NSU-Terror: Acht unter Verdacht

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Fünf Personen sind im NSU-Verfahren angeklagt, gegen weitere Verdächtige laufen noch Ermittlungen. Die acht Frauen und Männer haben angeblich ihre Identität zur Verfügung gestellt oder Waffen besorgt. Wer sind die mutmaßlichen Helfer der Rechtsterroristen?

NSU-Trio Zschäpe, Böhnhardt, Mundlos: Wer lieferte die Waffen? Zur Großansicht
DPA/ Ostthüringer Zeitung

NSU-Trio Zschäpe, Böhnhardt, Mundlos: Wer lieferte die Waffen?

Hamburg - Irgendwann brach es aus ihm heraus: Ja, er habe "die Scheiß-Knarre" besorgt, sagte Andreas S. in einer Vernehmung. Er meinte die Ceska Zbrojovka, Modell 83, Waffennummer 034678, Kaliber 7,65 Millimeter Browning. Mit ihr erschossen die Serienmörder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) neun Menschen. Und der Skinhead Andreas S. aus dem Norden Thüringens hatte ihnen das Instrument dafür beschafft, samt Schalldämpfer.

Das Bundeskriminalamt (BKA) regte daher am 23. März in einem Erkenntnisvermerk an die Bundesanwaltschaft an, ein Ermittlungsverfahren gegen Andreas S. einzuleiten wegen des Verdachts auf Beihilfe zum Mord. Der Verkauf von zwei Schusswaffen - Andreas S. soll noch eine weitere Pistole geliefert haben - ausgerechnet an den NSU-Kontaktmann Ralf Wohlleben lasse vermuten, dass S. gewusst habe, für wen die tödlichen Werkzeuge bestimmt gewesen seien.

Zweieinhalb Wochen später schrieb der zuständige Staatsanwalt beim Bundesgerichtshof zurück an das BKA in Meckenheim: Ein Ermittlungsverfahren gegen Andreas S. komme nicht in Frage, es läge kein Anfangsverdacht einer Straftat vor. Das war insofern bemerkenswert, als dass Carsten S., der im Auftrag Wohllebens die Waffe von Andreas S. übernommen haben soll, inzwischen wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt worden ist. Die Bundesanwaltschaft erkannte in seinem Fall in dem mitgelieferten Schalldämpfer einen Hinweis darauf, dass mit der Ceska getötet werden sollte.

Andreas S. aber blieb Zeuge, bis heute. Es gibt Kriminalisten, die darin ein Versäumnis der Bundesanwaltschaft sehen wollen, die mutmaßen, es sei bei seiner Vernehmung ein Fehler gemacht worden: Der Staatsanwalt habe wohl vergessen, Andreas S., nachdem der sich selbst belastet hatte, noch einmal über seine Rechte als Beschuldigter zu belehren. Doch das ist nur eine Möglichkeit.

Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL
Es spricht vieles dafür, dass die Anklagebehörde bei dem Waffenverkäufer S., der zu dem Zeitpunkt des Deals keine Kontakte zur Zwickauer Zelle unterhielt, von Beginn an keinen Vorsatz für eine Beihilfe zum Mord zu erkennen vermochte. Demnach konnte Andreas S. nicht wissen, für wen die Pistole bestimmt war und was die Empfänger der Waffe damit tun würden. Das war bei Carsten S. wohl anders. Die Bundesanwaltschaft teilte aktuell auf Anfrage mit, dass gegen Andreas S. zu keinem Zeitpunkt ein Anfangsverdacht bestanden habe.

Carsten S. wiederum gehört im NSU-Verfahren zum Kreis der fünf Angeklagten (siehe Kasten oben). Darüber hinaus gibt es jedoch mindestens acht Personen, gegen die noch ermittelt wird. Wer sind sie?

Matthias D. - der Vermieter?

