NSU-Prozess Der Mitangeklagte, dein Freund und Helfer

Beate Zschäpe hat im NSU-Prozess Fragen des Gerichts beantwortet, auch zum mitangeklagten André E. Das könnte ihn in Bedrängnis bringen - er war demnach nicht nur Unterstützer, sondern Mitwisser.

Von , München

Verteidiger Hermann Borchert, Angeklagte Beate Zschäpe
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Verteidiger Hermann Borchert, Angeklagte Beate Zschäpe


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Wie immer, wenn Beate Zschäpe sich äußert, steigt die Spannung im NSU-Prozess. Was wird sie zu den Fragen des Senats vom Januar verlesen lassen? Der Senat hatte ihr 39 Fragen zu ihrer Erklärung aus dem Dezember 2015 gestellt, die sie nun - sechs Wochen später - von ihrem Wahlverteidiger Hermann Borchert beantworten ließ.

Was würde sie über den Mitangeklagten André E. sagen, der sie kurz nach der Brandlegung in der Zwickauer Frühlingsstraße, dem letzten Wohnort des mutmaßlichen Trios, mit Kleidung seiner Ehefrau Susann versorgte? Was wussten die E.s über die Taten von Mundlos und Böhnhardt?

Zschäpes vage Version lautet so: E. habe gewusst, dass Böhnhardt eine Haftstrafe hätte antreten sollen und dass in der von ihr, Zschäpe, angemieteten Garage Sprengstoff gefunden worden sei. So, wie sie E. darstellt, muss er seit 1998 über die Jahre ein treuer Freund und Helfer gewesen sein.

Seit 2006 habe sie sich etwa jede Woche einmal mit Susann E. und bisweilen auch mit André getroffen, oft auch mit den Kindern des Paares, die für sie, Zschäpe, die selbst keine Kinder bekommen könne, eine Art "Ersatzkinder" gewesen seien. Umso bemerkenswerter, dass Zschäpe das Ehepaar E. zunehmend in die Sache reinzieht.

Brand als letzter Wille der toten Kumpane

Denn "wir vertrauten ihm nunmehr insoweit", lässt sie vortragen, "dass wir ihm von den zurückliegenden Raubüberfällen berichteten. Von den Tötungsdelikten und Bombenanschlägen erfuhr er jedoch nichts". André E. und seine Frau waren also nicht nur Unterstützer, sondern jahrelang Mitwisser zumindest der Raubtaten, von denen eine als Mordversuch angeklagt ist.

Zschäpes Weg am 4. November 2011 - nach der Brandlegung gegen 15.08 Uhr im letzten Versteck der Untergetauchten in Zwickau - lässt sich zunächst gut nachweisen. Für den Zeitraum zwischen 15.19 und 15.27 Uhr rekonstruierten Ermittler drei Anrufe von ihrem Handy zum Handy von André E.

An einer Kreuzung etwa 10 bis 15 Minuten von der Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße entfernt habe sie E. getroffen, lässt sie vortragen. "Ich habe ihm dann erzählt, dass ich die Wohnung mit Benzin angezündet hätte, meine Kleidung deshalb stark nach Benzin roch und ich deshalb neue Kleider benötigte." Sie habe E. erklärt, dass Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, ihre beiden Kumpanen, tot seien und dass der Brand deren letzter Wille gewesen sei, "den ich ihnen erfüllt hätte".

Sie sei mit E. nach Hause gefahren. Ehefrau Susann sei nicht da gewesen. Dann habe E. sie zum Bahnhof nach Chemnitz gebracht, "nachdem in Glauchau kein Zug fuhr". E. habe gefragt, "ob ich flüchten, mich stellen oder umbringen wolle". Kurz habe sie erwogen, sich vor einen Zug zu werfen, davon dann aber Abstand genommen. "Ich blieb ihm eine Antwort schuldig, da ich diese Frage selbst nicht genau beantworten konnte."

Warum Glauchau statt Zwickau?

Warum Glauchau? Weil es dort die besseren Zugverbindungen gab? Weil man sie in Zwickau schneller gefasst hätte? Oder gab es einen anderen Grund? Wie lange war sie dort? In dieser Nacht gab es zwischen 2.57 und 3.45 Uhr von einem Münztelefon vor dem Glauchauer Bahnhof mehrere Anrufversuche bei der Familie E., vermutlich von Zschäpe. Belegt ist, dass sie am nächsten Morgen um sieben Uhr am Chemnitzer Bahnhof telefonierte. Dazwischen ungeklärte Lücken.

