NSU-Prozess "Nur die beiden Uwes im Kopf"

Eine zentrale Frage im NSU-Prozess: Wie eng war die Beziehung zwischen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt? Die Aussagen eines wichtigen Zeugen zeichneten nun ein deutliches Bild.

Angeklagte Zschäpe (März 2014):  Mundlos und Böhnhardt stets dabei
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Angeklagte Zschäpe (März 2014): Mundlos und Böhnhardt stets dabei


Dem Zeugen Thomas M. kommt das Verdienst zu, eine der wichtigsten Auskunftspersonen zur Entstehung des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) gewesen zu sein, über dessen mutmaßliche Mordtaten das Oberlandesgericht München seit Mai 2013 verhandelt. Am 101. Sitzungstag war M. als Zeuge geladen - ein 46 Jahre alter Mann mit schütterem Haar und fast mädchenhaft heller Stimme, bekleidet mit dunkler Hose und blauem Kapuzenpulli.

Er hätte eine ganze Menge über die Zeit vor dem Untertauchen von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos berichten können. Auch über ihre Rolle in der weitverzweigten rechtsextremen Szene Thüringens in den neunziger Jahren. Denn er kannte die drei seit 1992. Doch nach der Belehrung durch den Vorsitzenden verweigerte er die Aussage; es wird noch gegen ihn ermittelt.

Allerdings hatte Thomas M. im Januar 2012, also zweieinhalb Monate nach dem Auffliegen des NSU, gegenüber den Ermittlern des Bundeskriminalamts zwei Mal umfangreich ausgesagt. Also wurden diese Angaben nun durch einen Vernehmungsbeamten des Bundeskriminalamts in den Prozess eingeführt.

Thomas M. berichtete von Liaison mit Zschäpe

Der Kriminalhauptkommissar ist einer jener Ermittler, die nicht nur über ein exzellentes Gedächtnis verfügen, sondern auch bestens vorbereitet vor Gericht erschienen. Er beschrieb anhand der Angaben von Thomas M. ausführlich die vornehmlich an Konzerten rechtsradikaler Bands und an Partys und Alkoholkonsum interessierte Skinhead-Szene aus Chemnitz und Jena, von der sich Mitte der neunziger Jahre Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe zunehmend absentierten.

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl fragte den Zeugen akribisch ab, wie er sich überhaupt mit jedem der wichtigen Zeugen eine immense Mühe gibt. Der BKA-Beamte zitierte die Aussage von Thomas M., dass das Trio Mitte der neunziger Jahre bald genug gehabt habe von dem "Scheißgesaufe" vor allem der Chemnitzer Skinheads und mehr "die Partei", gemeint war die NPD, habe unterstützen wollen. Von Ende 1996 bis April 1997 habe Thomas M. überdies ein "Techtelmechtel" mit Zschäpe gehabt. "Die beiden Uwes", berichtete der Zeuge, seien offenbar nicht eifersüchtig gewesen, "obwohl sie ja mit beiden zusammen war". Es sei M. allerdings "auf den Zeiger gegangen", dass sie stets dabeigewesen seien, wenn Zschäpe und er sich trafen.

"Ganz schön krass draufgewesen"

Thomas M. schilderte Zschäpe in der Vernehmung als ruhig und verschlossen, Alkohol und Drogen seien "ein rotes Tuch" für sie gewesen. Er hätte sich durchaus mehr vorstellen können mit ihr, doch dies sei für Zschäpe nicht in Frage gekommen. Laut Thomas M. habe "sie nur die beiden Uwes im Kopf" gehabt.

Der Zeuge vom Bundeskriminalamt nannte Namen über Namen und beschrieb, wie die drei auf der Flucht vor der Polizei 1998 zunächst bei M. in Chemnitz aufgetaucht seien, weil sie einen "Pennplatz" gebraucht hätten und "weg müssten", da Böhnhardt ein Haftantritt drohte. Auf die Frage, warum dann gleich drei Leute hätten untertauchen müssen, habe M. geantwortet, sie seien doch "ein Trio" gewesen.

