt und auf Internettelefonie gesetzt, deren Überwachung den deutschen Strafverfolgungsbehörden kaum möglich ist. Gholam-Hassan N. könnte das gewusst haben.

Suche nach naiven Drogenkurieren

Schon vor Jahren stand N. in Düsseldorf vor Gericht, damals ging es um 260 Kilogramm Roh-Opium, das im Dezember 2004 sichergestellt worden war, ein Rekord. Drei Millionen Euro hätten die Drogen auf dem Schwarzmarkt gebracht - N. bescherten sie schließlich acht Jahre Haft. Nach fünf Jahren kam er auf Bewährung frei, setzte sich in die Türkei ab, fiel erneut wegen Drogenhandels auf, musste auch dort ins Gefängnis, kehrte schließlich nach Deutschland zurück - und scheint schließlich nach den Erkenntnissen des LKA genau da weitergemacht zu haben, wo er aufgehört hatte.

Zusammen mit seinem Sohn baute er demnach ein Netzwerk auf, das unter anderem einen vorbestraften Wirtschaftskriminellen, einen iranischen Asylbewerber, die Mitarbeiterin eines Reisebüros sowie einen sogenannten Anwerber umfasst haben soll. Dieser Deutsch-Iraner ging in Diskotheken und in seiner Pizzeria auf die Suche nach ebenso naiven wie leichtsinnigen Menschen, die sich als Drogenkuriere missbrauchen ließen.

Dabei folgte der Anwerber laut LKA einem bestimmten Schema: Er suchte unauffällige Personen, die zugleich dumm genug waren, sich für ein Handgeld von 1000 Euro mitsamt präpariertem Koffer nach Japan oder Australien schicken zu lassen.

Was wohl kaum einer der Kuriere ahnte, war der durchaus unangenehme Umstand, dass Australien drakonische Strafen für die Einfuhr von Drogen verhängt. Nach Darstellung der dortigen Behörden steht dort auf den Schmuggel von zwei Kilogramm Kokain eine lebenslange Freiheitsstrafe. Derzeit sitzen fünf deutsche Kuriere in Australien in Untersuchungshaft, einer in Japan.

Der Weg des Kokains

Die aus Nordrhein-Westfalen stammenden Kuriere waren es schließlich auch, die den australischen Behörden vor etwa einem Jahr erlaubten, den Weg des Kokains zurückzuverfolgen. Die Spur führte zunächst zu ihrem Anwerber in Dormagen bei Köln und schließlich zu dem in Düsseldorf lebenden Gholam-Hassan N.

Inzwischen ermitteln die deutschen Behörden gegen 40 Beschuldigte, acht Personen sitzen in Untersuchungshaft. Die Mitarbeiterin eines Düsseldorfer Reisebüros, die gegen Bargeld die Reisen der Kuriere organisiert haben soll, entging der Untersuchungshaft gegen Auflagen.

Bei Durchsuchungen stellten die Beamten im März schließlich 71 Kilogramm Kokain und Opium sowie 400.000 Euro Bargeld sicher. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Bande mindestens fünf Millionen Euro erwirtschaftet haben soll. Das liegt auch daran, dass der Straßenverkaufswert für Kokain in Australien etwa viermal so hoch ist wie in Deutschland. Unklar ist bislang, wo der Großteil des Geldes geblieben ist.

Der mutmaßliche Rädelsführer N. lebte als Sozialhilfeempfänger in einem Mehrfamilienhaus in der Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs. Die Ermittler nehmen allerdings an, dass er Hintermänner in Australien und Iran hatte. Womöglich ist das Geld dorthin geflossen.

Kriminelle Vergangenheit

Gerade das auf Vertrauen basierende Prinzip des Hawala-Bankings, in muslimischen Ländern sehr verbreitet, ist für Behörden kaum nachzuvollziehen. Schon in dem Verfahren Anfang der Nullerjahre gegen N. hatte die US-Drogenbehörde DEA festgestellt, dass Geld nach Iran geflossen war. Allerdings konnten die Empfänger damals nicht ermittelt werden.

Die Fahnder irritiert in diesem Zusammenhang auch, dass N. - 1985 nach Deutschland als vermeintlich politisch Verfolgter geflüchtet - in den Folgejahren immer wieder in seine Heimat reiste und Geschäftsverbindungen zu dortigen Banken unterhielt. "Das wirft Fragen auf", sagt Chef-Ermittler Huth. Zumal die kriminelle Vergangenheit von N. auch für staatliche Stellen in Iran leicht recherchierbar gewesen sei. In den Zielländern seien zudem iranische Exilanten als Adressaten der Drogenlieferungen bestimmt gewesen, so die Ermittler.

Als legale Fassade des Drogenhandels diente laut LKA die Import-Export-Firma des Sohns von Gholam-Hassan N. Deren einziger Angestellter war aber wohl ein verurteilter Anlagebetrüger im offenen Vollzug. "Und der", sagt Chef-Ermittler Huth, "hat den ganzen Tag aus dem Fenster geguckt."


Zusammengefasst: Das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen hat einen international operierenden Drogenschmugglerring zerschlagen. Ermittelt wird gegen 40 Personen, acht sitzen in Untersuchungshaft. Die Bande soll mindestens fünf Millionen Euro durch Rauschgifthandel verdient haben. Ihre Masche war offenbar, ahnungslose Personen als Kuriere anzuwerben und mit präparierten Drogenkoffern auf die Reise zu schicken - unter anderem nach Australien und Japan. Die Wege dieser Kuriere erlaubten es den Ermittlern, den Weg der Drogen zurückzuverfolgen.

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