Opfer des NSU-Anschlags in Köln Einblicke in die Hölle

Im Akkord sagen Überlebende des Kölner Nagelbombenanschlags im NSU-Prozess aus. So wenig Zeit für ihre Aussagen bleibt: Jede einzelne ist erschütternd.

Mahnwache für die Opfer der Keupstraße: "Wir sind die Opfer!"
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Mahnwache für die Opfer der Keupstraße: "Wir sind die Opfer!"


Der Vorsitzende hat knapp terminiert. Den Verletzten des Nagelbomben-Anschlags in Köln, die am Mittwochvormittag als Zeugen geladen waren, hatte er jeweils nur 20 Minuten eingeräumt. 20 Minuten, in denen sie von ihren Verletzungen und Beschwerden berichten konnten. Es ging Schlag auf Schlag. Doch der NSU-Prozess soll ja vorankommen.

Auf den Rentner, der an jenem Juni-Tag 2004 mit dem Fahrrad unterwegs war und gerade den Friseurladen passiert hatte, vor dem die Bombe des NSU hochging, folgte der Juwelier, der damals vor seinem Laden in der Sonne saß und auf Kunden wartete.

Dann die Frau im Nachbarladen, in dem Glückwunschkarten verkauft wurden: Sie hatte bei der Polizei angerufen und darum gebeten, alle verfügbaren Kräfte zu schicken, da es eine Explosion gegeben habe und alles brenne. Sie handelte besonnen und beherzt. Über einen Mann vor der Ladentür, dessen Beine brannten, schüttete sie noch Wasser. "Dann fiel ich mal in Ohnmacht", sagt sie, ohne großes Aufsehen davon zu machen.

Dabei sind die Folgen des Anschlags auch bei ihr gravierend. Es sind nicht körperliche Beschwerden, unter denen sie wie viele andere Geschädigte leidet. Sondern es sind Schlafprobleme, Albträume, eine Konzentrationsschwäche, die nicht besser werden will, im Gegenteil. Bis 2011, sagt die Zeugin, sei sie einigermaßen damit zurechtgekommen. Doch als bekannt geworden sei, wer die mutmaßlichen Täter waren, habe sich ihr Zustand erheblich verschlechtert.

"Wir waren die Opfer!"

Angst und Unsicherheit, ob es vielleicht wieder zu einem solchen Anschlag auf Leib und Leben kommen könnte, nahmen zu. Böhnhardts und Mundlos' Rechnung, sollten sie die Bombe hergestellt und in der Kölner Keupstraße platziert haben - bei dieser Frau ging sie auf.

Weitere Opfer werden in den Saal gerufen. Auf die Frage, wo sie geboren seien, sagen mehrere: "in Kölle!" Sie alle befanden sich zur Zeit der Explosion in dem Friseurgeschäft, das die Ermittler für das Anschlagsziel hielten. Sie haben Platzwunden erlitten oder eine Gehirnerschütterung sowie Riss- und Schnittverletzungen durch Glasscherben. Sie wähnten sich damals "in der Hölle" oder dem Tod nahe.

Bis heute leiden sie unter Tinnitus, Schlaflosigkeit, kommen nicht zur Ruhe. Sie werden die Erinnerung an den Anschlag nicht los. Schmerzen und psychische Beeinträchtigungen, die in den ersten Minuten nach dem Attentat noch nicht spürbar waren - einer merkte nicht einmal, dass ein Nagel in seinem Hinterkopf steckte, bis ein Passant ihm diesen herauszog -, quälen die meisten dieser Menschen zehn Jahre später noch immer.

Und was vielleicht fast noch schlimmer ist: Sie berichten von "unvorstellbaren Vernehmungen" im Nachhinein durch eine Polizei, die in ihnen nicht Opfer sah, sondern Täter. Über Stunden seien sie nach ihren Beziehungen zum Rotlicht- oder Drogenmilieu gefragt worden. Einzelne Familienmitglieder habe man gegeneinander ausgespielt und unter Druck gesetzt. Jeder dieser Zeugen hatte eine erkennungsdienstliche Behandlung über sich ergehen lassen müssen. "Sie gingen mit uns um wie mit Beschuldigten. Dabei waren wir die Opfer!" Die üblen Erfahrungen sind bei allen Zeugen die gleichen.

Die Beobachtungen des Friseurs

Besonders abgesehen hatten es die Fahnder offenbar auf den Bruder des Friseurladen-Inhabers. Er schildert vor Gericht, wie zu ihm gesagt worden sei: Wenn du uns sagst, wer die Bombe abgestellt hat, gibt dir der deutsche Staat eine neue Lebensmöglichkeit. "Sollte ich etwa eine Person beschuldigen, die ich nicht besonders mag?" Eine rhetorische Frage.

Dabei hatte er der Polizei damals einen wichtigen Hinweis geliefert. Er ist bisher der einzige unter den Zeugen, der jenen Mann beschreiben kann, der das präparierte Fahrrad zwischen halb vier und vier Uhr vor dem Geschäft abgestellt hatte: 1,80 Meter groß, mit Baseballkappe, 30 bis 35 Jahre alt, und mit blonden Koteletten, die unter der Kappe zu sehen waren: "Als Friseur fallen einem ja als erstes die Haare auf. Die Koteletten reichten bis zur Ohrmitte. Ich dachte, der Mann sei ein Kunde." Für einen Moment habe er dem Unbekannten in die Augen gesehen, dann aber weiter nicht auf ihn geachtet. Wenige Minuten später erfolgte die Detonation.

Als er dies der Polizei berichtete, sei er gefragt worden: "Kann es nicht sein, dass die Koteletten doch dunkel waren?" Von einem blonden Tatverdächtigen wollten die Ermittler anscheinend nichts wissen.

An der Täterschaft von Mundlos und Böhnhardt dürfte nach dem bisherigen Kenntnisstand kaum ein Zweifel bestehen, enthält doch die Bekenner-DVD des NSU eine ausführliche Darstellung des Anschlags. Sie beginnt damit, dass die Comic-Figur "Paulchen Panther" angesichts der Keupstraße beschließt, gegen Ausländer vorzugehen. Am Schaufenster einer offenbar als Hauptquartier des NSU dienenden Hütte sieht der rosarote Panther ein Plakat mit der Aufschrift "Heute Aktion Dönerspieß", das ein Foto von Anwohnern der Straße nach dem Anschlag zeigt. In ihren Köpfen stecken ins Bild hinein montierte blutige Zimmermannsnägel, wie sie von den Tätern verwendet worden waren. Für Perfidie scheint es keine Grenzen zu geben.

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