M. habe sie daraufhin zu Thomas R. gebracht, der am Dienstag in München vor Gericht große Mühe hatte zu erklären, wieso er angeblich wildfremde Personen bei sich unterbrachte. Durch die Aussage von Thomas M. ergab sich, dass Thomas R. die drei Personen wohl durchaus kannte. Der Unterstützung durch die rechtsradikale Szene konnten sich Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos also offenbar sicher sein.

M. berichtete den Ermittlern auch, dass er sich am 20. November 2011, also kurz nach dem Ende des NSU, mit einem Rechtsaktivisten namens Jan W. in Dresden getroffen habe; es seien dabei Zweifel geäußert worden, ob Böhnhardt und Mundlos tatsächlich Selbstmord verübt hätten. Die beiden Uwes seien einmal bei W. gewesen und hätten ihm eine Waffe an den Kopf gehalten: Er solle aufpassen, was er daherrede. Die beiden seien "ganz schön krass draufgewesen", habe M. den Ermittlern gesagt.

Abbruch wegen Zschäpes Kopfschmerzen

Mundlos habe M. auch einmal nach Sprengstoff gefragt, angeblich um damit zu experimentieren. Als ihm dann 500 oder 1000 Gramm gebracht worden seien, habe er nicht gewusst, wie man den zünde. Und Zünder hätten nicht besorgt werden können. Auch nach einer Waffe habe Mundlos gefragt; so etwas zu besorgen, sei für M. aber nicht in Frage gekommen.

M. habe das Auftreten Zschäpes, vor allem ihre Kleidung, als "nicht szenetypisch" beschrieben; sie sei seiner Erinnerung nach auch nicht gewalttätig gewesen - "um nicht aufzufallen", wie der Zeuge bekräftigte. Mundlos sei Schlägereien nicht abgeneigt gewesen. Böhnhardt habe sich zwar martialisch gegeben, habe sich aber nicht gewalttätig verhalten. Tino Brandt, der sich in Wahrheit dem Verfassungsschutz dienstbar gemacht hatte, sei für die drei "wie ein Gott" gewesen.

Was das Trio, nachdem es seine Kontakte zur Szene Ende der neunziger Jahre mehr und mehr reduziert hatte, tatsächlich plante, das drang aus dem innersten Kreis, zu dem vermutlich Zschäpes Mitangeklagte gehörten, offenbar nicht hinaus. Denn auf die vielen Helfer und Unterstützer aus der ersten Zeit hätten sie dabei möglicherweise nicht zählen können.

Wegen deutlicher Antriebsarmut und Kopfschmerzen, die ein Landgerichtsarzt bei Zschäpe diagnostizierte, wurde die Verhandlung kurz vor 16 Uhr abgebrochen.