Sein Name stand auf dem Klingelschild des Terror-Trios in der Polenzstraße, später in der Frühlingsstraße in Zwickau und unter den Mietverträgen: Matthias D., Fernfahrer aus Johanngeorgenstadt, gehört zu den wenigen, die bis zuletzt Kontakt zu den im Untergrund lebenden hatte - angeblich ohne eine Ahnung, welche Verbrechen die drei begangen haben. Er soll nicht mal ihre richtigen Namen gekannt haben. Für ihn waren Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nur Liese, Gerry und Max.

Der 37-Jährige soll regelmäßig in Zwickau Halt gemacht und bei dem Trio übernachtet haben. Sein Anwalt sagte, D. habe aus reiner Naivität gehandelt. "Matthias war eher ein Mitläufer, und er ist ein Sparfuchs, ich denke, er hat die Wohnungen nur gemietet, weil er von den Bewohnern mehr Geld bekam, als sie ihn kostete", sagt einer, der D. seit vielen Jahren kennt.

Der Generalbundesanwalt hat gegen ihn keine Anklage wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung erhoben, doch die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Derzeit wird Matthias D. als Beschuldigter geführt, kurzzeitig saß er in Untersuchungshaft.

Er soll in der Annahme gehandelt haben, dass Liese, Gerry und Max wegen Schufa-Einträgen keine Wohnung bekamen, nur deshalb, so sagt er, habe er ihnen geholfen. Ob er wusste, dass sich Beate Zschäpe den Nachbarn gegenüber mit seinem Nachnamen ausgab, ist unklar. Wegen des Klingelschildes gehen die Ermittler aber davon aus, dass er eingeweiht war. Die Miete sollen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe in bar bezahlt haben.

Johanngeorgenstadt, die Heimat von Matthias D., ist ein 4600-Einwohner-Ort direkt an der tschechischen Grenze. Hier gründeten Neonazis erst die "Brigade Ost", dann die "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" (WBE). Ihr Ziel: "Die Reinheit der wundervollsten Rasse", wie es ein anonymer Autor in der Vereinspostille "The Aryan Law and Order" formulierte. Matthias D. war einer der Mitgründer.

Susann E. - die gute Freundin?

Susann E., 1981 in Zwickau geboren, ist die Ehefrau des angeklagten André E. - ihr wirft der Generalbundesanwalt Beihilfe zu einem Sprengstoffanschlag des NSU in der Kölner Altstadt, Beihilfe zum Raub und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor. Die beiden lebten wie die mutmaßlichen Rechtsterroristen in Zwickau und sollen engen Kontakt zu dem untergetauchten Trio gehalten haben, es gibt Fotos, die sie gemeinsam mit Beate Zschäpe zeigen.

Die beiden Frauen besuchten nach Informationen von "Blick nach Rechts" 2011 das öffentliche Planitzer Teichfest in Zwickau: Ganz in Schwarz gekleidet, mit Sonnenbrille und Pferdeschwanz, lächelte Zschäpe demnach bei einer Theateraufführung den Kindern auf der Bühne zu, während die stark tätowierte Susann E. neben ihr in einer vorderen Reihe einen ihrer Söhne filmte. Susann E. soll Zschäpe ihre Personalien zur Verfügung gestellt haben.

Mandy S. - ein Name für Zschäpe?

Der Name Mandy S. ist einer von insgesamt zwölf, mit denen Beate Zschäpe im Untergrund jonglierte. Die Friseurin, im Juni 1975 in Erlabrunn geboren und in Johanngeorgenstadt im Erzgebirge aufgewachsen, gilt als mutmaßliche Helferin des Trios. Ermittler fanden Mitgliedsausweise für zwei Tennisvereine sowie Impfpässe für die beiden Katzen, die Beate Zschäpe gehörten - alle ausgestellt auf den Namen Mandy S.

Beate Zschäpe kennt sie von rechten Aufmärschen. Laut Bundesamt für Verfassungsschutz skandierten sie gemeinsam im Januar 1998 in Dresden bei einer Demonstration gegen die sogenannte Wehrmachtsausstellung.

