Mutter eines NSU-Opfers "Denken Sie immer an mich, wenn Sie sich ins Bett legen"

Halit Yozgat gilt als neuntes Mordopfer des NSU. Sein Vater ließ seinen Gefühlen vor dem Münchner Oberlandesgericht freien Lauf. Anders seine Mutter Ayse: Sie richtete einen direkten Appell an Beate Zschäpe - und erntete überraschend deren Aufmerksamkeit.

Ayse Yozgat im Münchner Oberlandesgericht:  Bewegende Worte
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Ayse Yozgat im Münchner Oberlandesgericht: Bewegende Worte


Ayse Yozgat weint nicht. Sie springt nicht auf. Sie schreit nicht herum. Ayse Yozgat spricht mit ruhiger Stimme. "Ich bin die Mutter von Halit Yozgat, mein Appell richtet sich nur an Frau Zschäpe." Es ist still im Saal 101 des Oberlandesgerichts München. Beate Zschäpe, Hauptangeklagte im NSU-Prozess, sitzt aufrecht zwischen ihren Verteidigern. Ernst blickt sie zur Leinwand, auf die eine Kamera Bilder von Ayse Yozgat im Großformat projiziert. Die beiden Frauen trennen keine fünf Meter Luftlinie, Ayse Yozgat sitzt auf den Plätzen der Nebenkläger neben ihrem Ehemann, vor ihr ihre drei Töchter und ihr zweiter Sohn.

Halit Yozgat gilt als das neunte Opfer des NSU - und das jüngste. Der 21-Jährige wurde am 6. April 2006 in seinem Internetcafé im Holländischen Viertel in Kassel erschossen - wie acht weitere Männer zuvor durch die tschechische Pistole des Typs Ceska CZ 83, Kaliber 7,65 Millimeter.

"Sie sind auch eine Dame", sagt Ayse Yozgat an Zschäpe gerichtet. "Ich spreche als Mutter, als eine Geschädigte, als Mutter von Halit Yozgat. Ich bitte Sie, dass Sie all diese Vorfälle aufklären." Weil Zschäpe auch eine Frau sei, denke sie, so Yozgat, dass Zschäpe sie verstehe.

"Seit sieben Jahren schlafe ich nur zwei Stunden", sagt Ayse Yozgat. Mehr sei seit dem Tod ihres Sohnes nicht möglich. All die Jahre plage sie die Frage: "Warum ist das geschehen?" Ihre Worte sind bewegend, gerade durch die Nüchternheit, mit der sie vorgetragen werden. Zschäpe hört - anders als bisher in ähnlich eindringlichen Momenten - aufmerksam zu, wendet den Blick nicht ab von dieser Frau auf der Leinwand, die ein Kopftuch trägt und ihre sanfte Ansprache auf Türkisch hält, ein Dolmetscher übersetzt.

"Befreien Sie mich von diesen Gefühlen", bittet Ayse Yozgat die ihr fremde Frau auf der Anklagebank. "Übernehmen Sie nicht die Sünden anderer." Zschäpe schaut weiterhin zur Leinwand, ihre Hände ruhen auf dem Tisch vor ihr.

"Denken Sie daran, dass ich nicht schlafen kann"

Ayse Yozgat beendet ihre Bitte. "Denken Sie bitte immer an mich, wenn Sie sich abends ins Bett legen, denken Sie daran, dass ich nicht schlafen kann." Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl zögert keine Sekunde. Er fragt nicht, ob Zschäpe, die erstmals so wirkt, als würden Worte sie erreichen, darauf reagieren will. Hastig unterbricht er die entstandene Stille und ruft den zweiten Zeugen des Tages auf.

So begann am Mittwoch der 42. Verhandlungstag im NSU-Verfahren. Am Tag zuvor hatte der aufwühlende Auftritt von Halit Yozgats Vater tiefe Betroffenheit erzeugt.

