Ermittlungen zur NSU-Mordserie Bis zum letzten Puzzleteil

Normalerweise sind die Ermittlungen abgeschlossen, wenn ein Mordfall vor Gericht verhandelt wird. Nicht so im NSU-Verfahren: Der Prozess läuft, aber die Fahnder machen weiter. Mit verblüffender Akribie werten sie Asservate aus. Noch immer stoßen sie auf wichtige Beweismittel.

Waffenfund im NSU-Versteck: "Wo die Feuerwehr war, gibt es keine Beweise mehr"
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Waffenfund im NSU-Versteck: "Wo die Feuerwehr war, gibt es keine Beweise mehr"


Vor knapp zwei Jahren flog die rechtsextreme Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) auf, seit Mai stehen Beate Zschäpe und vier weitere mutmaßliche Unterstützer vor Gericht wegen Mordes, Bildung einer terroristischen Vereinigung und weiterer Straftaten - doch die Ermittlungen gegen die Beschuldigten sind noch längst nicht abgeschlossen. Immer wieder stoßen Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt auf neue Indizien, die Puzzlearbeit dauert an.

Zeitweilig haben mehr als 400 Kriminaltechniker an der Aufklärung der rassistisch motivierten Mordserie getüftelt, noch immer würden "alle verfügbaren Kräfte, die wir bereitstellen können, für dieses Verbrechen abgestellt", sagt eine Sprecherin des Bundeskriminalamts (BKA). "Genaue Zahlen können wir nicht nennen, das variiert."

Eine Prognose, wann die Ermittlungen im Fall des NSU endgültig abgeschlossen werden, könne man nicht geben, sagt Marcus Köhler, Sprecher der Bundesanwaltschaft. Mit welcher Akribie und vor allem mit welchen Mitteln die Fahnder bei der Auswertung von Asservaten und dem Abgleich von Spuren vorgehen, ist erstaunlich: Schriftzüge auf angekohlten Blättern Papier, die durch Feuer und den anschließenden Einsatz von Löschwasser nahezu zerstört wurden, konnten bei einer ersten Behandlung im Herbst 2012 teilweise wieder sichtbar gemacht werden.

Im März dieses Jahres widmeten sich Ermittler erneut diesen Asservaten, dieses Mal mit einer neuen Methode: Das Thermopapier wurde durch Acetondämpfe und eine spezielle Lösung entfärbt und anschließend für zehn Sekunden auf etwa 180 Grad Celsius erhitzt. Zwar erfolgte keine weitere Verbesserung, aber der Aufwand ist enorm - und in vielen anderen Fällen erfolgreich.

Feuer und Löschwasser zerstören Asservate nur bedingt

So legten die Ermittler zuletzt Hinweise vor, die die Hauptangeklagten Zschäpe und Holger G. erneut belasten. Laut einem BKA-Vermerk vom 14. Juni war Zschäpe über die Raubüberfälle ihrer Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos offenbar besser informiert als bislang bekannt: Zwei Stunden nach den Überfällen auf Sparkassenfilialen in Arnstadt und Eisenach habe Zschäpe im Internet nach Polizei- und Unfallmeldungen in Tatortnähe gesucht. Dies habe die Auswertung der Festplatte eines Computers aus dem NSU-Versteck in Zwickau ergeben.

Die Ermittler werten die Funde als Anhaltspunkte dafür, dass Zschäpe über Datum, Ort und Uhrzeit der Taten informiert war. Zudem stieß die Bundesanwaltschaft auf eine bislang unbekannte Reise Zschäpes nach Niedersachsen. Offenbar war die mutmaßliche Terroristin am 16. Juni 2011 zu ihrem langjährigen Bekannten Holger G. gefahren, um einen manipulierten Reisepass für Böhnhardt abzuholen.

Das Treffen mit Zschäpe hatte der Mitangeklagte G. in seinen Vernehmungen verschwiegen. G.s Anwalt Stefan Hachmeister erklärte, die Indizien stellten "keine gesicherten Erkenntnisse" dar. Zschäpes Verteidiger und die Bundesanwaltschaft wollten sich auf Anfrage nicht äußern. Am Donnerstag endet die Sommerpause und der Prozess vor dem Oberlandesgericht wird fortgesetzt.

1648 Patronen, 39 Stück Kartuschenmunition, 423 Hülsen

Waffen, Munition, Kleidung, Computer, Handys, Datenträger: Die Liste der in dem ausgebrannten Versteck in Zwickau aufgefundenen Asservate ist lang. Hinzukommen die Gegenstände aus dem in Eisenach ebenfalls ausgebrannten Wohnmobil, in dem die Leichen von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt aufgefunden wurden. Ein Ermittler sagt: "Meist gilt für uns der Leitspruch: Wo die Feuerwehr war, gibt es keine Beweise mehr." Doch die Wiederherstellung vieler zerstörter Asservate könne man im NSU-Fall fast schon als "archäologische Meisterleistung" bezeichnen, so der Beamte.

Den Fahndern stehen auch Beweismittel zur Verfügung, die unversehrt geblieben sind: Aus den Wohnungen der mutmaßlichen NSU-Unterstützer und eine nicht bezifferbare Anzahl an Datensätzen, etwa Funkzellendaten.

Die wichtigste Rolle bei der Auswertung dieser Asservate spielen die Mitarbeiter des Kriminaltechnischen Instituts (KT) des Bundeskriminalamts, das sich laut Selbstdarstellung aus "etwa 325 Experten mit mehr als 60 verschiedenen Berufsbildern" zusammensetzt. Ihr Fachwissen und ihre Expertise während der NSU-Ermittlungen: Sie machen Fingerabdrücke auf Dokumenten sichtbar, untersuchen DVDs auf DNA-Spuren oder führen Handschriftenuntersuchungen durch, um die Urheber sichergestellter handschriftlicher Notizen zu identifizieren.

Auch für Waffenexperten gibt es viel zu tun: In einem Vermerk von Juni dieses Jahres werden insgesamt "2249 Stück Munition/Munitionsteile unterschiedlicher Kaliber und Hersteller" genannt, die die Ermittler in Eisenach und Zwickau eingesammelt haben. Davon "1648 Patronen, 39 Stück Kartuschenmunition, 423 Hülsen, ein Hülsenfragment, 119 Geschosse und 19 Geschossfragmente".

Durch kriminaltechnische Untersuchungen der Munition beziehungsweise Munitionsteile ist die Verwendung von "18 der 20 Schusswaffen" aus dem Arsenal des NSU belegt. Exakt 70 Hülsen konnten die Spezialisten den Waffen zurechnen, die bei den zehn Morden und einer versuchten Tötung zum Einsatz kamen. Unter diesen Waffen natürlich auch die Ceska 83, von der 34 gefundene Hülsen dafür sprechen, dass die Pistole "zumindest in einem nennenswerten Umfang, vermutlich zu Übungszwecken, abgefeuert wurde".

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