Im dritten Untersuchungsausschuss des Bundestags warf am 25. Februar die Aussage des Polizeirats Swen P. weitere Fragen auf. Demnach soll es in den Tagen vor dem 4. November 2011 heftigen Streit und auch eine "tränenreiche Abschiedsszene" zwischen Zschäpe und den beiden Uwes gegeben haben. Das erwähnt Zschäpe wie schon in ihren früheren Stellungnahmen nicht. Außerdem soll Zschäpe sich in einem Tierheim nach der Möglichkeit eines längeren Aufenthalts ihrer Katzen erkundigt haben.

Ein Polizeioberrat leitete als Chef des Polizeireviers Zwickau die ersten Maßnahmen am Brandort. Er berichtete als weiterer Zeuge des Untersuchungsausschusses, Zschäpes Handy sei am Nachmittag des 4. November 2011 in einem Zwickauer Neubaugebiet geortet worden. Was wollte sie dort? Zu der Zeit wurde sie noch als Zeugin des Wohnungsbrandes gesucht.

Auch dazu äußert sich die Angeklagte im Prozess nicht. Ihr Aufenthalt in der Wohnung der Familie E. ist damit jedenfalls schwerlich in Einklang zu bringen. Denn die E.s wohnten nicht in einem Neubaugebiet, sondern in einem Altbau.

Zschäpe will Inhalt des Bekennervideos nicht gekannt haben

Zschäpes Darstellung passt auch nicht zu Nachermittlungen des Bundeskriminalamts. Sie deuten offenbar darauf hin, dass zwei Stunden nach dem Nagelbombenattentat der beiden Uwes auf Bewohner der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 TV-Berichte über den Anschlag mitgeschnitten wurden. Diese waren im Bekennervideo des NSU zu sehen. Weder Böhnhardt noch Mundlos kommen für die Mitschnitte in Frage, die Fahrt von Köln bis Zwickau dauert länger als zwei Stunden.

Zschäpes Anwalt Mathias Grasel äußerte sich dazu vorige Woche in der "taz": Die Interpretation, dass seine Mandantin die Videomitschnitte gemacht habe, sei "nicht zwingend", so Grasel. "Es gibt eine Vielzahl anderer Möglichkeiten." So hätten auch mögliche Unterstützer aus Nordrhein-Westfalen oder der mitangeklagte André E. die Aufzeichnungen anfertigen können. E.? Dann würde die Behauptung Zschäpes nicht zutreffen, er habe nur von Raubüberfällen gewusst.

Der Senat fragt Zschäpe auch nach der Versendung von DVDs mit dem menschenverachtenden Bekennervideo, was offenbar zum Finale des NSU geplant war. Hier will Zschäpe nichts gesehen, gehört oder gesagt und vor allem nicht gewusst haben, dass die Tötungen Inhalt des Films sein würden. Nur vermutet habe sie es. "Rückblickend glaube ich", lässt sie vortragen, "dass es Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit dem eigenen Tod vor Augen beruhigte, dass trotz ihres Todes einmal ihr Tun veröffentlicht werden würde."

Erneut zum Thema Auswanderung befragt - derartige Überlegungen hatte sie stets vehement abgelehnt -, lässt Zschäpe vortragen, von Mitte 2000 an sei darüber nicht mehr gesprochen worden. Einen Grund, warum die beiden Uwes nicht diesen Weg wählten, der sie vermutlich vom Morden abgehalten hätte, sondern sich ihr fügten, nennt Zschäpe nicht.

Dann legt sie einen Plan der letzten gemeinsamen Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße vor: wo Böhnhardts Zimmer, wo das von Mundlos und das ihre gewesen sei. Wohnzimmer, Küche und Bäder seien gemeinsam genutzt worden, lässt sie mitteilen. Sie berichtet von Schlägen Böhnhardts, wenn dem die Argumente ausgingen, vor allem in der ersten Zeit in der Illegalität von 1998 bis 2001. Zu den Vermutungen, die drei hätten möglicherweise nicht ständig zusammengelebt: kein Wort.


Zusammengefasst: Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe hat im NSU-Prozess Fragen des Gerichts beantwortet. Demnach war der mitangeklagte André E. nicht nur Unterstützer des NSU, sondern wusste zumindest auch von den Raubtaten. Das Verhältnis zu Uwe Böhnhardt beschrieb Zschäpe als angespannt - er habe sie mehrfach geschlagen.

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