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NSU-Prozess: Was verschweigt Verfassungsschützer Andreas T.?

Von , München

Tatort in Kassel: In diesem Internetcafé wurde Halit Yozgat im April 2006 erschossen Zur Großansicht
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Tatort in Kassel: In diesem Internetcafé wurde Halit Yozgat im April 2006 erschossen

Er war am Tatort eines NSU-Mordes, doch Verfassungsschützer Andreas T. will nichts mitbekommen haben. Opferanwälte wollen ihm nun nachweisen, dass seine Aussage nicht stimmen kann. Die Chancen stehen gut.

Am 6. April 2006 gegen 16.50 Uhr betrat ein großgewachsener Mann das Internetcafé der Familie Yozgat in der Holländischen Straße 82 in Kassel. Es war ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes namens Andreas T. Er trug eine Plastiktüte bei sich, in der sich offenbar ein schwerer, eckiger Gegenstand befand.

Wenige Minuten später, um 17.01 Uhr, wurde in diesem Café der 21 Jahre alte Halit Yozgat getötet. Ihn trafen zwei Kugeln aus der bei neun Morden an Opfern ausländischer Herkunft verwandten Tatwaffe Ceska 83. Der erste Schuss drang horizontal in die rechte Schläfe des hinter seinem Schreibtisch sitzenden jungen Mannes, die zweite Kugel in seinen Hinterkopf, als er zu Boden sank. Halit Yozgat starb in den Armen seines Vaters, der kurz darauf in den Laden kam. Unmittelbar davor hatte T. das Internetcafé überstürzt verlassen.

Andreas T. muss sich zur Tatzeit in direkter Nähe zum Opfer aufgehalten haben. Allerdings bestreitet er bis heute, irgendetwas von dem Geschehen mitbekommen zu haben. Sowohl als Beschuldigter als auch als Zeuge bestritt er, eine Plastiktüte dabeigehabt zu haben, als er das Café betrat. Angeblich wollte er auf einer Flirt-Line chatten, ehe er sich auf den Heimweg zu seiner schwangeren Frau machte. Diese - scheinbar harmlose - Version begegnet inzwischen jedoch größten Zweifeln.

Ein Verfassungsschützer am Tatort eines rassistisch motivierten Mordes, der nichts gehört und nichts gesehen haben will? Der keine Tüte dabei gehabt haben will, obwohl er glaubhaft eine dabei hatte? Die ganze Sache ist so mysteriös, dass sie sich unmöglich so zugetragen haben kann, wie sie in der Anklage des Generalbundesanwalts beschrieben ist.

Zeugen vom Tatort haben im Prozess mittlerweile zum Tatgeschehen ausgesagt, mehrfach auch Verfassungsschützer T., der eine hochproblematische Aussage zum Besten gab. Zeugen aus den Reihen des Verfassungsschutzes beriefen sich vor Gericht auffallend oft auf Erinnerungslücken und Unwissen.

Die Familie Yozgat mit ihren Rechtsbeiständen gibt sich mit der unzureichenden Aufklärung des Todes ihres Sohnes nicht zufrieden.

Was die Anwälte der Familie beantragen

Ende vergangener Woche haben die Vertreter der Familie - die Hamburger Rechtsanwälte Thomas Bliwier, Doris Dierbach und Alexander Kienzle - fünf umfangreiche Beweisanträge bei Gericht eingereicht, die in dieser Woche in der Hauptverhandlung vorgetragen werden sollen.

Die Anwälte beantragen zum Beispiel, Telefonmitschnitte beizuziehen, in denen etwa T.s Ehefrau einer Freundin gegenüber bestätigt, dass ihr Mann eine Plastiktüte bei sich gehabt habe. Frage: Warum bestritt T. dies vor Gericht? Hat er die Unwahrheit gesagt? Und vor allem: Was war in der Tüte?

Die Anwälte der Familie Yozgat wollen auch beweisen, dass T. bereits vor dem Tattag im April 2006 konkretes Wissen über die Täter, den Tatort, die Tatzeit und die Art der geplanten Tatbegehung gehabt habe. Sie wollen in diesem Zusammenhang den damaligen Geheimschutzbeauftragten des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz als Zeugen hören, der T. telefonisch anwies, dieser solle bei Vernehmungen lediglich "so nah wie möglich an der Wahrheit bleiben", und ihm riet, wie sich unangenehme Fragen umschiffen lassen.

"Die Beweiserhebung", so die Anwälte der Nebenklage Yozgat, "namentlich die Vernehmung des Geheimschutzbeauftragen H., dient der Feststellung folgender Tatsachen: Der Zeuge wird bekunden, dass er aufgrund seiner nach dem 6. April 2006 als Geheimschutzbeauftragter des LfV Hessen erlangten Erkenntnisse den Beschuldigten T. für die Person hielt, die den Mord an Halit Yozgat 'verursacht' habe." Bemerkenswert sei dabei, so die Nebenklage, dass T. gegenüber dem Geheimschutzbeauftragten nicht ein einziges Mal sagte, er habe mit der Tat nichts zu tun.

Die Hamburger Anwälte wollen überdies nachweisen, dass dienstliche Vorkenntnisse des Mitarbeiters T. im Amt thematisiert und Überlegungen angestellt worden seien, was er am besten auf die Frage antworten solle, von wann an er von Morden an Ausländern gehört habe und ob ihm bewusst gewesen sei, sich an einem Tatort aufgehalten zu haben. T. sei beraten worden, die Vorkommnisse "aus übergeordneter Warte" zu schildern und zu sagen: "Ich kann mir das, wie das jetzt ist, auch nicht erklären..." Genauso verhielt sich T. später in der Hauptverhandlung vor dem Münchner NSU-Senat.

Auch Volker Bouffier soll aussagen

Schließlich wollen die Anwälte der Familie Yozgat den jetzigen hessischen Ministerpräsidenten und damaligen Innenminister Volker Bouffier als Zeugen vor Gericht laden. Bouffier hatte am 17. Juli 2006 in der Innenausschusssitzung des Hessischen Landtages behauptet, er habe von dem gegen T. bestehenden Verdacht, mit dem Mord an Halit Yozgat zu tun zu haben, erst aus der Zeitung erfahren. Obwohl ihm keine Ermittlungsberichte vorgelegen hätten, habe Bouffier bekundet, der Verfassungsschützer T. sei "unschuldig".

Tatsächlich sei Bouffier "spätestens am 12. Juli 2006" über den Tatverdacht gegen T. informiert gewesen, und zwar nicht per Zeitungslektüre, sondern durch ein Schreiben der Staatsanwaltschaft Kassel. Bouffier habe in der Folge nicht nur eine Sperrerklärung betreffend die Vernehmung von T.s Quellen erlassen, sondern dem Verfassungsschützer T. zu einem Zeitpunkt Rückendeckung geben, als dieser Beschuldigter in einem Mordverfahren gewesen sei. Es spreche vieles dafür, dass der Verfassungsschutz mehr über die Umstände des Mordes an Halit Yozgat wisse, als bisher zugegeben worden sei.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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