Norwegischer Attentäter Geheimdienst nennt Breivik "einsamen Wolf"

Die norwegischen Ermittler legen sich fest: Anders Breivik hat seine Taten alleine begangen. Es gebe keine Beweise für Verbindungen zu anderen Rechtsextremisten, so der Geheimdienst. Ministerpräsident Stoltenberg ruft nach dem Attentat zu noch mehr Toleranz auf.

Attentäter nach seiner Anhörung vor dem Haftrichter: "allein gehandelt"
REUTERS/ Aftenposten

Attentäter nach seiner Anhörung vor dem Haftrichter: "allein gehandelt"


Oslo - Attentäter Anders Breivik behauptet, es gebe weitere Zellen seiner Bewegung, doch das sehen Norwegens Ermittler offenbar anders. "Er ist ein einsamer Wolf, der unter allen unseren Radarsystemen hindurchschlüpfen konnte", wird Janne Kristiansen, Chefin des Geheimdienstes PST, in mehreren norwegischen Regionalzeitungen zitiert. Auch der britischen BBC sagte sie, Breivik habe allein gehandelt. Bisher gebe es keine Beweise für Kontakte zu Rechtsextremisten in Norwegen oder anderen Ländern.

Seinem Anwalt Geir Lippestad hatte Breivik von zwei weiteren Zellen in Norwegen und mehreren im westlichen Ausland berichtet. Für Aussagen über angebliche Mittäter stellte der Attentäter offenbar Bedingungen an die Ermittler. "Es waren verschiedene Forderungen. Einige dieser Forderungen konnten wir unmöglich erfüllen", sagte ein Sprecher der Osloer Kriminalpolizei der Zeitung "Verdens Gang".

Breivik wurde Dienstagabend in die Haftanstalt Ila westlich von Oslo gebracht, dort sitzt er zunächst acht Wochen in Untersuchungshaft. Um einen Suizid auszuschließen, soll er in einer sieben Quadratmeter kleinen Zelle rund um die Uhr überwacht werden.

"Verdens Gang" berichtet unter Berufung auf Gefängnisdirektor Knut Bjarkeid, es gebe in der Zelle ein Bett, eine Toilette, einen Stuhl und einen Tisch. Kontakt mit anderen Gefangenen sei in den ersten vier Wochen ausgeschlossen. In dieser Zeit darf der geständige Attentäter ausschließlich mit seinem Anwalt und der Polizei sprechen. Außerdem sollen zwei Fachleute mit einer mehrmonatigen Untersuchung von Breiviks Geisteszustand beginnen. Lippestad hatte am Dienstag gesagt, er halte seinen Mandanten für geisteskrank.

Die normalerweise vorgesehene Bezirkshaftanstalt Ringerike wurde laut einem Sprecher der Gefängnisaufsicht wegen ihrer Lage direkt am Tyrifjord ausgeschlossen. Dort liegt die Insel Utøya, auf der Breivik am Freitag mindestens 68 Teilnehmer eines sozialdemokratischen Sommerlagers getötet hatte. Zuvor waren mindestens acht Menschen bei einer Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel gestorben.

Stoltenberg kündigt noch mehr Offenheit an

Ministerpräsident Jens Stoltenberg kündigte auf einer Pressekonferenz an, Norwegen werde mit noch mehr Demokratie und Offenheit auf die Anschläge reagieren. "Es gibt ein Norwegen vor dem 22. Juli und ein Norwegen danach", sagte Stoltenberg. "Das Norwegen danach wird eine noch tolerantere Gesellschaft sein." Die Menschen würden sich zukünftig stärker in die Politik einbringen, prognostizierte der Ministerpräsident.

Es sei möglich, eine offene und gleichzeitig sichere Gesellschaft zu haben. Eine Debatte um Sicherheitsmaßnahmen sei zu begrüßen, sagte Stoltenberg. Er nahm die Polizei zwar erneut in Schutz, kündigte aber eine Auswertung des Einsatzes auf Utøya an.

Der Einsatzleiter des Spezialkommandos verteidigte sein Team gegen den Vorwurf, die Einheit sei zu spät am Tatort auf der Ferieninsel eingetroffen. Das eigentlich für die Überfahrt vorgesehene Boot musste zwar wegen eines Schadens ausgetauscht werden, so Anders Snortheimsmoen. Die Beamten seien aber rasch auf ein besseres Boot ausgewichen - dabei sei keine Zeit verlorengegangen. Sein Team sei zur selben Zeit am Hafen eingetroffen wie die örtliche Polizei.

Die Ferieninsel liegt 40 Kilometer von Oslo entfernt. Zwischen dem ersten offiziellen Notruf und dem Eintreffen der Polizei am Tatort vergingen mehr als 60 Minuten. Als die Sicherheitskräfte ankamen, war ein Pressehubschrauber bereits vor Ort. Ein Kameramann des Senders NRK, der Videoaufnahmen des Massakers machte, sagte der Nachrichtenagentur AP, sein Hubschrauber sei zwischen 18 und 18.10 Uhr eingetroffen. Die Polizei traf nach eigenen Angaben um 18.25 Uhr auf der Insel ein. Die Besatzung des einzigen Hubschraubers, der ihr zur Verfügung stand, befand sich in Urlaub. Das Spezialkommando kam daher mit dem Auto.

