Tatort-Begehung im Fall Kiesewetter Fragwürdige Zeugen

Der Mord an der Polizistin Kiesewetter beschäftigt den NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart, die Abgeordneten machten sich nun ein Bild am Tatort. Nach der Begehung erschienen einige Zeugenaussagen in neuem Licht.

Tatort-Begehung mit Politikern und Journalisten in Heilbronn: Absolut arglose Opfer
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Tatort-Begehung mit Politikern und Journalisten in Heilbronn: Absolut arglose Opfer


Der grün-silberne BMW-Kombi parkt an der Seite des Trafohauses. Über den Zugang zum Fahrzeug wachen uniformierte Polizisten, ein Teil der Heilbronner Theresienwiese ist mit rot-weißem Absperrband abgetrennt. Wenige Meter weiter haben Schausteller ihre Fahrgeschäfte und Wohnwagen für das alljährliche Frühlingsfest aufgebaut.

So war es auch damals, am 25. April 2007 um kurz vor 14 Uhr, als auf dem Festgelände nahe der Heilbronner Innenstadt die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen wurde. Die Polizistin und ihr Kollege Martin A. machten in ihrem Streifenwagen Pause, da schossen ihnen Unbekannte aus kurzer Entfernung in den Kopf. Kiesewetter starb, ihr Kollege überlebte. Als Täter gelten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

Absolut arglose Opfer

Acht Jahre später besichtigt der NSU-Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags den Tatort und die Plätze diverser Zeugenaussagen, begleitet von einem großen Pressetross. Zur besseren Rekonstruktion der Tat haben die Behörden ein Polizeifahrzeug neben das Trafohaus gestellt. Eine große Traube von Menschen umringt es, aus der Menge ragen Kameras und Tonangeln, vom nahen Weg blicken neugierig Fußgänger und Fahrradfahrer herüber.

Im Zentrum des Pulkes steht Kriminaloberrat Axel Mögelin, 41. Der Mann vom Landeskriminalamt leitete zuletzt die "Soko Parkplatz", jene Ermittlungsgruppe, die den Mord aufklären sollte. Im November 2011 übernahm der Generalbundesanwalt die Ermittlungen, die Sonderkommission ist aufgelöst.

Mögelin zeigt die Einschuss-Stelle eines Projektils in der Wand des Trafohauses, sie ist trotz des ochsenblutroten Neuanstrichs noch gut zu erkennen. Er erzählt, dass die Polizisten, Kiesewetter auf dem Fahrersitz, ihr Kollege als Beifahrer, ernst nach rechts geschaut haben müssen, wo etwas oder jemand ihre Aufmerksamkeit erregte. Die Kopfschüsse, kamen dann von links, von der Fahrerseite des Autos.

Axel Mögelin, Ex-Leiter der Sonderkommission "Parkplatz", zeigt den Tatort
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Axel Mögelin, Ex-Leiter der Sonderkommission "Parkplatz", zeigt den Tatort

Mögelin beugt sich in den Wagen hinein, um zu demonstrieren, mit welcher Gewalt die Täter die Waffe des Polizisten A. aus dem Holster gerissen haben müssen, sodass dieser halb aus dem Fahrzeug rutschte. Er erzählt, dass die Kollegen absolut arglos waren. Im BMW fanden sich noch die nicht ausgedrückten Zigarettenkippen der beiden Beamten und ein angebissenes Brötchen, das die beiden zuvor bei einem Bäcker gekauft hatten.

Zweifelhafte Tätersichtungen

Neues kommt nicht heraus bei dem Termin, die Fakten sind durch mehrere Ermittlungs- und Abschlussberichte bekannt. Doch die Begehung mit dem Ermittler sorgt dennoch für Erkenntnisse, bei Parlamentariern wie bei Journalisten. Zum Beispiel der, dass viele der angeblichen Täter- oder Helfersichtungen weit weg vom Tatort passierten oder die Qualität der Zeugenaussagen zweifelhaft ist. Der Ortstermin wird zum kilometerweiten Stadtspaziergang.

Eine Frau etwa will gesehen haben, dass drei Männer vom Auto weggerannt sind, vor dem ein toter Polizist lag. Doch die Frau hatte psychische Probleme und markierte in den Aussagen ihre Position abweichend, erst drei Meter neben dem Fahrzeug, dann 100 Meter davon entfernt.

Ein anderer Zeuge beobachtete aus der Ferne eine Gruppe von zwei Männern und einer Frau, aus denen sich eine Person löste, um sich im Neckar Blut von den Händen zu waschen. Doch das fiel dem Zeugen erst mit zwei Jahren Verspätung ein. Wiederum ein anderer will einen Mann gesehen haben, der auf eine Straße gelaufen und dort hektisch in eine schwarze Limousine zugestiegen sei. Dabei seien die Worte "dawai, dawai" gefallen, russisch für "schnell, schnell". Das war zwei Kilometer von der Theresienwiese entfernt.

Über 5000 Einzelspuren sind die Ermittler laut Mögelin nachgegangen. Nach dem Auffliegen des NSU am 4. November 2011 haben sie alle Spuren noch einmal überprüft, den Zeugen Fotos der beiden NSU-Mitglieder vorgelegt. Die beiden Terroristen erkannte niemand, doch soll der Mord deshalb das Werk einer größeren Gruppe gewesen sein?

Auf mögliche Mittäter oder Mitwisser gibt es bislang keine belastbaren Hinweise. Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt gehen davon aus, dass Mundlos und Böhnhardt Kiesewetters Mörder sind. Die Polizistin musste sterben, weil sie eine Repräsentantin des verhassten Staates war.

Alleintäterschaft von Mundlos und Böhnhardt plausibler

Fest steht jedenfalls, dass das von Böhnhardt und Mundlos angemietete Wohnmobil mit dem Kennzeichen C - PW 87 um 14.37 Uhr bei einer Verkehrskontrolle am Kontrollpunkt Oberstenfeld registriert wurde, rund 20 Kilometer vom Tatort entfernt. Um dorthin zu gelangen, müssen sie schnell und direkt vom Tatort losgefahren sein, in dem Fahrzeug, das sie womöglich auch zum Auskundschaften nutzten.

Es sei wahrscheinlich, "dass eine Planung stattgefunden hat", sagt Mögelin bei seiner anschließenden Befragung durch den Ausschuss im Heilbronner Rathaus. Doch suchten die NSU-Männer auch Kiesewetter gezielt aus? Mögelin erinnert daran, dass es zwei Opfer gab, von denen das eine nur durch Zufall überlebt habe. "Wenn Sie die Polizei angreifen wollen, ist der Ort sehr gut geeignet." Für eine gezielte Tat gegen eine bestimmte Polizistin gebe es sicherlich geeignetere Orte.

Er wünsche sich, der Untersuchungsausschuss des Bundestages hätte einen solchen Ortstermin gemacht, sagt der SPD-Obmann Nikolaos Sakellariou als Fazit des Tages. "Dann wäre die eine oder andere Aussage so nicht gemacht worden." Die These von der alleinigen Täterschaft von Mundlos und Böhnhardt sei ihm heute plausibler geworden.

Noch klarer formuliert es der FDP-Vertreter im Untersuchungsausschuss, der ehemalige Justizminister Ulrich Goll: "Diese Tat konnte ohne Weiteres von zwei Personen begangen werden. Die Mehrtäter-Theorie fußt auf fragwürdige Zeugenaussagen."



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