NSU-Prozess Seltsame Fundstücke im Keller

Im Schutt der Zwickauer Wohnung des NSU fanden sich viele DNA-Spuren von Beate Zschäpe - doch ihr Anwalt Wolfgang Stahl zieht deren Beweiswert in Zweifel. Unklar ist, was es mit Fundstücken im Keller des Wohnhauses auf sich hat.

Brand in Zwickau am 4. November 2011: Brett mit Einschusslöchern im Keller
SPIEGEL ONLINE

Brand in Zwickau am 4. November 2011: Brett mit Einschusslöchern im Keller

Von Wiebke Ramm, München


Anwalt Mathias Grasel sitzt links neben Beate Zschäpe, am äußersten Rand der Anklagebank. Nur er, der Neue in der Verteidigung, wird morgens von Zschäpe begrüßt und am Ende eines Verhandlungstages von ihr mit einem Händedruck verabschiedet. Trotzdem ist nicht er es, der sich an diesem 231. Verhandlungstag im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München für seine Mandantin ins Zeug legt. Die Verteidigungsarbeit an diesem Donnerstag übernehmen Wolfgang Stahl und Anja Sturm. Auch wenn Zschäpe die beiden im Saal weiterhin keines einzigen Blickes würdigt.

Carsten Proff, der DNA-Experte beim Bundeskriminalamt (BKA), beendet an diesem Tag seine Ausführungen zu DNA-Spuren aus dem letzten NSU-Versteck in der Frühlingsstraße in Zwickau und aus dem Wohnmobil in Eisenach. In dem Wohnmobil starben Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 4. November 2011. Kurz darauf verschüttete vermutlich Zschäpe noch am selben Tag Benzin in der Wohnung in Zwickau und zündete sie an.

"Ein Problem, mit dem wir tagtäglich zu tun haben"

Spuren von Benzin fanden sich nach Zschäpes Festnahme an ihren Socken, nicht aber an ihren Schuhen. Dort hat Gutachter Proff stattdessen DNA-Spuren von Susann E., der Frau des Mitangeklagten André E., gefunden. Einige Nebenklagevertreter gehen deshalb davon aus, dass Familie E. Zschäpe noch bei ihrer Flucht geholfen hat. Susann E., so die Annahme, könnte Zschäpe ihre Schuhe gegeben haben. Die Anklage gegen André E. lautet auf Beihilfe zum versuchten Mord und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Gegen Susann E. läuft ein separates Ermittlungsverfahren.

Der Gutachter berichtet noch von weiteren Spuren, die auf eine besondere Nähe zwischen Zschäpe und André E. und seiner Familie hindeuten. Im Brandschutt lag ein Spielzeughubschrauber, mit dem Zschäpe offenbar zusammen mit einem Sohn von André E. gespielt hat. Die beiden Söhne von André E. waren im Herbst 2011 fünf und neun Jahre alt. An dem Spielzeug finden sich DNA-Spuren von Zschäpe und einem Sohn.

Dass Zschäpe zusammen mit den mutmaßlichen Serienmördern Böhnhardt und Mundlos in der Wohnung in der Frühlingsstraße gelebt hat, stellt auch ihr Verteidiger Stahl nicht mehr infrage. Stahl fragt den Gutachter stattdessen, ob es in einem Drei-Personen-Haushalt nicht zu DNA-Verfälschungen kommen könne. Ob also Zschäpes DNA auch durch Mundlos oder Böhnhardt an einen Gegenstand gelangt sein könnte. Er bekommt die Antwort, die er vermutlich hören wollte. "Ja, natürlich", sagt der Sachverständige: "Das ist ein Problem, mit dem wir tagtäglich zu tun haben." Er sagt auch, dass es durchaus möglich sei, DNA-Spuren zu übertragen, wenn eine Person die Wäsche einer anderen wäscht.

Dezenter Hinweis auf Ermittlungsdesaster

Seltsame Spuren finden sich im Keller der Wohnung der mutmaßlichen Rechtsterroristen. 39 Zigarettenkippen sammelten die Ermittler dort ein. An den meisten von ihnen fand sich laut Gutachter die DNA einer bis heute unbekannten Frau. Die beiden Kellerräume, die zur Wohnung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gehörten, waren mit massiven Stahltüren und Alarmanlagen gesichert.

Hinter einem Damenrad fanden die Ermittler ein Brett mit Einschusslöchern, das an einer Wand lehnte. Auf dem Boden stand eine Holzkiste mit Öffnungen, innen mit Styropor ausgekleidet. Die Bundesanwaltschaft vermutet, dass es ein Schussapparat ist, mit dem die Neonazis in der Öffentlichkeit unbemerkt töten wollten. Einen zweiten derartigen Apparat fanden sie im Brandschutt der Wohnung. Wer also ist die Frau, die in einer solchen Umgebung geraucht haben soll?

Möglicherweise wird es irgendwann eine harmlose Erklärung für die Spur geben. Auch bei anderen Beweismitteln stellte sich im Nachhinein heraus, dass eine DNA-Spur von einer sogenannten berechtigten Person stammte, also etwa einem Kriminaltechniker vom BKA, der seine eigene DNA am Asservat hinterlassen hatte.

Der Gutachter wird noch am Vormittag als Zeuge entlassen. Verteidiger Stahl gibt eine Erklärung ab. Er sagt, der Beweiswert von DNA-Spuren sei insgesamt "sehr, sehr kritisch" zu betrachten. "Schon einmal ist im Zusammenhang mit diesem Verfahren etwas mächtig aus dem Ruder gelaufen", sagt er. Es ist ein dezenter Hinweis auf das Desaster um ein verunreinigtes Wattestäbchen, das die Ermittler unter anderem im Mordfall Michele Kiesèwetter in die Irre geführt hatte.

Aus einer DNA-Spur von Zschäpe lasse sich Stahls Ansicht nach kaum etwas Bedeutsames herauslesen - "außer vielleicht, dass sie sich in der Frühlingsstraße aufgehalten und dass sie dort gelebt hat".

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.