NSU-Anschlag in Köln V-Mann wehrt sich gegen Verdacht

Was hat ein langjähriger V-Mann des Verfassungsschutzes mit einem NSU-Bombenanschlag zu tun? Erstmals spricht Informant H. über seine Zeit in der rechtsextremen Szene - und beteuert seine Unschuld.

Anschlag in der Kölner Probsteigasse (2001): "Ich habe damit nichts zu tun"
DPA

Anschlag in der Kölner Probsteigasse (2001): "Ich habe damit nichts zu tun"

Von und Roman Lehberger, Köln


Der Mann, der mehr als 20 Jahre lang für den nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz die Neonazi-Szene ausforschte, trägt Jeansjacke, Kapuzenpulli und Wanderschuhe; seine Haare sind lang und zottelig. An diesem Juni-Tag will er das erste Interview seines Lebens geben.

Auf H. lastet ein schwerer Verdacht, nachdem am vergangenen Wochenende Dokumente des NRW-Verfassungsschutzes in die Öffentlichkeit gelangt sind: Was hat der Informant mit dem Bombenschlag des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) auf ein iranisches Lebensmittelgeschäft in der Kölner Probsteigasse 2001 zu tun?

"Geheimdienst-Informant soll in Mordserie verwickelt sein", schrieb die "Welt am Sonntag". Die "Bild"-Zeitung fragte sogar: "Zündete Geheimdienst-Spitzel Bombe für den NSU?" Und auch SPIEGEL ONLINE berichtete: "V-Mann unter Verdacht". H. geriet in den Fokus der Öffentlichkeit, alle sprachen über ihn - und niemand redete mit ihm.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL TV nimmt der langjährige Informant des Verfassungsschutzes jetzt erstmals Stellung zu den Vorgängen. Er will sich wehren gegen die Vorwürfe und erklären, wie ausgerechnet er - der sich noch immer als Linker versteht - in die rechtsextreme Szene geriet und schließlich sogar zum stellvertretenden Kameradschaftsführer in Köln aufstieg. "Ich habe mit dem Anschlag in der Probsteigasse nichts zu tun", sagt H. "Und ich war niemals Neonazi."

Ehemaliger V-Mann H. im Interview: "Ich war niemals Neonazi"
SPIEGEL TV

Ehemaliger V-Mann H. im Interview: "Ich war niemals Neonazi"

Es beginnt in seiner Jugend, er ist 16, 17, mit seinen Freunden hängt er rum in Köln-Zollstock, sie trinken Kölsch im Fahrradkeller und "kiffen sich die Birne zu", wie er sagt. Langeweile paart sich mit Abenteuerlust, sie sind links und gegen das "Schweinesystem". Bald nennen sie sich "Anarchistische Terrorfront", sie schmieren Parolen an Polizeiwachen: "Nazi-Bullen raus!"

Per Aushang in einem Supermarkt suchen sie Waffen und bieten "Überfälle aller Art" an. Irgendwann jagen sie in einer leerstehenden Fabrik Gasflaschen hoch, eine Passantin wird verletzt, der Sachschaden ist erheblich. H. bekommt eine Jugendstrafe und verliert seinen Ausbildungsplatz in einer Fabrik. Und jetzt?

Weil ihn Waffen schon immer fasziniert haben und er nicht mehr weiß, wohin er gehen soll, geht H. zur Bundeswehr. Es ist Januar 1985, Panzerbataillon 331 in Celle, 15 Monate Wehrdienst. Als Reservist nimmt später H. an einem Scharfschützen-Lehrgang teil und schließt sich einer obskuren Söldner-Truppe an.

Der "Heimatschutzbund" ist eine Truppe von Zivilversagern, Waffennarren, Lagerfeuerfetischisten und Rechtsextremisten. Als der Staatsschutz der Kölner Polizei ihn um Informationen bittet, hilft er gerne. Plötzlich ist H. ein Informant. "Das war aufregend", sagt er.

Es wird noch aufregender

Und es wird noch aufregender. Aus dem Düsseldorfer Innenministerium kommen eines Tages zwei Herren, Abteilung 6, Verfassungsschutz. Ob er nicht für sie arbeiten wolle? So erzählt H. es heute, und nach allem, was über die Methoden der Nachrichtendienste bekannt ist, erscheint das Vorgehen nicht unplausibel. Offiziell nehmen Sicherheitsbehörden zu ihren Quellen niemals Stellung. In einem geheimen Brief an die Bundesanwaltschaft schreibt die frühere Verfassungsschutzchefin jedoch, die feste Zusammenarbeit mit H. habe 1989 begonnen.

Zu dieser Zeit gewinnt auch die rechtsextreme Karriere des H. gehörig an Fahrt. Sie wird ihn schließlich in die Niederungen der nordrhein-westfälischen Neonazi-Szene führen. Erst schließt er sich der "Nationalistischen Front" (NF) von Meinolf Schönborn an, dann wechselt er zur später verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) und gründet schließlich mit anderen 1998 die "Kameradschaft Köln", deren Vize er hinter dem "Hitler von Köln" genannten Extremisten Axel Reitz irgendwann wird. Eigentlich ist H. über all die Jahre immer da, wo der braune Sumpf am tiefsten ist.

