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Opfer des NSU-Anschlags in Köln: "Das habe ich nicht verdient"

Von , München

Tatort Keupstraße (Juni 2004): "Man muss lernen, damit zu leben" Zur Großansicht
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Tatort Keupstraße (Juni 2004): "Man muss lernen, damit zu leben"

Im Juni 2004 explodierte in der Kölner Keupstraße eine Bombe mit Hunderten Nägeln. Ein Wunder, dass niemand starb. Im NSU-Prozess schildern jetzt Überlebende den Moment der Explosion - und das Leiden, das nie ganz endet.

Beate Zschäpe sitzt da wie immer. Ihr offen getragenes Haar fällt vielleicht noch ein wenig mehr ins Gesicht; sollte sich doch irgendeine Regung darauf abzeichnen, man könnte sie nicht sehen. Erst nach der Mittagspause strahlt sie Verteidiger Wolfgang Stahl an und redet auf ihn ein.

Auch André E. sitzt da wie immer, breit hingeflegelt, und spielt mit einer seiner tätowierten Hände auf Handy und Laptop. Anschließend verschränkt er mit geschlossenen Augen die Arme. Schläft er? Sein übliches Desinteresse an dem Prozess scheint auch heute nicht erschüttert. Kein Wort zu seinen Anwälten. Er scheint auch im Gerichtssaal in einer eigenen, anderen Welt zu leben.

Von den übrigen Angeklagten auch nur das Gewohnte: Holger G. starrt ins Leere, Ralf Wohlleben vermeidet jeden Blick zu den Zeugen. Allein Carsten S. hört ihnen aufmerksam zu.

"Von hinten kam plötzlich ein Druck"

Was zwei Zeugen am Dienstag vor Gericht schildern, lässt manchem Zuhörer das Blut in den Adern gefrieren. Sandro D., 34, und sein Freund Melih K., 31, waren am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße unterwegs, um sich in einem Döner-Laden etwas zu essen zu holen. Als die Nagelbombe des NSU hochging, befanden sie sich in unmittelbarer Nähe zum Sprengsatz. Die Täter hatten ein Fahrrad mit der Bombe vor einem Friseurladen abgestellt. Dass die beiden jungen Männer das Attentat überlebt haben, ist ein Wunder.

"Von hinten kam plötzlich ein Druck, als ob mir jemand die Beine weggeschossen hätte. Alles war voller Qualm. Melih lag auf dem Boden. War er tot? Ich hörte nichts. Man zog mir mein Oberteil aus, weil es brannte. Ich konnte mich nicht verständigen, weil ich nichts gehört habe. Dann lag ich auch schon im Krankenwagen. Und dann war ich weg. Erst drei Tage später kam ich wieder zu mir." So erlebte Sandro D. den Nagelbombenanschlag.

Er war damals mit dem Hinterkopf auf dem Pflaster aufgeschlagen. Platzwunde. Einer der zehn Zentimeter langen Zimmermannsnägel, mit denen die Täter die Bombe gefüllt hatten, drang in seinen Oberschenkel, riss den Knochen auf und blieb darin stecken. Das war die schwerste Verletzung. Bruch des anderen Oberschenkels, Verbrennungen zweiten Grades, Riss des Trommelfells, schwere Schulterverletzung. "Aus meinem Daumen ragte der Knochen heraus", sagt D. heute. "Es war wie in einem schlechten Stummfilm. Alle standen um mich herum und redeten. Ich aber hörte nichts. Nur wenn ich an einen schwarzen Punkt an meinem Oberschenkel fassen wollte, hielten die Leute meine Hände davon weg."

"Ich wusste nicht, ob Melih tot war"

Melih K.s Haare brannten lichterloh. Eine Stichflamme hatte überdies eines seiner Trommelfelle ausgebrannt. Mehr als hundert Splitter im Gesicht, in der Hornhaut der Augen. Aus seinem Körper entfernten die Ärzte neun dieser langen Nägel, die in die Oberschenkel zum Teil bis zum Knochen eingedrungen waren. Sie hätten sich aber ebenso gut wie Geschosse in den Kopf oder den Oberkörper der Opfer bohren und deren Leben auslöschen können. Die Ärzte entfernten "radikal" das zerfetzte Gewebe, um keine Infektionen aufkommen zu lassen. Einer der behandelnden Mediziner der Kölner Uniklinik zeigt Fotos von den Verletzungen. Sie lassen sich kaum beschreiben.

