Carsten S. im NSU-Prozess: "Eine Entschuldigung wäre zu wenig"

Von Gisela Friedrichsen

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Angeklagter Carsten S.: "Ich wollte mein Mitgefühl ausdrücken"

"Ich wollte mein Mitgefühl ausdrücken": Zum Schluss eines Befragungsmarathons sucht Carsten S. im NSU-Prozess nach angemessenen Worten für die Angehörigen der Opfer. Er ist der einzige Angeklagte, der überhaupt ausführlich redet.

Um 14.45 Uhr richten sich aller Augen auf Carsten S. Der Befragungsmarathon, sein Rede- und Antwortstehen im Münchner NSU-Prozess, das schon über sieben Sitzungstage ging, neigt sich dem Ende zu. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl will gerade die letzte Fragerunde einläuten, diesmal ist die Verteidigung an der Reihe. Opfer des NSU nehmen an der Verhandlung nicht mehr teil, nur noch ihre Anwälte.

Da sammelt sich S. noch einmal. Er scheint um Worte zu ringen.

"Ich kann nicht - ähm - ermessen, was Ihren Angehörigen an unglaublichem Leid angetan wurde. Sie als Angehörige - mir fehlen die Worte um zu beschreiben, was ich dafür empfinde, da finde ich nicht die passenden Worte, was das in mir auslöst. Ich bin mir auch absolut nicht sicher, beziehungsweise ich denke mir, eine Entschuldigung wäre zu wenig. 'ne Entschuldigung - klingt wie ein ,sorry'. Wäre dann vorbei. Ist noch lange nicht vorbei. Ich wollte mein Mitgefühl ausdrücken."

Der Vorsitzende unterbricht die Sitzung für ein paar Minuten. S. geht hinaus. Als er wieder den Saal betritt und sich auf seinen Platz setzt - kraftlos wirkend, ausgepumpt, in sich versunken -, unterhält sich Beate Zschäpe in der Reihe vor ihm lebhaft mit ihren Anwälten. Der Angeklagte Ralf Wohlleben dreht sich von S. weg. Holger G. starrt, wie meist, ins Leere. Der fünfte Angeklagte, André E., beschäftigt sich eingehend mit seinem Computer.

Eisernes Schweigen

An diesem Mittwoch, dem 12. Verhandlungstag, war zuvor jene Situation eingetreten, von der man bisher gehofft hatte, sie würde dieses Verfahren vielleicht doch nicht in dem Ausmaß beschweren wie befürchtet. Weitere Nebenklagevertreter hatten die Befragung von Carsten S. fortgesetzt, jenem Angeklagten, der bisher am ausführlichsten ausgesagt hatte.

S. gilt laut Anklage als der Lieferant jener Waffe, mit der neun Personen vom rechtsterroristischen NSU umgebracht worden sein sollen, und er hat Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte, in den Verdacht eines weiteren Mordversuchs im Jahr 1999 gebracht.

Das Interesse an seinen Angaben war und ist enorm, gilt er doch als der einzige der Angeklagten, der so bereitwillig und offensichtlich auch glaubhaft Auskunft gibt. Holger G. wollte sich über eine Erklärung zu seiner Person hinaus vorerst nicht äußern. Ralf Wohlleben wollte über seine Anwälte eine Erklärung abgeben, behielt sich aber den Zeitpunkt dafür vor. Er lehnte sich bislang meist zurück und hörte zu, was über ihn und seine Beziehung zu den als "Terrortrio" bezeichneten Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe erörtert wurde. André E. und Zschäpe schweigen weiter eisern.

Gute Anwälte, weniger gute Anwälte

S.s Erinnerungsfähigkeit wurde im Lauf dieses Befragungsmarathons auf eine harte Probe gestellt. Ende 2000 schon hatte er der rechten Szene, der er in den Jahren 1998 und 1999 eng verbunden war, den Rücken gekehrt. Er sprach also über Eindrücke, über Gedanken und Bilder meist mit der Einschränkung: "so weit ich das noch erinnere"; "ich meine, noch im Gedächtnis zu haben"; "möglich, dass es so war".

Die Fragen der Opferanwälte sind unsortiert, zum Teil auch unerwartet. Nicht aus allen erschließt sich der Sinn, manche sind auch unverständlich. Warum soll es unter Juristen auch anders zugehen als in anderen Berufsgruppen: Es gibt Profis, erfahrene Kämpfer vor den Schranken der Gerichte, und andere, deren Fähigkeiten auf anderen Gebieten liegen mögen.

Bei 60 Nebenklage-Anwälten, die in diesem Prozess vor dem 6. Strafsenat des Münchner Oberlandesgerichts auftreten, sitzen neben den Hochprofessionellen eben auch jene anderen. Da allen das Fragerecht zusteht, hat der Vorsitzende die Wahl, entweder mit Nachsicht und Geduld abzuwarten, bis sich der Darstellungseifer mancher Anwälte gelegt hat - oder, um uferloses Herumgerede zu verhindern, die Fragesteller an ihr Handwerkszeug zu erinnern.

