NS-Kriegsverbrecher: Letzte Chance für die Nazi-Jäger

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Exekutionen, Erschießungen, Morde: Die Taten liegen mehr als 60 Jahre zurück, doch belangt wurden einige NS-Kriegsverbrecher nie. Manche leben noch immer unbehelligt in Freiheit. Die Arbeit der Ermittler ist mühsam - und ihnen läuft die Zeit davon.

Mutmaßlicher Kriegsverbrecher Siert B.: Keine lebenden Zeugen Zur Großansicht
Yad Vashem Photo Archive

Mutmaßlicher Kriegsverbrecher Siert B.: Keine lebenden Zeugen

Hamburg/Düsseldorf - "Er verbreitet Furcht und Terror", sagte der Zeitzeuge Max van Diedenhoven über den früheren SS-Rottenführer Siert B. Widerstandskämpfer beschrieben den heute 91 Jahre alten Ex-Polizisten in den besetzten Niederlanden als skrupellosen Gewalttäter: "Er machte fertig, wen er zu fassen bekam."

Am 21. September 1944 soll B. den angeblichen holländischen Partisanen Aldert Klaas Dijkema erschossen haben. Die Staatsanwaltschaft Dortmund ermittelt nun, 67 Jahre später, wegen Mordverdachts, B. bestreitet jegliche Beteiligung an der Tat.

Herbert N., 91, soll in der ukrainischen Stadt Schitomir 1942 an der Erschießung von mehr als 300 Juden beteiligt gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelt nun gegen das ehemalige Mitglied des Kommandostabs Reichsführer-SS wegen des Verdachts der zweifachen Beihilfe zum Mord an 360 Menschen. Rund 70 Jahre nach der Tat. Der Beschuldigte bestreitet die Vorwürfe.

László Csatáry, 97, soll vor rund 68 Jahren für die Deportation von fast 16.000 Juden ins Konzentrationslager Auschwitz verantwortlich sein. Vor wenigen Tagen wurde er in Budapest aufgespürt; er bestreitet die Vorwürfe.

Siert B., Herbert N. und László Csatáry sind drei mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher, die erst jetzt - Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs - in den Fokus der Fahnder geraten sind. Die Fälle zeigen, wie schwierig die Verfolgung mutmaßlicher Nazi-Schergen 67 Jahre nach Kriegsende ist.

"Wir haben von Jahr zu Jahr größere Probleme, Personen überführen zu können", sagt Thomas Will, stellvertretender Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Die Arbeit sei ausgesprochen mühselig und mit viel Frust verbunden.

"Dijkema war arg- und wehrlos"

Zum Beispiel gibt es juristische Hürden, wie der Fall Siert B. zeigt. Er war bereits 1980 wegen Beihilfe zum Mord an zwei Juden zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Die Erschießung Dijkemas jedoch war damals nicht gesühnt worden. Denn die Kammer vertrat die Auffassung, die Hinrichtung sei kein Mord und daher verjährt, das Mordmerkmal der Heimtücke fehle. Partisanen hätten schließlich ständig mit ihrer Erschießung rechnen müssen.

Das sehen die Ermittler inzwischen anders. Wie der Leiter der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Nordrhein-Westfalen, Andreas Brendel, sagte, sei der Tathergang entscheidend für diese Einschätzung. Hinzu komme das inzwischen vom Bundesgerichtshof bestätigte Urteil im Fall Heinrich Boere, das sogenannte Repressalmaßnahmen gegen Zivilisten - also willkürliche Erschießungen als Vergeltung für Anschläge auf Deutsche - als Mord gewertet habe.

Am 21. September 1944 hatte ein Kommando der niederländischen Grenzpolizei, bei der Siert B. diente, Dijkema in Delfzijl auf dem Bauernhof seiner Eltern festgenommen. B. und sein Kamerad August N. hätten ihr Opfer in einen Wagen verfrachtet, so Brendel, und ihn auf das Gelände einer stillgelegten Fabrik gebracht. Dort habe Dijkema das Auto verlassen müssen und sei hinterrücks mit zwei Schüssen in den Kopf getötet worden. Die Attacke sei nicht vorherzusehen gewesen, sagt Brendel. "Dijkema war arg- und wehrlos."

