Rechtsextremismus Die verschwundene Beute des NSU

Mountainbikes, BahnCards, GEZ-Gebühren: In einem Bericht hat das BKA die Ausgaben mit den Einnahmen des Zwickauer Terrortrios verglichen. Demnach sind nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen etwa 155.000 Euro des NSU verschwunden.

Ausgebrannte NSU-Wohnung in Zwickau: Hier fanden die Ermittler noch genau 1715 Euro
DPA

Ausgebrannte NSU-Wohnung in Zwickau: Hier fanden die Ermittler noch genau 1715 Euro

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Hamburg - So systemfeindlich der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) auch war, seine GEZ-Gebühren zahlte die Zelle immer pünktlich zum Jahresbeginn. Genau 215,76 Euro erstatteten Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe zuletzt im Januar 2011 dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der analoge Kabelanschluss in ihrer konspirativen Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße kostete sie noch einmal 19,99 Euro monatlich.

Mit großer Akribie hat das Bundeskriminalamt (BKA) in einem neuen Bericht die finanziellen Verhältnisse der mutmaßlichen Rechtsterroristen analysiert. Die Ermittler werteten Kontoauszüge aus, hörten Zeugen, sicherten Bargeld und ließen Schätzungen einfließen.

Demnach standen den Neonazis zwischen Februar 1998 und November 2011 insgesamt 617.000 Euro zur Verfügung. Den Großteil davon (609.000 Euro) hatten wohl Böhnhardt und Mundlos mit Banküberfällen erbeutet, zudem erhielten sie von ihren Familien und aus der Szene einiges an Geld.

21.000 Euro für Unterhaltungselektronik

Die Kriminalisten gehen sogar davon aus, dass Angehörige und Gesinnungsgenossen sich gerade in der ersten Zeit nach dem Abtauchen des Trios finanziell stärker engagiert haben, als bisher bekannt geworden ist. Für mehr als 12.000 Mark, die die drei für ihre laufenden Kosten bis zum ersten Raubüberfall im Dezember 1998 benötigt haben sollen, finden sich keine Quellen, wie das BKA festhält. Die Schlussfolgerung der Beamten: Hier halfen Verwandte und Kameraden aus.

Die Ausgaben des Trios beziffert das BKA mit insgesamt 347.000 Euro. Den Großteil davon machten Mietzahlungen (102.000 Euro) und die angenommenen Lebenshaltungskosten von 140.000 Euro aus - die Kriminalisten legten dieser Schätzung den Hartz-IV-Regelsatz zugrunde.

Leihgebühren für Autos und Wohnmobile summierten sich demnach über die Jahre auf 29.000 Euro, Kosten für Urlaube wiederum auf knapp 20.000 Euro, für BahnCards wurden 1200 Euro fällig. Die im Untergrund lebenden Neonazis gaben laut BKA für Unterhaltungselektronik fast 21.000 Euro aus, ihre Mountainbikes schlugen mit 7000 Euro zu Buche. Nach dem Auffliegen des NSU stellte die Polizei noch 114.000 Euro sicher. Der größte Teil davon (112.000 Euro) befand sich in dem Wohnmobil, in dem sich Böhnhardt und Mundlos getötet hatten.

Währungswechsel brachte NSU in Not

Aus dieser Aufstellung folgt jedoch zwangsläufig, dass rund 155.000 Euro des NSU verschwunden sind. Das BKA zieht durchaus in Betracht, dass es Ausgaben gegeben hat, die sich nicht mehr nachvollziehen lassen, etwa für Munition, Sicherheitstechnik und Waffen. Vorstellbar ist aber auch, dass die Rechtsterroristen Gelddepots angelegt haben. Schließlich entdeckten die Ermittler in dem Zwickauer Versteck der Bande lediglich 1715 Euro. Auch Beate Zschäpe trug bei ihrer Festnahme gerade einmal zwölf Euro bei sich.