Es sei seine Aufgabe gewesen, sagt H., dem Verfassungsschutz Informationen aus der Szene zu liefern. H. versteht sich als Undercover-Agent, er liebt sein Dreifachleben: Familienvater und Angestellter, Rechtsextremist und eben V-Mann des Verfassungsschutzes. Wenn er nach Hause kommt, sagt seine esoterisch angehauchte Freundin, die von seiner Nebenerwerbs-Spitzelei weiß, er solle sich sofort die Klamotten ausziehen und die "negative Nazi-Strahlung" abwaschen. H. gehorcht.

Anfang 2015 abgeschaltet

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wird H. erst Anfang 2015 abgeschaltet, womöglich um seiner Enttarnung zuvorzukommen. Er selbst darf zu den Details seiner Arbeit nichts sagen, auch nicht zu seinem Lohn, dazu hat ihn der Verfassungsschutz verpflichtet. Aus Sicherheitskreisen verlautet aber, H. sei eine Top-Quelle gewesen, zuverlässig, engagiert und hochgradig "nachrichtenehrlich", wie es im Jargon der Dienste heißt.

Im Gegensatz zu den vielen Neonazi-Spitzeln, die ihr Informantensalär immer wieder auch in den Aufbau der Szene steckten, will sich H. als Undercover-Antifaschist verstanden wissen - als Schaf im Wolfspelz gleichsam. Der Verfassungsschutz führte ihn als "geheimen Mitarbeiter", was auf eine besonders enge Zusammenarbeit hindeutet. H. war demnach mehr als ein gewöhnlicher V-Mann. In einem geheimen Vermerk der Behörde aus dem Jahr 2012 heißt es, H.s V-Mann-Führer hätten ihn übereinstimmend nicht als Extremisten eingeschätzt.

In Verdacht gerät H. schließlich vor allem wegen seiner Frisur. Die frühere Leiterin der Düsseldorfer Behörde teilt der Bundesanwaltschaft mit, dass H. "Ähnlichkeiten" mit den damals angefertigten Phantombildern des Mannes aufweise, der im Dezember 2000 den Sprengsatz in einem Geschäft in der Kölner Probsteigasse abgelegt habe. Es gebe jedoch keine "Anhaltspunkte für eine Tatbeteiligung", so die Verfassungsschützerin. Tatsächlich ist die Ähnlichkeit zwischen einem Bild H.s aus dem Jahr 2010 und der Phantomzeichnung vor allem deshalb so groß, weil beide Männer lange, in der Mitte gescheitelte Haare tragen.

Phantombild der Kölner Polizei (2001): H. sah damals anders aus
Polizei

Phantombild der Kölner Polizei (2001): H. sah damals anders aus

Allerdings sah H. zur Tatzeit im Winter 2000 wohl noch ganz anders aus: Er hatte keine langen Haare, wie sie Ladenbesitzer Djavad M. beschrieb. Auch war er nie blond. Fotos aus der Zeit, die SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL TV vorliegen, scheinen das zu belegen. Zudem konnte Geschäftsinhaber M. auf Bildern H. nicht als den Mann identifizieren, der die Bombe deponiert hatte. Bis heute wurde H. daher nicht vernommen, es gibt kein Ermittlungsverfahren gegen ihn und juristisch gesehen noch nicht einmal einen Verdacht.

Die Kölner Rechtsanwältin Edith Lunnebach, die die Familie M. im Münchner NSU-Prozess in der Nebenklage vertritt, will sich damit nicht abfinden. Sie fordert eine vollständige Aufklärung des Geschehens: "Wir wollen wissen, was damals geschehen ist, um den Anschlag aufzuklären. Gab es die Spur H. nicht auch schon 2001?" Seinerzeit sei unter anderem der Staatsschutz der Kölner Polizei mit der Sache befasst gewesen. "Deshalb gehen wir davon aus, dass auch der Verfassungsschutz damals informiert wurde", so Lunnebach im Interview. "Wieso aber ist H. nie befragt worden? Weshalb hat man sein Alibi nicht überprüft?"

Bislang gibt es keine Antworten darauf.

Den NSU will H. nicht gekannt haben - und auch niemanden aus dessen Umkreis. Die Aussage eines Aussteigers, das Trio habe 2009 eine Veranstaltung in Erftstadt besucht, bezeichnet H. als "blanken Unsinn". Er sei sich vollkommen sicher, dass an der geschlossenen Veranstaltung nur Extremisten aus dem Rheinland teilgenommen hätten. "Fremde Gesichter wären uns sofort aufgefallen", so H. Auch habe er sich nach den beiden NSU-Anschlägen in Köln in der Szene umhören sollen, aber niemand habe damals etwas gewusst, sagt H. Für die Kölner Neonazis seien die Taten Anschläge im kriminellen Milieu gewesen.

Es könnte sein, dass H. demnächst doch noch viele Fragen beantworten muss. Der NSU-Untersuchungsausschuss im Düsseldorfer Landtag plant, ihn als Zeugen vorzuladen. Sollte es dazu kommen, will H. aussagen: "Da hätte ich die Möglichkeit, meine Sicht der Dinge zu schildern." Die Frage allerdings ist, ob der Verfassungsschutz ihn lassen wird.


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Zum Autor

Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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