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Fingiertes NSU-Opfer: Reisekosten für ein Phantom

Von und Wiebke Ramm

Keupstraße in Köln: 22 Menschen wurden am 9. Juni 2004 verletzt Zur Großansicht
DPA

Keupstraße in Köln: 22 Menschen wurden am 9. Juni 2004 verletzt

Der Eklat um das wohl erfundene NSU-Opfer Meral Keskin wird immer seltsamer: Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen will Keskins Anwalt sogar 2000 Euro dafür bezahlt haben, dass seine Mandantin endlich nach Deutschland kommt.

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Es ist in der deutschen Justizgeschichte ein wohl einmaliger Vorgang: Im umfangreichsten Terrorprozess seit Jahrzehnten fällt erst nach zweieinhalb Jahren auf, dass es eine Beteiligte gar nicht gibt. Die Person Meral Keskin, die angeblich ein Opfer des NSU-Anschlags in der Kölner Keupstraße gewesen sein soll, scheint eine Erfindung von Atilla Ö. zu sein, Nebenkläger im Münchner Prozess, nach allem, was man weiß, tatsächliches Opfer des Anschlags.

Dennoch vertrat der Rechtsanwalt Ralph Willms seine Phantom-Mandantin vor dem Münchner Oberlandesgericht - mehr als 230 Verhandlungstage lang. Am vergangenen Freitag erstattete Willms dann bei der Staatsanwaltschaft Köln Anzeige gegen Ö. wegen Betrugs.

In dem vierseitigen Dokument führt Willms' Anwalt Peter Nickel nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen unter anderem aus, wie Willms an das verhängnisvolle Mandat gelangt sein will. So sei Ö. auf ihn zugekommen und habe ihm Meral Keskin als langjährige Bekannte seiner Mutter angekündigt. Zum Beleg, dass Keskin tatsächlich bei dem Nagelbombenanschlag am 9. Juni 2004 geschädigt worden war, reichte Ö. demnach ein Attest und Zeitungsausschnitte ein. Die dort abgedruckten Fotos aus der Keupstraße sollten Meral Keskin zeigen. Später erhielt er nach eigenen Angaben weitere Bilder, auf denen eine verletzte Meral Keskin zu sehen gewesen sein sollte.

Vermeintlicher Zusammenbruch auf dem Weg zum Flughafen

In seinem Antrag an das Gericht auf Zulassung der Nebenklage hatte Willms keine Zeitungsberichte erwähnt. Damals führte er stattdessen als Beleg an, seine Mandantin sei von einem Fernsehsender befragt worden.

Das Treffen mit der neuen Mandantin habe nach Willms' heutiger Darstellung dann in der Wohnung von Atilla Ö. stattgefunden, heißt es in der Anzeige. Weil die Frau nur Türkisch gesprochen habe, habe Ö. übersetzt. Für die Vermittlung des Mandats verlangte Ö. laut Anzeige eine Provision. Da er daran interessiert gewesen sei, "an einem historisch herausragenden Strafverfahren teilnehmen zu können", so Willms, habe er sich auf dieses Geschäft eingelassen.

Der Jurist soll Ö. 3000 bis 4000 Euro gezahlt haben. In seiner Anzeige nennt Willms die Summe indes nicht. Womöglich spielten auch die sicheren Einkünfte aus einem solchen Prozess keine geringe Rolle bei Willms' Entscheidung, die Provision zu bezahlen, was nach Auffassung der Kölner Rechtsanwaltskammer wohl illegal ist. Ein Experte schätzte für SPIEGEL ONLINE die Summe der bislang fälligen Gebühren für einen Anwalt wie Willms im NSU-Verfahren auf etwa 123.000 Euro.

Besonders absurd scheint es geworden zu sein, als der Münchner Senat Meral Keskin endlich als Zeugin befragen wollte. Offensichtlich hatte Rechtsanwalt Willms gar keinen Kontakt zu seiner Mandantin. Jedenfalls musste er nach seinen Angaben erneut Ö. bitten, mit der Frau in Verbindung zu treten. Daraufhin sagte ihm Ö. laut Anzeige, Keskin sei krank und halte sich in der Türkei auf. Irgendwann hieß es dann sogar, wie Nickel schreibt, Keskin sei mit einem Herzanfall auf dem Flughafen zusammengebrochen, als sie zurück nach Deutschland habe reisen wollen.