Mandy S. verkehrte Ende der neunziger Jahre in der rechtsextremen "Blood & Honour"-Szene, Sektion Sachsen. Sie ist - wie Matthias D. und André E. - Mitbegründerin der "Brigade Ost" und der "Weißen Bruderschaft Erzgebirge" (WBE). Zudem engagierte sie sich für die rechtsextreme "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" (HNG), die verurteilte Straftäter mit einschlägiger Gesinnung während und nach ihrer Haft betreut.

Max-Florian B. - Unterschlupf in seiner Wohnung?

Max-Florian B. war mit Mandy S. liiert. Diese war 1997 nach Chemnitz gezogen und hatte Anschluss in der rechten Szene gefunden. Dem Steinmetz-Lehrling, drei Jahre jünger als Mandy S., imponierte die rechte Gesinnung seiner Freundin. Ermittlern zufolge hatte sie in der Beziehung das Sagen.

An einem Tag im Februar 1998 soll sie ihn gebeten haben, "Kameraden, die Scheiße gebaut haben", aufzunehmen. So fanden die untergetauchten Neonazis Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die damals per Haftbefehl gesucht wurden, Unterschlupf in B.s Wohnung in der Limbacher Straße in Chemnitz. Zwei Monate nistete sich das Trio bei Max-Florian B. ein. Auch sein Name steht auf gefälschten Papieren, die Uwe Mundlos verwendete.

Thomas S. - der Sprengstoff-Beschaffer?

Ermittelt wird auch gegen Thomas S., einen Ex-Freund Beate Zschäpes und Vizechef der sächsischen "Blood & Honour"-Sektion in Chemnitz. Er soll ihr, Böhnhardt und Mundlos nach der Flucht eine Unterkunft vermittelt und jenen Sprengstoff beschafft haben, der 1998 von der Polizei in einer Jenaer Garage entdeckt wurde und Auslöser war, weshalb das Trio untertauchte.

Er gehört zu den Helfern, denen zwar die mutmaßliche Unterstützung der Terrorzelle kurz nach der Flucht im Jahr 1998 nachgewiesen werden kann, da die Straftat "Unterstützung einer terroristischen Vereinigung" jedoch spätestens nach zehn Jahren verjährt, muss er wohl keine Anklage fürchten. Die Ermittlungen der Karlsruher Bundesanwaltschaft begannen am 11. November 2011.

Jan W. - auf der Suche nach Waffen?

Jan W. war ein führendes Mitglied der mittlerweile verbotenen Organisation "Blood & Honour". Aktiv war er vor allem in der Sektion Sachsen, in der auch Mandy S. mitmischte. Er gilt als Größe in der braunen Musikszene, er soll im großen Stil Tonträger der umstrittenen Band Landser in Umlauf gebracht haben. Im Jahr 2005 wurde die Band vom Bundesgerichtshof als kriminelle Vereinigung eingestuft. Im Rahmen der NSU-Ermittlungen wurde seine Wohnung durchsucht. Jan W. soll nach Waffen für das Trio gesucht haben, bestreitet dies jedoch vehement.

Pierre J. und Herrmann S. - Beschaffer der Pumpgun?

Sie sind Inhaber und Mitarbeiter eines Video- und Computerspiel-Verleihs und stehen im Verdacht, Uwe Mundlos bei der Beschaffung einer Pumpgun geholfen zu haben: Pierre J. und Herrmann S. Gegenüber SPIEGEL TV bestätigte der 35 Jahre alte Pierre J., dass Mundlos Kunde in der Zwickauer Filiale war. Beate Zschäpe soll unter dem Namen Lisa Mohl eine Kundenkarte gehabt haben.

Mit der Beschaffung von Waffen habe er jedoch nichts zu tun, es liege eine Verwechslung vor, betonte Pierre J. und belastete Herrmann S., einst Mitarbeiter in der Zwickauer Filiale. "Wenn es jemand gemacht hat, dann er", sagte er SPIEGEL TV Magazin. Herrmann S. wollte sich nicht äußern.

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