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
doc 123 02.04.2014
1. Schön...
Zitat von sysopDPAEine zentrale Frage im NSU-Prozess: Wie eng verflochten war die Beziehung zwischen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt? Die Aussagen eines wichtigen Zeugen über die neunziger Jahre zeichneten ein deutliches Bild. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-prozess-aussage-von-thomas-m-zu-boehnhardt-mundlos-und-zschaepe-a-962230.html
... dass, dieser Umstand hier auch dann doch einmal erwähnt wird: "M. berichtete den Ermittlern auch, dass er sich am 20. November 2011, also kurz nach dem Ende des NSU, mit einem Rechts-Aktivisten namens Jan W. in Dresden getroffen habe; es seien dabei Zweifel geäußert worden, ob Böhnhardt und Mundlos TATSÄCHLICH Selbstmord verübt hätten. " Es ist davon auszugehen, dass Zschäpe über diesen Umstand sehr genau Bescheid weiß und ihr Schweigen ist daher mehr als begründet und naheliegend. Genauso offensichtlich wird mittlerweile, dass Z. keinerlei direkte Tatbeteiligung nachgewiesen werden kann. Ich gehe davon aus, dass bereits längstens eine Absprache mit der Bundesanwaltschaft besteht (Verurteilung von 5 bis max. 10 Jahren, Freilassung in ca. 3-4 Jahren), um mit diesem vollständig lächerlichen Schauprozess doch noch einer wie auch immer gearteten Rechtsstaatlichkeit Genüge zu tun, die Heuchelei gegenüber den Opfern wird dabei jedenfalls tagtäglich mehr als offensichtlich, wenn nicht geradezu unerträglich!
EduardtStorberg 02.04.2014
2. gründliche Beweisaufnahme... aber worüber?
Das Gericht mag sehr gründlich arbeiten, allerdings fehlt mir schlicht der Bezug der Aussage "eines der wichtigsten Auskunftspersonen" zu den aufzuklärenden Taten. Das Z. und die beiden Uwe´s privat ein Trio gewesen sind ist nicht einmal im Ansatz geeignet, eine Tatbeteiligung zu belegen. Z. ist mit ihren beiden Lovern untergetaucht und hat vielleicht sogar mitbekommen, dass die sich eine Waffe besorgt haben, dieses belegt aber noch lange keine Kenntnis oder gar eine Beteiligung an den Morden. Es wird hier sehr akribisch das Bild eines "Trios" gemalt ohne darzulegen ob die Gemeinsamkeiten auch die angeklagten Taten erfasst. Z. wurde weder an einem Tatort gesehen, noch hat irgendjemand dargelegt, dass Z. einen Beitrag zu einer der Taten geleistet hat. Das Verfahren wird über mehrere Jahre gezogen, weil ein Freispruch von Anfang an nicht in Frage kam. Es sind grauenvolle und irrsinnige Taten begangen worden und nun muss jemand dafür bluten.... Mit Rechtstaatlichkeit hat das leider wenig zu tun. Eine Demokratie beweist sich allerdings auch dadurch, dass sie auch mit ihren Feinden rechtstaatlich umgeht.
morgain01 02.04.2014
3. Arme Frau Zschäpe, ha !
Nun leidet diese arme Frau doch tatsächlich unter Antriebsarmut und Kopfschmerzen. Als das Trio die Morde beging, schien sie nicht unter Antriebsarmut gelitten zu haben. Und auch sonst hatte sie eine recht kriminelle Energie. Es ist unerträglich, wie diese Frau vor Gericht auftritt und auch noch geschont wird. Vielleicht sollte man ihr auch noch eine Reha an irgendeinem schönen Ort gönnen. Natürlich von Steuerzahlern finanziert.
holy10 02.04.2014
4. Völlig Unnötig
Warum machen die so einen Wind, wenn doch nur die Frau Zschäpe angeklagt ist. Das sie mitglied einer terroristischen Vereinigung war, scheint ja nun klar. Warum muß sich diese Frau immer wieder da selbe geschwafel anhören? Auf die Anklagebanke gehören die beteiligten Mitglieder des Verfassungschutzes. Das ist doch wesentlich wichtiger.
Mac_Beth 02.04.2014
5.
Zitat von morgain01Nun leidet diese arme Frau doch tatsächlich unter Antriebsarmut und Kopfschmerzen. Als das Trio die Morde beging, schien sie nicht unter Antriebsarmut gelitten zu haben. Und auch sonst hatte sie eine recht kriminelle Energie. Es ist unerträglich, wie diese Frau vor Gericht auftritt und auch noch geschont wird. Vielleicht sollte man ihr auch noch eine Reha an irgendeinem schönen Ort gönnen. Natürlich von Steuerzahlern finanziert.
Gehts vielleicht ein wenig subjektiver? Man muss Frau Tschärpe ja nicht sympathisch finden, trotzdem kann man fair bleiben. Mir persönlich wäre es jedenfalls ziemlich neu, dass die Dame sich während der Verhandlungen irgendwie daneben benommen hätte. Wahrscheinlich ist es allerdings so, dass eine Angeklagte in ihrer Person machen kann was sie möchte, man sieht immer nur eine böswillige Intention. Und nur so nebenbei als Information, in unserem Rechtsstaat ist man solange unschuldig bis einem die Schuld nachgewiesen werden konnte. Frau Tschärpe genießt also immernoch Bürgerrechte. Man kann/darf also sehr wohl Rücksicht auf ihre Gesundheit nehmen vor Gericht. Zudem finde ich es bezeichnet wie gut sie vermeindlicherweise über ihren Antrieb während der Morde bescheid wissen bzw. wie es sonst so um ihre kriminellen Energien bestellt ist.
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