hut/dpa/dapd/Reuters

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
jb_78 27.07.2011
1. ...
Zitat von sysopDie norwegischen Ermittler legen sich fest: Anders Breivik hat seine Taten alleine begangen. Es gebe keine Beweise für Verbindungen zu anderen Rechtsextremisten, so der Geheimdienst. Ministerpräsident Stoltenberg ruft nach dem Attentat zu noch mehr Toleranz auf. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,776923,00.html
Was immer der norwegische Geheimdienst ermittelt hat ist Schwachsinn und nicht wirklich wichtig. Das gleiche gilt für Psychologen, Kriminalogen und andere Fachleute. Die (vor allem deutschen) Medien wissen es besser und nur die dort fundiert berichteten und erforschten Tatsachenbehauptungen sind die Wirklichkeit. Er stand im Kontakt mit vielen Helfern aus der rechten Populistenszene mit ihren kruden Gedankengütern und falschen Meinungen. Das hat schliesslich in der Folge zu dem Terrorakt führen müssen. Die von Stoltenberg eingeforderte mehr an Toleranz ist allerdings erklärungswürdig. Toleranz für was oder wen??? Toleranz (gewähren lassen) von wem mit welchem Handeln? Toleranz für andere Bombenbastler, Kopfabschneider, Menschnschützen, Campingplatzmeuchelmörder, Menschenaufschlitzer ... ? Fragen über Fragen .....
henrytheeighth 27.07.2011
2. Norwegen
Ich habe sehr hohen Respekt vor einem Land in dem die politischen Kräfte nach einem Anschlag dieser Art nicht nach verboten, Hass und Verfolgung rufen, sondern nach Toleranz und Offenheit. Es ist der einzig richtige Weg! Toleranz ist dabei universell zu verstehen. Wie wäre es gelaufen, wenn man dem Attentäter mehr Toleranz entgegengebrcht hätte? Ihn sozial integriert, anstatt ihn in die Vereinsamung getrieben hätte? Seine Meinung respektiert und auch den Menschen dahinter gesehen hätte? Es gibt keinen Königsweg solche Taten zu verhindern. Aber die Ermöglichung dieses Menschen seine Meinung frei und ohne soziale Repressionen zu äußern, hätte die Taten möglicherweise verhindert. Hunde die bellen, beißen nicht. Aber in Deutschland fällt der Politik nichts besseres ein als mehr Verbote und mehr Repression. Ein Armutszeugnis. Und jetzt kann die geifernde Polemik des SPON-Forums über mich herfallen. Aber vorher vielleicht ein bisschen über Toleranz nachdenken...
coldstonenuts 27.07.2011
3. Norwegischer Attentäter
Die Dreistigkeit, mit der der Täter jetzt mit unverschämten Forderungen nach einem "eigenen" PC nebst Wiki-Zugang und der psychatrischen Begutachtung nur durch ausländische Experten um die Ecke kommt zeigt, wie weit er sich von der Realität entfernt hat. Der norwegische Staat sollte solchen Versuchen von Beginn an Einhalt gebieten, sich von diesem Schwerstkriminellen wie ein Tanzbär am Nasenring durch die Manege ziehen zu lassen. Man muss ihm nachdrücklichst klarmachen, dass er überhaupt rein gar nichts mehr zu fordern, geschweige denn irgendwelche Bedingungen zu stellen hat in seinem restlichen Leben, und dass er sich jedwede Bemühungen in dieser Hinsicht künftig sparen könne, da von vornherein alles ohne weitere Prüfung kategorisch abgelehnt wird. Der Bewältigung dieser furchtbaren Angelegenheit ist am besten gedient, wenn der Täter auf Nimmerwiedersehen im Nirvana des staatlichen Strafvollzugs und damit in der kompletten Bedeutungslosigkeit verschwindet. Die ganze Hinwendung gemeinschaftlicher sozialer Fürsorge sollte stattdessen fortan den Opfern und ihren Hinterbliebenen gelten, denn das wäre deren Bedeutung angemessen.
Matzescd, 27.07.2011
4. Blöde Frage:
Wieso wird eigentlich zu jeder Meldung (zum gleichen Thema) ein eigenes Forum eröffnet? Ich verliere echt die Übersicht, wann ich wo was geschrieben habe.
sprechweise, 27.07.2011
5. Hä
Zitat von coldstonenutsDie Dreistigkeit, mit der der Täter jetzt mit unverschämten Forderungen nach einem "eigenen" PC nebst Wiki-Zugang und der psychatrischen Begutachtung nur durch ausländische Experten um die Ecke kommt zeigt, wie weit er sich von der Realität entfernt hat. Der norwegische Staat sollte solchen Versuchen von Beginn an Einhalt gebieten, sich von diesem Schwerstkriminellen wie ein Tanzbär am Nasenring durch die Manege ziehen zu lassen. Man muss ihm nachdrücklichst klarmachen, dass er überhaupt rein gar nichts mehr zu fordern, geschweige denn irgendwelche Bedingungen zu stellen hat in seinem restlichen Leben, und dass er sich jedwede Bemühungen in dieser Hinsicht künftig sparen könne, da von vornherein alles ohne weitere Prüfung kategorisch abgelehnt wird. Der Bewältigung dieser furchtbaren Angelegenheit ist am besten gedient, wenn der Täter auf Nimmerwiedersehen im Nirvana des staatlichen Strafvollzugs und damit in der kompletten Bedeutungslosigkeit verschwindet. Die ganze Hinwendung gemeinschaftlicher sozialer Fürsorge sollte stattdessen fortan den Opfern und ihren Hinterbliebenen gelten, denn das wäre deren Bedeutung angemessen.
Wo haben Sie das gelesen? Sicher nicht in dem zum Thread gehörenden Artikel
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