Melih K.s Eltern sagte damals niemand Bescheid. "Meine Oma in der Türkei hörte im Radio von dem Anschlag. Daraufhin rief sie meine Eltern in Köln an. Meine Freundin klapperte dann Kliniken ab, bis ich gefunden wurde."

Beide Zeugen berichten von Verdächtigungen, die ihnen schon im Krankenhaus entgegenschlugen. Sie durften keinen Kontakt zueinander haben. "Ich wusste nicht, ob Melih tot war", sagt Sandro D. DNA und Fingerabdrücke wurden ihnen abgenommen, weil man sie für die Täter hielt.

Auf Frage von Rechtsanwalt Thomas Bliwier, ob er von der Polizei nach seinen Vermutungen bezüglich der Täter gefragt worden sei, antwortet Melih K.: "Es hieß ja, der Anschlag sei auf den Friseurladen wegen Schutzgeld verübt worden. Aber dann hätte man doch den Inhaber abgeknallt und nicht eine Bombe mit Hunderten von Nägeln auf offener Straße explodieren lassen! Die einzige Erklärung, die ich sah, war, dass der Täter ein Ausländerhasser aus der rechten Szene gewesen sein musste. Dafür muss man kein Ermittler sein!"

Erfolglose Therapien

Beide jungen Männer haben zahllose Operationen und Behandlungen hinter sich. Ihre Körper sind durch Narben entstellt, ihre Psyche ist lebenslang versehrt. "Man muss lernen, damit zu leben", sagt Sandro D. tapfer. Er habe versucht, zu verdrängen und zu vergessen. Jetzt, durch den Prozess, sei alles wieder hochgekommen. Die eigentliche Psychotherapie beginne erst nach seiner Zeugenaussage. Melih K. haben die Therapien nicht geholfen, im Gegenteil: "Als ich ständig drüber reden sollte, das hat mir eher geschadet." Erst jetzt, zehn Jahre nach dem Anschlag, fassen beide Männer beruflich langsam Fuß.

Sükrü A., 59, hingegen, der früher einen Schlüsseldienst betrieb und abends Taxi fuhr, befindet sich noch immer nicht auf dem Weg der Besserung. Er war damals mit Frau und Tochter in die Keupstraße gekommen, um ein Hochzeitsgeschenk zu kaufen. Rasch wollte er sich vor der Feier noch die Haare schneiden lassen und betrat den Friseurladen. Frau und Tochter gingen weiter.

Kaum zehn Minuten später die Explosion. A. saß mit anderen Wartenden direkt hinter der Schaufensterscheibe, die in tausend Teile zersprang. Von "multipelsten Wunden am Kopf und den Armen" spricht der Klinikleiter, in dessen Haus A. Glassplitter und Nägel entfernt wurden. Trotz mannigfacher Krankenhausaufenthalte ist A.s Leben seither durcheinander. Er leidet unter einer Angstdepression und einer posttraumatischen Belastungsstörung, die hier nicht als Modediagnose vorgebracht wird wie sonst so oft in Strafverfahren. An Arbeit ist gar nicht zu denken.

Kemal G.s Schilderungen, auch er einer der Friseurkunden, decken sich mit den Aussagen der anderen Zeugen. Er hatte bei Ford gearbeitet und 2007 seinen Job dort verloren; jetzt hat er wieder eine Stelle. Er will seinen neuen Arbeitgeber nicht nennen. Er habe Angst, sagt er. "Sonst kommt morgen jemand..." Er beendet den Satz nicht. Er kam als politischer Flüchtling nach Deutschland, weil er gedacht habe, sagt er, hier gehe es demokratischer und freier zu. "Die Leiden, die ich in der Türkei nicht erlitten habe, wurden mir nun in Deutschland zugefügt. Das habe ich nicht verdient."

Zschäpe verabschiedet sich lächelnd von ihren Verteidigern. Sie wirkt jetzt ganz entspannt.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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