V-Mann in der rechten Szene "Heidis" Erinnerungen

Ein ehemaliger Informant der Polizei beschäftigt die Ermittler mit unglaublichen Geschichten: Er will Beate Zschäpe Tage vor dem Mord im Jahr 2006 in Dortmund gesehen und beinahe eine Pistole von Uwe Mundlos gekauft haben. Was treibt "Heidi"?

Kiosk in Dortmund: Hier starb im April 2006 Mehmet Kubasik
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Kiosk in Dortmund: Hier starb im April 2006 Mehmet Kubasik

Von , Düsseldorf


Thomas M. ist groß, kahlköpfig und wiegt bestimmt mehr als hundert Kilogramm. Ein bisschen erinnert der ehemalige Taxifahrer aus dem Ruhrgebiet an Meister Proper, doch seine V-Mann-Führer vom Dortmunder Kriminalkommissariat 24 tauften ihren langjährigen Zuträger "Heidi". Warum auch immer.

Am Donnerstagnachmittag, in geheimer Sitzung, sollte sich nun der Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags mit den wenig alpinen Erlebnissen des 51-Jährigen befassen. Die Abgesandten der Piratenfraktion wollten von Innenminister Ralf Jäger (SPD) wissen, wie die Landesregierung "Heidis" schier unglaubliche Erinnerungen einstuft. Doch letztlich kam es nicht dazu, unter anderem weil zwei Abgeordnete eine Geheimschutzerklärung nicht unterzeichnen mochten.

Vermeintliches Treffen mit Mundlos und Zschäpe

Dabei sind die Schilderungen des Thomas M. durchaus von hohem Unterhaltungswert, wenngleich wohl wenig glaubwürdig. Tatsächlich war "Heidi" auch am 4. April 2006, als der "Nationalsozialistische Untergrund" in Dortmund den Kioskbetreiber Mehmet Kubasik erschoss, ein Zuträger der örtlichen Polizei.

Angesetzt auf den Neonazi Toni S., seines Zeichens selbst ehemaliger Informant des brandenburgischen Verfassungsschutzes, sollte "Heidi" den Staatsschützern Wissenswertes vom rechten Rand liefern. Die Kooperation mit den Ermittlern dauerte bis in den Mai 2012, als ein Kriminalhauptkommissar dem Spitzel schließlich eine schriftliche Kündigungsbestätigung mailte. Zugleich bekam Thomas M. von der Polizei ein zinsloses Darlehen über 356,30 Euro.

Die interessantesten Beobachtungen lieferte "Heidi" allerdings erst Monate nach seiner Abschaltung. Im Dezember 2012 teilte er dem Generalbundesanwalt schriftlich mit, er habe zusammen mit Toni S. drei Tage vor dem Mord in Dortmund Uwe Mundlos und Beate Zschäpe vom Bahnhof abgeholt und umhergefahren. Dabei habe ihm Mundlos eine Pistole für 1000 Euro zum Kauf angeboten, die oben "abgefeilt" war, wie sich Thomas M. erinnerte.

Erstaunliche Erinnerung

Bereits im Dezember 2011 hatte er einem Hauptkommissar des Dortmunder Kriminalkommissariats 24 geschildert, er habe am 1. April 2006 am Hauptbahnhof einen Mann in Begleitung von Toni S. gesehen, den er jetzt als Uwe Mundlos identifizieren könne. Damals war noch keine Rede von Beate Zschäpe und auch nicht von einer Waffe - und trotzdem weckte die Darstellung bereits Zweifel bei den Beamten: Es stelle sich die Frage, notierte ein hochrangiger Beamter des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts in einer vertraulichen Stellungnahme, warum sich "Heidi" viele Jahre später so gut an eine Begegnung erinnern könne, der er seinerzeit keinerlei Bedeutung zugemessen habe.

Überhaupt stehen die Schilderungen des Thomas M. in einem auffallend deutlichen Widerspruch zu den Erkenntnissen des Bundeskriminalamts in Sachen NSU. Demnach nutzten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Dortmund ein mit den Alias-Personalien ihres mutmaßlichen Unterstützers Holger G. am 3. April angemietetes Wohnmobil, das sie auch zwei Tage später während des Mordes an Halit Yozgat in Kassel einsetzten. Warum also hätte Mundlos mit der Bahn anreisen sollen? Auch gibt es außer den Angaben von Thomas M. keine Hinweise darauf, dass Beate Zschäpe sich zur Tatzeit in Dortmund aufhielt.

Eine Erklärung für "Heidis" Angaben könnte nach Einschätzung der Ermittler sein, dass er sich bedroht fühlte - er will von drei Männern zusammenschlagen worden sein - und um Aufnahme in ein Zeugenschutzprogramm bat.

Eine Merkwürdigkeit indes gibt es. "Heidis" Zielperson Toni S., der als V-Mann des Verfassungsschutzes einstmals CDs vertrieb, in denen zur Ermordung des Brandenburger Generalstaatsanwalts aufgerufen worden war, wohnt in unmittelbarer Nähe des Tatorts in der Dortmunder Nordstadt. Das allerdings kann durchaus Zufall sein.

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Seite 1
ANDIEFUZZICH 02.05.2013
1. Zufälle gibt's,...
Zitat von sysopDPAEin ehemaliger Informant der Polizei beschäftigt die Ermittler mit unglaublichen Geschichten: Er will Beate Zschäpe Tage vor dem Mord 2006 in Dortmund gesehen und beinahe eine Pistole von Uwe Mundlos gekauft haben. Was treibt "Heidi"? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-mord-in-dortmund-die-informationen-von-v-mann-heidi-a-897806.html
...die gibt es gar nicht. P.S.,: Was ist das eigentlich mit der Sicherheitswarnung wegen unverschlüsselter Informationen auf einer verschlüsselten Seite, die ist doch sonst beim Ztieren im Forum nicht üblich.
vulletin 03.05.2013
2. Personenberschreibung von
Die bisherigen Angaben dürften ausreichend gewesen sein : "Eine Erklärung für "Heidis" Angaben könnte nach Einschätzung der Ermittler sein, dass er sich bedroht fühlte - er will von drei Männern zusammenschlagen worden sein - und um Aufnahme in ein Zeugenschutzprogramm bat. "
ANDIEFUZZICH 03.05.2013
3. Fragen vs. Antworten
Zitat von vulletinDie bisherigen Angaben dürften ausreichend gewesen sein : "Eine Erklärung für "Heidis" Angaben könnte nach Einschätzung der Ermittler sein, dass er sich bedroht fühlte - er will von drei Männern zusammenschlagen worden sein - und um Aufnahme in ein Zeugenschutzprogramm bat. "
Die Ermittler lagen im gesamten NSU-Fall völlig daneben, warum sollte es in diesem Falle anders sein? Sie bemühen ja auch hauptsächlich den Konjunktiv...
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