2000 Euro für Flug und Hotel

Im Juni 2015 will Willms seine Mandantin dann doch endlich zum zweiten Mal gesehen haben. Zu diesem Zeitpunkt lief der Prozess in München bereits seit mehr als zwei Jahren. Wieder habe Ö. die Unterredung übersetzt. Angeblich machte Willms seiner Mandantin nun klar, dass sie unbedingt vor Gericht aussagen müsse. Doch die Ladungen des Senats gingen weiter ins Leere. Meral Keskin erschien nicht in München. Ö. sagte laut Anzeige erneut: Die Frau sei krank. Und dann habe es plötzlich geheißen: Sie habe kein Geld, um wieder nach Deutschland zu kommen.

Offenbar war Rechtsanwalt Willms nun so verzweifelt, dass er selbst für die Reise seiner Mandantin zahlte. In seiner Anzeige heißt es, er habe Atilla Ö. 2000 Euro gegeben, die der wiederum an Meral Keskin weiterleiten sollte - für den Flug, für ein Hotel. Vergeblich. Nachdem der Vorsitzende Richter Manfred Götzl ihm mit Ermittlungen gedroht hatte, wandte sich Willms laut Anzeige wieder an Ö. Der versprach demnach ein Gespräch für den Folgetag, das er dann erneut absagte. Ein neuer Termin wurde der Anzeige zufolge vereinbart, doch auch der fiel aus: Nun habe es geheißen, die Tochter von Meral Keskin sei krank, schreibt Nickel.

Jetzt stellte Willms angeblich Nachforschungen an. In seiner Anzeige ist von einer "Recherche" die Rede, die ihn schließlich zu seinem Anwaltskollegen Björn Hühne führte. Bei einem Treffen, das Hühne SPIEGEL ONLINE gegenüber als "zufällig" bezeichnet hatte, zeigte Willms demnach Fotos seiner Mandantin. Hühne erkannte darauf eine Frau, die ihm Atilla Ö. im Frühjahr 2013 als seine Mutter vorgestellt hatte. Willms sei "sichtlich geschockt" gewesen. "Er ist regelrecht aus den Latschen gekippt", so Hühne.

Rechtsanwalt Reinhard Schön, der Atilla Ö. in München in der Nebenklage vertritt, wollte sich auf Anfrage nicht zu den massiven Vorwürfen gegen Ö. äußern.

Der womöglich genarrte Anwalt Willms wiederum war 2009 vom Amtsgericht Aachen zu neun Monaten Haft auf Bewährung und 3000 Euro Geldbuße verurteilt worden, weil er einem Bekannten mehrfach Haschisch in die Justizvollzugsanstalt Köln geschmuggelt hatte. Er habe dabei die Privilegien eines Rechtsanwalts ausgenutzt, befand das Anwaltsgericht nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen. Die Instanz hatte über Willms' Zulassung zu entscheiden.

Doch die Rechtsanwaltskollegen beließen es schließlich bei einer zusätzlichen Geldbuße von 8000 Euro und einem Verweis. Willms wurde noch einmal "nachdrücklich an die Einhaltung seiner Berufspflichten" erinnert, wie es in einer Publikation des Gerichts heißt. Damit sei dann "dem Interesse einer integren Anwaltschaft genügt" worden.

Zusammengefasst: Rechtsanwalt Ralph Willms hat mehr als 230 Tage lang eine gewisse Meral Keskin als Nebenklägerin im NSU-Prozess vertreten. Dann kam heraus, dass Keskin gar nicht existiert, sondern wohl von einem anderen Nebenkläger, Atilla Ö., erfunden worden war. Willms hat nun Ö. wegen Betrugs angezeigt - doch wirft die Anzeige auch Fragen zu seinem eigenen Handeln auf.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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