Als nun der erste von drei geladenen Sachverständigen, ein Facharzt für Rechtsmedizin, sein Gutachten im Fall Halit Yozgat über die Verlaufskanäle der beiden erlittenen Kopfsteckschüsse vortrug, verließ die Familie Yozgat geschlossen den Saal. Zwei weitere Gutachter referierten über die Untersuchung und Zerstörung des Gehirns und die Haltung Halit Yozgats, als ihn der oder die Täter überraschten: Demnach saß der 21-Jährige auf dem Stuhl hinter der Theke, als ihm zuerst in die rechte Schläfe, dann in den Hinterkopf geschossen wurde.

Am Nachmittag sagte der Ehemann der Zeugin aus, die am Montag behauptet hatte, Zschäpe in ihrer Dortmunder Nachbarschaft gesehen zu haben - wenige Tage vor dem mutmaßlich achten NSU-Mord, dem an Mehmet Kubasik in Dortmund.

Mehr Verwirrung als Aufklärung

Doch Günther H. sorgte mit seiner Aussage weniger für Aufklärung als für Verwirrung, was die Beobachtungen seiner Ehefrau angeht. Der 66-Jährige betonte gleich zu Beginn, er sei Historiker und habe vor allem zum Nationalsozialismus wissenschaftliche Forschungen betrieben. Vermutlich sollten seine einleitenden Bemerkungen dazu dienen, sein Verständnis, oder vielmehr sein Gespür für rechtsradikales Gedankengut zu untermauern.

Er sprach von Grabungen im Nachbargarten im Jahr 2005, auf die er sich "keinen Vers machen konnte". Er habe zwei Personen beim "hektischen Graben" mit einem Spaten beobachtet: Die eine habe eine Camouflage-Hose getragen, die andere sei der ersten Person "hierarchisch unterstellt" gewesen. So sein Eindruck aus der Ferne. "Ich konnte durchaus assoziieren, dass Verbindungen zum rechten Spektrum bestanden." Wie er darauf kam, ließ er offen.

Nach der Enttarnung des NSU 2011 hatte ihm dann seine Ehefrau offenbart, dass sie die mutmaßlichen Rechtsterroristen wenige Tage vor dem achten und neunten Mord im Nachbargarten gesehen haben will. "Sie war sich hundertprozentig sicher, vor allem Frau Zschäpe war ihr aufgefallen", sagt Günther H. Er sei von den Beobachtungen seiner Frau auch deshalb überzeugt, weil sie "das Fernglas bei der Einsichtnahme verwendet" habe. Er selbst sei "schockiert" gewesen.

Offenbar nicht schockiert genug, um zur Polizei zu gehen. Das Ehepaar meldete sich erst vor wenigen Wochen - und zwar bei den Anwälten der Familie Yozgat. Günther H. suchte auf Drängen des Vorsitzenden Richters nach Erklärungen für dieses Verhalten: Er habe seiner Frau die Initiative überlassen, sie hätten "nicht unbedingt Vertrauen zur örtlichen Polizei" gehabt, sie seien ratlos gewesen und den Weg, die Bundesanwaltschaft einzuschalten, hätten sie nicht gekannt. "Ich kann die Zeitspanne anders plausibel nicht erklären", kapituliert der Historiker nach eineinhalb Stunden Befragung.

Ob ihm nicht in den Sinn gekommen sei, dass die Nachbarn nur einen Teich graben könnten, fragte Richter Götzl. Genau das hatte der ehemalige Nachbar in einer Vernehmung behauptet. Nein, er habe eher an "Vertuschungen" und "Verbuddeln" gedacht, an etwas, das im Zusammenhang mit Straftaten stehe.

Götzl musste sich im Zaum halten, mit gepresster Stimme sagte er: "Erst stellen Sie sich als Spezialisten zur Thematik vor - und dann unternehmen Sie nichts!" Günther H. war die Situation sichtlich unangenehm. "Diese Vermutungen reichten nicht aus, es gab ja keine Indizien, keinen Nachweis." Er habe "rein intuitiv das Gefühl gehabt", dass da etwas nicht stimme.

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