Zeugenbefragung im NSU-Prozess "Greifen Sie mich an?"

Der nächste Zeuge aus der rechten Szene, die nächste Geduldsprobe für Richter Manfred Götzl: Im NSU-Prozess sollte Enrico T. Erkenntnisse über die Tatwaffe der Mordserie bringen. Doch er gab sich ahnungslos.

Von , München

Zeuge Enrico T.: "Mir fällt nichts ein"
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Zeuge Enrico T.: "Mir fällt nichts ein"


Der Zeuge Enrico T. stand im März schon einmal vor dem 6. Strafsenat des Münchner Oberlandesgerichts. Damals war er unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt worden, weil er als einer jener Zeugen galt, die sich durch die Beantwortung bestimmter Fragen in die Gefahr eigener Strafverfolgung begeben könnten. Zuvor, im Februar, hatte T. einen Ladungstermin ignoriert; da war er mit einem Freund nach Thailand in den Urlaub gefahren.

Bei Enrico T. ist nicht auszuschließen, dass er Teil jener Kette war, mit deren Hilfe die Tatwaffe Ceska 83, mit der zwischen 2000 und 2007 neun der NSU-Opfer getötet wurden, nach Deutschland geschafft wurde. Laut Anklage kam die tschechische Waffe mit Schalldämpfer 1993 in die Schweiz, wo sie nach mehreren Zwischenverkäufen schließlich in die Hände eines Mannes namens Hans-Ulrich M. gelangte, der Waffen nach Deutschland verkauft haben soll.

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Enrico T., der den freundschaftlichen Kontakt zu Hans-Ulrich M. nie abreißen ließ, soll dafür gesorgt haben, dass die Ceska schließlich in dem rechten Jenaer Szeneladen "Madley" landete, von wo aus sie über den Ladenmitinhaber Andreas S. an die mutmaßlichen Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos verkauft wurde. Nicht auszuschließen ist, dass Enrico T. wusste oder ahnte, wofür Böhnhardt und Mundlos sie verwenden wollten.

Heute erinnert sich Enrico T., der am Montag in Begleitung eines Rechtsbeistands kam, an so gut wie nichts mehr. Er ist einer jener Zeugen, die in dem ohnehin sehr aufwendigen Prozess dem Senat viel Zeit und Geduld abverlangen. Seine Aussage beginnt er mit den Worten: "Ich habe keine Wahrnehmungen gemacht." Auch nach der Mittagspause, nachdem er vom Vorsitzenden aufgefordert worden war, seine Erinnerung doch bitteschön ein wenig mehr anzustrengen, sagt er: "Mir fällt nichts ein."

Einerseits will er die gesamte Jenaer Szene der neunziger Jahre gekannt haben - aber von Uwe Böhnhardt will er nur noch wissen, dass der einmal sein, T.s, neues Moped umgeworfen und zerkratzt habe. Und dass er sich mal mit Böhnhardt gestritten habe. Aber weswegen? Wann? Keine Ahnung.

"Sind Sie schon mal wegen Falschaussage verurteilt worden?"

Mit Hans-Ulrich M. will er sich nur über die Plakate unterhalten haben, die im Bahnhof Montabaur seinerzeit hingen, auf denen zur Aufklärung der "Dönermorde" eine hohe Summe ausgelobt war. Sonst? Keine Erinnerung. Keine Ahnung. Er habe so vieles über sich und seine Kumpels in der Zeitung und im Internet gelesen, dass er alles vermische.

Enrico T. ist nicht nur einer der widerständigsten Zeugen bisher. Er ist eine Zumutung. Manfred Götzl, der Vorsitzende, versucht immer wieder, von einer nicht beantworteten Frage zur nächsten überzuleiten, um vielleicht doch noch etwas von dem Zeugen über die Waffenhandelsszene von damals zu erfahren. Doch wenn eine Aussage von T. kommt, dann allenfalls die Klage über die Hausdurchsuchung, bei der seine Haustür eingetreten worden sei. Nur darüber, so der Zeuge, habe er sich mit seinem Freund Hans-Ulrich M. und anderen "Kumpels" ausgetauscht. Wortlos? Den Wortlaut erinnere er nicht, sagt der Zeuge. Der Vorsitzende aber will den Inhalt wissen. "Das kann ich nicht genau sagen."

"Sind Sie schon mal wegen Falschaussage verurteilt worden?", fragt Götzl mit Hintersinn. Ja, der Zeuge wurde schon mal verurteilt deswegen.

"Was sind Waffen?"

Auffallend, dass bisher kaum Zeugen aus dem rechten Lager auftraten, die sich offen zu ihrer Gesinnung bekannten. Die meisten drucksten herum, hatten alles um sich herum vergessen und versuchten, so harmlos und unauffällig wie möglich davonzukommen. Oder sie stilisierten sich selbst als Opfer, wie T. zum Beispiel.

Er bestreitet, dass Sätze von ihm, die anlässlich von Vernehmungen im Protokoll festgehalten wurden, von ihm stammten. Er sagt, Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten von der Bundesanwaltschaft habe bei einer Vernehmung in Karlsruhe "rumgetobt und rumgeschrien", und er, T., habe sich "bedroht" gefühlt. Götzl, langsam unwirsch, fragt weiter, seine Fragen werden nun spitz. Er hält T. das Vernehmungsprotokoll wieder und wieder vor, aus dem hervorgeht, dass der Zeuge befürchtet habe, die Waffengeschichte mit Hans-Ulrich M. falle auf ihn zurück und seine Bekanntschaft mit Böhnhardt komme zutage. "So habe ich das nicht gesagt", antwortet T. Was hat er dann wie gesagt? "Das nervt", sagt er nun. "Meine Fragen nerven Sie? Greifen Sie mich an?", fragt der Vorsitzende. "Ich bin jetzt verwirrt", antwortet T.

"Haben Sie selbst mal Waffen besessen?", fragt Götzl. "Was sind Waffen?" fragt der Zeuge zurück. Er habe mal einen Leuchtsignalgeber, besser einen Schießkugelschreiber, besessen, gekauft in Frankreich. Deswegen wurde er mal verurteilt. Es könne sein, sagt er. Es sei möglich. "Ich weiß jetzt nicht, worüber wir gerade reden", endet T. So geht es in einem fort.

Auch dieser Zeuge wird, wie so viele andere, erneut wiederkommen müssen. Auch dann wird es voraussichtlich wieder Stunden dauern. Denn weder Bundesanwaltschaft noch die zahlreichen Nebenklage-Anwälte, die auch ein Fragerecht haben, oder gar die Verteidiger kamen am Montag mit ihren Fragen zu Wort.

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