"Fragen Sie einfach!"

"Wenn wir so weitermachen", unterbricht der Vorsitzende Manfred Götzl eine Opferanwältin, "dann brauchen wir künftig für jeden Zeugen einen ganzen Tag." Ihren Kollegen belehrt er: "Wenn Sie eine Frage so stellen, dass sie gleich in einem zweiten Satz erläutert werden muss und die Erläuterung dann auch, dann war die Frage von Anfang an nicht präzise!"

Götzl legt Wert auf präzises, offenes Fragen, er will vorankommen - ein ambitioniertes Anliegen in diesem Verfahren. "Wenn Sie so weit ausholen, ehe Sie fragen, dann ergeben sich schon darüber Diskussionen. Fragen Sie einfach! Und wenn es dann auch noch in den persönlichen Bereich gerät..."

Götzl ließ viele, sehr viele Fragen zu, die dem Anliegen einzelner Opfer, mehr über die rechte Szene damals in Ostdeutschland zu erfahren, entgegenkamen. Ein Detail fügte sich zum anderen, nicht jedes war nötig zur Beantwortung der Frage, ob Beate Zschäpe wegen Mittäterschaft oder Beihilfe zu den NSU-Mordtaten zu verurteilen sei.

Die Verteidigung Zschäpes hat keine Fragen an S., die André E.s auch nicht. Holger G.s Verteidiger wollen "wenige Fragen" stellen, aber nicht heute. Und von Wohllebens Verteidigern lässt S. sich nicht befragen.

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1.
derdichter 19.06.2013
um ehrlich zu sein weiss ich nicht was ich von ihn halten soll. einerseits hat er eine mordwaffe geliefert. andererseits wenn sein mitgefuhl und reue ehrlich sind... nun ja.
2. Das klingt nach Zirkus
TeslaTraX 19.06.2013
Was ist denn los in deutschen Gerichten, hört sich so an als ob sich der Richter vorführen lässt. Er sollte das Verfahren doch leiten. Schön das die Anwälte heute selber entscheiden wer wann befragt wird .... armes D
3.
Wildes Herz 19.06.2013
Zitat von sysopIm übrigen halte ich sehr viel davon, zu einer besseren Einsicht zu gelangen und verbrecherische Taten zuzugeben. Vom Verpfeifen früherer Gesinnungsgenossen halte ich gar nix, zumal dadurch kein Schaden verhindert oder wieder gutgemacht werden kann!
"Verpfeifen"?! Was meinen Sie damit? JEDE Aussage über die Tatbeiträge einzelner ist hier Gold wert, um wenigstens ein kleines bisschen Licht ins tiefbraune Dunkel zu bringen.
4.
Sackaboner 19.06.2013
Hat sich dieser Carsten S. einmal dazu geäußert, warum die Uwes die Waffe haben wollten? Hat er sie nicht danach gefragt? Und haben sie klar gesagt, dass sie jetzt in den nächsten Jahren kreuz und quer in Deutschland unschuldige, arbeitsame, unauffällige Ausländer umbringen wollten, und zwar aus Hass auf Ausländer? Seltsam dass er jetzt zwar sehr betroffen scheint, damals aber anscheinend nichts dabei fand, das Mordwerkzeug zu liefern.
5. Opfer sind tot
deckergs 19.06.2013
Zitat von sysopIn komplexen Verfahren mögen mehrere Anwälte nötig sein, auch als Ermittler, Aufbereiter und Rechercheure. Warum aber mehr als 3 pro Partei vor Gericht erscheinen dürfen, ist mir nicht nachvollziehbar! Insbesonders von den Anwälten der Familien-angehörigen der Opfer (die Opfer sind tot und können keine Anwälte beauftragen, also gibt es keine "Opferanwälte") kann man erwarten, daß sie die Themen untereinander sinnvoll aufteilen. Im übrigen halte ich sehr viel davon, zu einer besseren Einsicht zu gelangen und verbrecherische Taten zuzugeben. Vom Verpfeifen früherer Gesinnungsgenossen halte ich gar nix, zumal dadurch kein Schaden verhindert oder wieder gutgemacht werden kann!
Bei dem Nagelbomben-Attentat in Köln detonierte am 9. Juni 2004 in der Köln-Mülheimer Keupstraße, die als Zentrum des türkischen Geschäftslebens bekannt ist.Dabei wurden 22 Menschen verletzt, vier davon schwer. Im November 2011 konnte der Anschlag der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund zugeordnet werden. Seit wann sind diese Opfer tot? Aufgrund welcher Rechtsgrundlage kann man erwarten, das die Anwälte die Themen -welche Themen- sinnvoll -wie definiert sich das- untereinander aufteilen?
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Fotos: BKA/DER SPIEGEL