Plädoyer der Anklage im NSU-Prozess Tarnkappe der Terrorzelle

Beate Zschäpe stellt sich als unsicher und abhängig dar, doch die Ankläger sehen das ganz anders: Im NSU-Prozess hat die Bundesanwaltschaft die Gräueltaten des Terror-Trios geschildert. Die Hauptangeklagte habe die Morde ermöglicht.

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Als Tarnkappe soll Beate Zschäpe fungiert haben. Sie soll das Leben ermöglicht haben, das sie mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im Untergrund führte, sie soll den Unterschlupf gesichert und die Abwesenheit der Männer verschleiert haben, wenn diese mordeten und raubten.

So wirft es ihr die Bundesanwaltschaft in ihrem Plädoyer vor, das nach vier Jahren und drei Monaten NSU-Prozess begonnen hat.

Zschäpe hört den Vergleich mit der Tarnkappe, sie blickt ins Leere, verliert den Anschluss, zupft ihren Wunschverteidiger Mathias Grasel am Arm. Der drückt das rote Lämpchen an seinem Mikrofon. "Frau Zschäpe kann dem Vortrag in dieser Geschwindigkeit nicht folgen. Vielleicht könnte man noch mal bei 'Tarnkappe' anfangen?"

Es könnte gut sein, dass sich Zschäpe in diesem Moment eine Tarnkappe herbeisehnt. Alle Blicke sind auf sie gerichtet.

Ankläger Herbert Diemer formuliert es in seinem Schlussvortrag deutlich: Die fünf Angeklagten Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, André E., Carsten S. und Holger G. haben die "infamsten Terroranschläge seit den links motivierten Anschlägen der RAF" begangen oder unterstützt. Zehn Menschen kamen dabei ums Leben, Dutzende wurden bei zwei Sprengstoffanschlägen und 15 Raubüberfällen verletzt.

Der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) habe ein "freies, friedliches und freundliches Land" erschüttern wollen, um einem "widerwärtigen Naziregime den Boden zu bereiten", sagt Diemer. Das Ziel der Terrorzelle: ein "ausländerfreies Land". Das Motiv: eine "rechtsextremistische Ideologie".

Video: Der NSU-Prozess in Zahlen

Spezialist für Präzision und Akkuratesse

Diemer, ein jovialer Mann mit eckiger Brille und bayerischem Akzent, hat die Ermittlungen im Fall des NSU geleitet. Er gilt als einer der erfahrensten Bundesanwälte beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe: ein Spezialist für Präzision und Akkuratesse. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet er für die Behörde.

Diemer steht am Rednerpult und hält eine Art Vorwort: über die Täter, die neun Kleinunternehmer hinrichteten, weil sie ausländischer Herkunft waren, "willkürlich herausgegriffene Opfer"; die Täter, die Polizistin Michèle Kiesewetter töteten, ihren Kollegen Martin A. schwer verletzten. Beide sollten sterben, so Diemer, "als Repräsentanten der von den Extremisten verhassten Polizei". Er nennt die Taten "einen Angriff gegen unseren Staat".

Bundesanwalt Herbert Diemer
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Bundesanwalt Herbert Diemer

Die Vorwürfe gegen alle Angeklagten, so Diemer, hätten sich bestätigt. Zschäpe - einzig überlebendes Mitglied des NSU - sei neben Böhnhardt und Mundlos gleichberechtigt gewesen, sie müsse daher als Mittäterin verurteilt werden. Eine konkrete Strafe wird erst am Ende des Plädoyers gefordert. Doch es ist davon auszugehen, dass die Ankläger für Zschäpe eine lebenslange Freiheitstrafe mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld beantragen, möglicherweise gar die Anordnung der Sicherungsverwahrung.

Vor dem Mammutverfahren hatte die Bundesanwaltschaft versucht, Beate Zschäpe als Kronzeugin zu gewinnen. Doch die lehnte ab.

"Zwei erfolglose Narzissten und die Tochter zweier Zahnärzte"

Oberstaatsanwältin Anette Greger spricht an diesem 375. Verhandlungstag über die Vorgeschichte, die Gründung und die einzelnen Straftaten des NSU, vor allem aber über die Rolle von Beate Zschäpe. Greger führte die Ermittlungen gegen die 42-Jährige und untersuchte die Struktur der Terrorzelle.

Die scharfsinnige, schlagfertige Juristin arbeitet seit zehn Jahren für die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. In ihrem Schlussvortrag nennt sie die beispiellose Verbrechensserie des NSU: "Wie zwei erfolglose Narzissten und die Tochter zweier Zahnärzte ein Land terrorisierten."