Von besonderer Schwierigkeit muss für das Trio die Währungsumstellung im Januar 2002 gewesen sein. Nach den Berechnungen des BKA hatte sich die Neonazi-Zelle zu diesem Zeitpunkt ein Finanzpolster von etwa 100.000 Mark geschaffen, natürlich in bar. Innerhalb von zwei Monaten mussten die mutmaßlichen Terroristen dieses Geld umtauschen und das möglichst unauffällig in kleinen Stückelungen. Bei Bargeld-Beträgen über 5000 Mark griff seinerzeit die Identifizierungspflicht nach dem Geldwäschegesetz. Die Ermittler nehmen deswegen an, dass das Trio mindestens 20 Banken aufsuchte, um seine D-Mark-Reserven in Euro zu wechseln.

Etwas Geld verdiente die Gruppe anfangs auch mit dem selbstgebastelten Brettspiel "Pogromly", einer perfiden neonazistischen Abwandlung von "Monopoly". Das Wasserwerk aus dem Original hieß hier "Gaswerk", Bahnhöfe ließen sich nicht erwerben, stattdessen die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald, Dachau und Ravensbrück. Städte sollten die Spieler "judenfrei" machen.

Den Erkenntnissen des BKA zufolge verkauften die Extremisten dieses schäbige Machwerk zwischen Februar 1998 und Dezember 1999 insgesamt 25 Mal. Der damit erzielte Erlös betrug genau 1250 Mark.

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insgesamt 21 Beiträge
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shooop 24.04.2014
1. Die Rechnung geht nicht auf
In den Jahren 1998 bis 2011 standen den 617 000 Euro zur Verfügung. D.h. dass die pro Kopf und Jahr 15 384 Euro zur Verfügung hatten, das sind im Monat 1282 Euro. Wo soll denn da was übrig geblieben sein?
radioman 24.04.2014
2. Hartz-Regelsatz
Zitat von shooopIn den Jahren 1998 bis 2011 standen den 617 000 Euro zur Verfügung. D.h. dass die pro Kopf und Jahr 15 384 Euro zur Verfügung hatten, das sind im Monat 1282 Euro. Wo soll denn da was übrig geblieben sein?
In der Tat ziemlich naiv vom Gericht, den Hartz-Regelsatz zugrunde zu legen. Wenn ich Hunderttausende mit Banküberfällen erbeute, drehe ich vermutlich nicht jeden Euro 2 mal um, sondern lebe in normalem Umfang unauffällig, aber nicht übertrieben sparsam. Und dann dürfte das Geld ausgegeben worden sein. Dafür spricht übrigens auch der letzte Banküberfall des Duos: Wenn noch so viel Geld da gewesen wäre, warum dieses Risiko eingehen?
Hafturlaub 24.04.2014
3.
Zitat von shooopIn den Jahren 1998 bis 2011 standen den 617 000 Euro zur Verfügung. D.h. dass die pro Kopf und Jahr 15 384 Euro zur Verfügung hatten, das sind im Monat 1282 Euro. Wo soll denn da was übrig geblieben sein?
Bei einer 3er WG in einer normalen ostdeutschen Stadt sind >3800€ im Monat "netto" doch durchaus ne Menge Holz. Da Ossis meist nicht den angeborenen Drang haben, dem Nachbarn mit Statussymbolen imponieren zu müssen, kann man auch gut mit der Hälfte auskommen.
binu 24.04.2014
4. @radioman
richtig! und im H4 Regelsatz-Warenkorb sind vermutlich auch keine Waffen mit Munition vorgesehen. Was die ersten 12.000 DM angeht würde ich böserweise auf Startkapital vom Verfassungsschutz tippen + Gefängnisfreikarte.
suppenfliege 24.04.2014
5. Ich schliesse mich den Vorrednern an
Der Schlüsselsatz ist wohl: "die Kriminalisten legten dieser Schätzung den Hartz-IV-Regelsatz zugrunde." - Wenn die das ernst meinen, muss man sich um deren Qualifikation und damit unsere Sicherheit ernsthaft sorgen.
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