Als problematisch könnte sich erweisen, dass der Ablauf der Tat lediglich auf den Aussagen August N.s in einem früheren Prozess gründet. Inzwischen ist N. tot - und die Frage, wer damals überhaupt abdrückte, noch immer unbeantwortet. Auch der Nachweis eines gemeinschaftlich begangenen Verbrechens würde daher schwerfallen. "Wir haben bislang keine weiteren lebenden Zeugen ausfindig machen können", so Staatsanwalt Brendel. Vor Gericht müssten also vor allem Akten verlesen werden.

Selbst wenn man nach Jahrzehnten noch Zeugen findet, hilft das oft nicht. "Manche können sich aus psychologischen Gründen nicht erinnern - die haben sich die Vergangenheit geschönt oder verdrängt. Andere sind dement", sagt Thomas Will von der Zentralen Stelle. Andere Zeugen, etwa Überlebende, sind hochbetagt. "Wie will man sich mit 90 an jemanden erinnern, den man als 20-Jähriger kurz gesehen hat?"

Die Cottbuser Staatsanwälte müssen sich im Fall Herbert N.s, der an der Erschießung von Juden im Ghetto Schitomir beteiligt gewesen sein soll, auf die Aussage eines 1971 gestorbenen Zeugen stützen. "Alle Opfer sind tot, alle Zeugen standen auf Täterseite - die haben kein Interesse zu reden", sagt Will. der Zeuge, Mitglied des Kommandostabs Reichsführer-SS, machte seine Angaben 1947 in russischer Kriegsgefangenschaft. Die Belastbarkeit der Aussage ist fraglich.

"Ich wünschte, ich hätte meine Arbeit früher tun können"

Die Cottbuser Ermittler versuchen ihren Verdacht mit Indizien zu stützen. Eines ist ein Verlobungs- und Heiratsgesuch N.s. Dem Dokument zufolge war er zum Zeitpunkt der Erschießungen in Schitomir.

Doch selbst wenn sich dies beweisen ließe, steht noch nicht fest, dass er auch an Erschießungen beteiligt war. "Dass er dem Kommandostab Reichsführer-SS angehört hat, reicht nicht - er könnte zum Zeitpunkt der Tat auch Urlaub gehabt haben oder in der Schreibstube gewesen sein", sagt Will. Die Cottbuser Staatsanwaltschaft sagt, sie habe mehrere Bände an Material. Ein Nachweis dürfte dennoch schwierig sein.

Den deutschen Ermittlern haben sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Quellen eröffnet, die noch lange nicht erschlossen sind. "Ich wünsche mir manchmal, ich hätte meine Arbeit 40 Jahre früher tun können." Für die langsame Strafverfolgung war auch die deutsche Justiz der Nachkriegszeit verantwortlich, in der viele ehemalige NS-Schergen eine neue Berufung fanden.

Auch die lange Zeit ungeklärte Frage der Staatsbürgerschaft verschleppte die Strafverfolgung, wie der Fall Siert B. zeigt. Die Bundesrepublik verweigerte seine Auslieferung in die Niederlande und berief sich dabei auf einen Erlass Adolf Hitlers. Der hatte am 25. Mai 1943 die in der Waffen-SS und Wehrmacht dienenden Ausländer zu Deutschen erklärt. Die entsprechende Vorschrift entfaltete eine verheerende Wirkung.

Im vergangenen Jahr hat allein die Zentrale Stelle mehr als 500 Fälle bearbeitet, in manchen davon Hunderte Namen überprüft. Gut zwei Dutzend Fälle wurden als Vorermittlungsverfahren an die zuständigen Staatsanwaltschaften weitergegeben. Das, sagt Will, sei sein Antrieb. "Bei Überlebenden, die als Kinder unter schrecklichen Umständen einem Massaker entkommen sind, merkt man, wie wichtig es ihnen ist, dass die Sache vor Gericht kommt - das motiviert mich."