Greger zerlegt Zschäpes Einlassung vom 249. Verhandlungstag, die ihr Verteidiger Grasel verlesen und vermutlich auch formuliert hatte. Zschäpe weist darin jede Beteiligung an den vorgeworfenen Taten von sich, lastet sie Böhnhardt und Mundlos an, die "ohne ideologischen Hintergrund" getötet hätten.

Richter Manfred Götzl
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Zschäpe habe das Bild "zweier pathologischer Gewalttäter" gezeichnet, die aus "persönlicher Frustration" gehandelt hätten, sagt Greger. Sich selbst habe Zschäpe ein "Motivbündel aus Liebe, Unsicherheit und Alternativlosigkeit" zugeordnet - doch diese Konstruktion sei nicht glaubhaft, so Greger. Ebenso wenig wie das "eigene Dilemma", das Zschäpe in der Exploration mit dem Gutachter Joachim Bauer inszeniert habe: eine "verniedlichende, beschönigende Rolle", so die Staatsanwältin.

Die Bundesanwaltschaft bleibt bei ihrer Sicht, dass Zschäpe eingeweiht war und mitplante. Sie sei der "entscheidende Stabilitätsfaktor" des Trios gewesen, habe das Geld verwaltet, Alibis organisiert. Sie habe das nicht gemusst, sondern selbst gewollt, getrieben von einer rassistischen Gesinnung, die bereits 1995 dem Verfassungsschutz aufgefallen war.

Eine Frau, die in ihrer Wohnung rechte Devotionalien hortete, eine Reichskriegsflagge, ein Bild mit Hakenkreuz; die nur bewaffnet das Haus verließ und Gefallen daran fand, eine antisemitische Version des Spiels "Monopoly" zu fertigen, um es in der rechten Szene zu verscherbeln ("Pogromly").

"Zum Stich ins Herz im Stande"

Greger zitiert nach und nach aus Zeugenaussagen und stellt die Persönlichkeit Zschäpes aus Sicht der Bundesanwaltschaft dar: eine willensstarke, durchsetzungsfähige Person mit "bemerkenswertem" Selbstbewusstsein, die selbst Gewalt angewendet, die Kennzeichen von Polizeiwagen notiert und beide Uwes "im Griff" gehabt habe.

Das Trio beschreibt Greger als verschworene Gemeinschaft, die sich abschottete, ein "exklusives Verhältnis" pflegte und ihr Ansehen und ihre Autorität in der rechten Szene genoss. "Die drei waren Hardliner, die den Standpunkt vertraten, mehr machen zu müssen, um etwas zu verhindern", sagt Greger. Bereits als Mitglieder der Kameradschaft Jena hätten sie sich für den bewaffneten Kampf ausgesprochen.

Dass Zschäpe nach dem Tod ihrer Komplizen, noch während ihrer Flucht, das Bekennervideo verbreitete, zeige, wie sehr es ihr darauf ankam, die Angehörigen der Opfer zu verunglimpfen. Es zeige auch, dass die Angeklagte "durchaus zum Stich ins Herz im Stande war".

Fehler staatlicher Behörden kommen im Plädoyer nicht zur Sprache. Das sei die Aufgabe politischer Gremien, sagt Diemer und kritisiert "die Experten, die so tun, als habe es diese Beweisaufnahme nicht gegeben".

Es gebe keine Anhaltspunkte für ein über das NSU-Trio hinausgehende rechtsextremistisches Netzwerk. "Die überlebenden Mittäter und Unterstützer des NSU sitzen hier auf den Bänken", sagt Diemer. "Sie heißen Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, Holger G., André E. und Carsten S."

Insgesamt plädiert die Bundesanwaltschaft an diesem Verhandlungstag 117 Minuten. Etwa 22 Stunden sind geplant, im Anschluss plädieren Nebenkläger und Verteidiger.

Ein wörtliches Protokoll des Plädoyers hatte das Gericht abgelehnt. Wohllebens Anwälte melden um 13.46 Uhr, ihr Mandant sei "bereits jetzt mit dem Aufschreiben überfordert". Der Senatsvorsitzende lässt den Landgerichtsarzt kommen. Ab jetzt soll nach 50 Minuten Vortrag immer eine Pause gemacht werden.

Rund 1200 Minuten Plädoyer der Anklage stehen noch aus.

Mehr zu den einzelnen Angeklagten und den gegen sie erhobenen Vorwürfen lesen Sie in dieser Fotostrecke:

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Anwälte, Ankläger, Gutachter: Die wichtigsten Personen im NSU-Prozess

Mitarbeit Thomas Hauzenberger

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