Wohlleben-Freundin als V-Frau: Deckname "Jule"

Von Maik Baumgärtner und

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Ralf Wohlleben vor Gericht: Informantin auf ihn angesetzt

Der thüringische Verfassungsschutz führte offenbar eine weitere Quelle im Umfeld des NSU. Die frühere Freundin des Angeklagten Ralf Wohlleben soll dem Dienst Informationen gegen Geld geliefert haben. Hinweise auf das untergetauchte Trio aber gab sie offenbar nicht.

Wenn es darum geht, ihren Informanten lustige Decknamen zu verpassen, bewiesen Polizisten wie Verfassungsschützer oftmals ungeahnte Kreativität: "Primus", "Corelli", "Heidi" - dem Erfindungsreichtum der Beamten waren lange Zeit keine Grenzen gesetzt. Im Fall der damaligen Rechtsextremistin Juliane W. gab sich das thüringische Landesamt jedoch nur wenig Mühe. Ihr V-Mann-Führer nannte sie schlicht "Jule", wie die "Berliner Zeitung" nun berichtete.

Bei der Friseurin aus Jena handelte es sich, das ist inzwischen bekannt, um eine weitere Zuträgerin des Erfurter Dienstes aus dem Umfeld des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen lieferte die frühere Lebensgefährtin des mutmaßlichen NSU-Unterstützers Ralf Wohlleben 1998/1999 über Monate detaillierte Informationen über das Privatleben ihres Freundes, über dessen Einkommen und Kontakte zu anderen Szenegrößen. Dafür soll sie einige hundert Mark bekommen haben. Das geht aus Unterlagen hervor, die das thüringische Innenministerium dem Bundestagsuntersuchungsausschuss überstellt hat.

In diesem Material, das ist bemerkenswert, befinden sich entgegen sonstigen behördlichen Gepflogenheiten keine Treffberichte des V-Mann-Führers mit der als "Gewährsperson" bezeichneten Extremistin. Stattdessen hatte der Beamte Norbert W., der auch den Neonazi-Informanten Tino Brandt betreute, handschriftliche Gesprächsnotizen zu den Akten gegeben, die wohl während der Treffen mit "Jule" entstanden waren. Vor dem Untersuchungsausschuss stellte W. seine Quelle als Gelegenheitsinformantin dar, die auf Wohlleben angesetzt worden sei.

Ralf Wohlleben wiederum soll Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe wesentlich bei ihrem Gang in den Untergrund 1998 unterstützt haben. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm im NSU-Prozess zudem vor, die Pistole der Marke Ceska beschafft zu haben, mit dem der NSU wohl neun Menschen ermordete. Wohlleben schweigt zu den Vorwürfen.

Schlüssel zur Wohnung von Mundlos

Im Zuge der Operation "Drilling", mit der die thüringischen Behörden Ende der neunziger Jahre nach den untergetauchten Neonazis suchten, geriet auch Wohllebens Freundin Juliane W. ins Visier der Geheimdienstler. Zunächst wurde sie kurzzeitig beobachtet, später dann als Informantin angeworben.

Aufgefallen war die Aktivistin unter anderem wohl auch, weil sie mit einem Haustürschlüssel vor Mundlos' Wohnung aufgetaucht war, als die im Januar 1998 gerade durchsucht werden sollte. Am nächsten Tag erschien sie bei der Kriminalpolizei und bat, ausgestattet mit einer entsprechenden Vollmacht, um den sichergestellten Schlüssel zu Beate Zschäpes Wohnung. Monate später traf sie die Mutter von Uwe Mundlos und wollte mit deren Hilfe ein Konto für den Extremisten im Untergrund einrichten.

Das BKA sieht sie als unwissende Gehilfin

In ihrer Vernehmung durch das Bundeskriminalamt (BKA) im Januar 2012 gab W. allerdings an, keinen Kontakt mehr zu den Gesuchten nach deren Abtauchen gehabt zu haben. Sie habe Wohlleben wiederholt nach Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gefragt, jedoch stets die Auskunft erhalten, er wisse selbst nichts. Das BKA ging in einem Ermittlungsvermerk daher davon aus, dass W. wohl eher eine unwissende Gehilfin ihres Freundes war und in dessen Auftrag handelte.

Der Verfassungsschützer Norbert W. wiederum hatte vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags ausgesagt, Juliane W. habe das Trio nur vom Sehen gekannt. Überhaupt spielte er die Bedeutung der Informantin herunter. So ließ er unerwähnt, dass sie Geld für ihre Hinweise bekommen hatte und bezeichnete W. als Gelegenheitszuträgerin, obschon sie dem Dienst über längere Zeit geliefert hatte.

Auch in der Antwort des Erfurter Verfassungsschutzes auf ein im März gestelltes Auskunftsersuchen des Untersuchungsausschusses wurde "Jule" nicht erwähnt. Das dortige Innenministerium ließ eine aktuelle Anfrage zu den Hintergründen dieses möglichen Versäumnisses bislang unbeantwortet.

V-Mann-Führer Norbert W. hingegen machte sich bereits vor geraumer Zeit Luft. Dem Untersuchungsausschuss des thüringischen Landtags beschrieb er seine Schwierigkeiten beim Anwerben von Spitzeln, die Unzuverlässigkeit der potentiellen Kandidaten. Gerade mit den Skinheads habe man eigentlich ständig das gleiche Problem gehabt: "Die besaufen sich und können sich dann am nächsten Tag an nichts mehr erinnern."

Da war "Jule" wohl anders.

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