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1. ungesühnte Strafvereitelung
Velociped 20.07.2012
Die Strafverfolgung der Nazitäter findet ein Ende mit dem natürlichen Tod der Beteiligten, die bislang überlebt haben. Was nach wie ungesühnt ist, ist die Strafvereitelung durch grosse Teile der Justiz der jungen Bundesrepublik. Angefangen von den Staatsanwaltschaften, die Ermittlungen nicht aufnahmen und Spuren nicht nachgingen hin zu Richtern, die den Nazi-Juristen schlicht einen Persilschein ausstellten. Dies änderte sich erst als es um das ungleich weniger grosse Unrecht der DDR-Juristen ging. Diese sollten natürlich mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden. Die Strafvereitelung mag verjährt sein - die Pensionen der schrecklichen Juristen vor und nach dem Ende des Dritten Reichs fliessen jedoch weiter.
2. teilweise richtig
andy69 20.07.2012
Zitat von VelocipedDie Strafverfolgung der Nazitäter findet ein Ende mit dem natürlichen Tod der Beteiligten, die bislang überlebt haben. Was nach wie ungesühnt ist, ist die Strafvereitelung durch grosse Teile der Justiz der jungen Bundesrepublik. Angefangen von den Staatsanwaltschaften, die Ermittlungen nicht aufnahmen und Spuren nicht nachgingen hin zu Richtern, die den Nazi-Juristen schlicht einen Persilschein ausstellten. Dies änderte sich erst als es um das ungleich weniger grosse Unrecht der DDR-Juristen ging. Diese sollten natürlich mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden. Die Strafvereitelung mag verjährt sein - die Pensionen der schrecklichen Juristen vor und nach dem Ende des Dritten Reichs fliessen jedoch weiter.
Bis auf die Sache mit der DDR. Auch dort wurden Leute zum Tode verurteilt oder Familien zerrissen - zwar weniger oft als im 3. Reich, für den Betroffenen aber jeweils genauso schlimm...
3. Genozid verjährt nie
KlarSchu 20.07.2012
Die Zeit für die letzten Nazi-Verbrecher läuft langsam ab, aber die Arbeit ist noch nicht vollendet. http://www.vice.com/de/read/genozid-verjahrt-nie-0000061-v7n12
4. Staatsanwalt Häußler verschleppt Prozess gegen SS-Kriegsverbrecher
Klickmichi 20.07.2012
Staatsanwalt Häußler verschleppt Prozess gegen SS-Kriegsverbrecher. http://www.zeit.de/wissen/geschichte/2011-08/ss-verbrechen-santannadistazzema
5. "Das Recht des Stärkeren ist..
Olligigagags 20.07.2012
Zitat von VelocipedDie Strafverfolgung der Nazitäter findet ein Ende mit dem natürlichen Tod der Beteiligten, die bislang überlebt haben. Was nach wie ungesühnt ist, ist die Strafvereitelung durch grosse Teile der Justiz der jungen Bundesrepublik. Angefangen von den Staatsanwaltschaften, die Ermittlungen nicht aufnahmen und Spuren nicht nachgingen hin zu Richtern, die den Nazi-Juristen schlicht einen Persilschein ausstellten. Dies änderte sich erst als es um das ungleich weniger grosse Unrecht der DDR-Juristen ging. Diese sollten natürlich mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden. Die Strafvereitelung mag verjährt sein - die Pensionen der schrecklichen Juristen vor und nach dem Ende des Dritten Reichs fliessen jedoch weiter.
[QUOTE=Velociped;10594212] Was nach wie ungesühnt ist, ist die Strafvereitelung durch grosse Teile der Justiz der jungen Bundesrepublik. Angefangen von den Staatsanwaltschaften, die Ermittlungen nicht aufnahmen und Spuren nicht nachgingen hin zu Richtern, die den Nazi-Juristen schlicht einen Persilschein ausstellten. ... das stärkste Unrecht." (Marie v. Ebner-Eschenbach) Einer der wenigen unter den Nachkriegsrichtern, der klar festgestellt hat, dass der NS-Staat ( entgegen Filbingers Diktum:"Was damals rechtens war, kann heute nicht unrecht sein."?!) ein Unrechtsstaat war und damit u.a. die Auschwitz-Prozesse ermöglicht hat, war der verdienstvolle Staatsanwalt und Richter Fritz Bauer, der allerdings weitgehend isoliert dastand in der Nachkriegsjustiz. Mangel an starken Persönlichkeiten auf Seiten der Justiz im Verbund mit interessierten mächtigen Kreisen ( z.B. im Fall Alois Brunners, einem ehemaligen Mitarbeiter Eichmanns, dem mit Hilfe des späteren BND-Chefs Gehlen und eines CDU-Bundestagsabgeordneten die Flucht nach Syrien gelang, wo er bis heute vermutlich unbehelligt lebt) haben bei der Verschleppung der Verbrechen mit eine Rolle gespielt.
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