Letzter NSU-Mord Warum musste Michèle Kiesewetter sterben?

Vor sieben Jahren sollen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Heilbronn die Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter ermordet haben. Zum letzten Mord des NSU gibt es viele Verschwörungstheorien, die Fakten werden oft ignoriert.

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Trauerzug für Michèle Kiesewetter (April 2007): Das vermutlich letzte Mordopfer des NSU
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Trauerzug für Michèle Kiesewetter (April 2007): Das vermutlich letzte Mordopfer des NSU


Heilbronn - Wenn der Polizist Martin A. heute einen Streifenwagen sieht, sorgt er sich um die Kollegen: "Hoffentlich machen die keine Pause und kommen heil wieder heim." Der Beamte ist eines der wenigen Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), die einen Mordanschlag der Rechtsterroristen überlebt haben. Das Projektil aus einer Pistole des Typs Tokarew TT 33, das am Mittag des 25. April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese seinen Kopf durchschlug, tötete ihn nicht. Seine Kollegin Michèle Kiesewetter, damals 22, jedoch musste sterben. Die Frage ist: warum?

"Der Mord an Michèle Kiesewetter ist für mich noch immer rätselhaft", sagt etwa der Präsident des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ihm sei nicht vollständig erklärlich, warum die Anschlagsserie des NSU anschließend geendet sei. "Der Fall ist nicht vollständig aufgeklärt", so Ziercke.

Zahlreiche Verschwörungstheorien ranken sich um die Tat, den wohl letzten Mord des NSU. Scheint er doch aus den Übrigen vor allem auch deshalb herauszustechen, weil die beiden Opfer keinen Migrationshintergrund hatten und Polizisten waren.

Verbindung zum Ku-Klux-Klan

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die beiden Beamten als Repräsentanten des ihnen verhassten Staates attackierten. Martin A. und Michèle Kiesewetter seien Zufallsopfer gewesen, angegangen nicht als Personen, sondern als Polizisten, so die Ermittler. Die Terroristen hätten damit "die Ohnmacht der Sicherheitskräfte" bloßstellen und ihre eigene Macht demonstrieren wollen, heißt es in der Anklageschrift gegen Beate Zschäpe.

"Ausdruck des Triumphs" sei die Beute gewesen, die der NSU gemacht habe: die Dienstwaffen der Niedergeschossenen. In dem später sichergestellten Bekennervideo der Rechtsterroristen feuert die Comicfigur Paulchen Panther mit einer Pistole auf den Kopf eines Polizisten.

Merkwürdig erscheinen indes Details, die die Recherchen der Ermittler zutage gefördert hatten. So stammte Michèle Kiesewetter aus einem kleinen Ort in Thüringen, in dem ein Schwager des mutmaßlichen NSU-Unterstützers Ralf Wohlleben zeitweise einen Gasthof betrieb. Jedoch sind nach Darstellung des Bundeskriminalamts (BKA) weder Kiesewetter noch Zschäpe, Böhnhardt oder Mundlos jemals dort eingekehrt.

Darüber hinaus war Kiesewetters damaliger Gruppenführer bei der Bereitschaftspolizei einst Mitglied im deutschen Ableger des rassistischen Geheimbundes Ku-Klux-Klan. Dem BKA zufolge gibt es trotzdem keinen Zusammenhang zwischen der rechten Vergangenheit des Polizisten und dem Anschlag in Heilbronn, an dessen Aufklärung die Ermittler aus Baden-Württemberg jahrelang gescheitert waren. Damals jagten die Kriminalbeamten einer falschen DNA-Spur nach, die sich schließlich als Folge verunreinigter Wattestäbchen entpuppte.

Gefälschter Observationsbericht

Im Winter 2011 meldete dann der "Stern", bei dem Attentat auf Kiesewetter und Martin A. seien amerikanische Agenten und deutsche Verfassungsschützer am Tatort gewesen. Der Artikel stützte sich auf einen vermeintlichen Report des US-Geheimdiensts Defense Intelligence Agency (DIA), aus dem dies hervorzugehen schien. Der Krimiautor Wolfgang Schorlau verbreitete diese Darstellung unlängst noch einmal in einem Interview mit der "Stuttgarter Zeitung".

Die Bundesanwaltschaft kam allerdings schon vor Jahren zu dem Schluss, dass der vermeintliche Observationsbericht der DIA eine Fälschung war.

Gleichwohl ist erwiesen, dass das Trio lange vor der Bluttat in Heilbronn schon enge Verbindungen nach Baden-Württemberg unterhalten hatte. Zwischen 1993 und 2001 reisten die Neonazis immer wieder zu Kameraden nach Ludwigsburg. Vor allem Mundlos und Zschäpe seien häufig dort gewesen, berichtete die Kriminalhauptkommissarin Sabine R. aus dem Stuttgarter Landeskriminalamt im NSU-Prozess.

Stadtpläne im Versteck

Womöglich versuchten die mutmaßlichen Rechtsterroristen später auch, Anschlagsziele im Südwesten der Republik auszuspähen. Im Schutt der ausgebrannten Zwickauer Wohnung, die als Unterschlupf der Neonazis gedient hatte, fanden Kriminaltechniker Stadtpläne - unter anderem einen von Heilbronn, einen von Ludwigsburg, zwei von Stuttgart.

In der Straßenkarte von Stuttgart habe man mehrere Markierungen mit dem Buchstaben "P" entdeckt, so ein BKA-Beamter vor Gericht. Die Recherchen hätten schnell ergeben, dass die Markierungen auf "ehemalige oder existierende Polizeidienststellen" hingewiesen hätten. Zudem gebe es Fotos, die Böhnhardt am 25. Juli 2003 in der Stuttgarter Nordbahnhofstraße zeigten.

Der überzeugendste Beleg aber dafür, dass Michèle Kiesewetter zufällig Opfer des NSU wurde, ist der Umstand, wie sie an den Tatort gelangte. Aus einem Vermerk der Kriminalisten geht hervor, dass die Polizeimeisterin der Bereitschaftspolizeiabteilung Böblingen sich erst am 19. April 2007 freiwillig für den Einsatz in Heilbronn gemeldet und dafür mit dem Polizeimeister Lars D. den Dienst getauscht hatte. Eigentlich hätte Kiesewetter nämlich die gesamte Woche über Urlaub gehabt. Am 20. April wurde der Einsatz "gebucht", wie es in dem Schriftstück heißt.

Das Wohnmobil aber, mit dem die Täter laut Anklage nach Baden-Württemberg reisten und schließlich auch wieder flohen, mietete Uwe Böhnhardt bereits einige Tage zuvor, am 16. April.



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