Psychiatrisches Gutachten Zschäpes bröckelnde Fassade

Beate Zschäpe sagt im NSU-Prozess kein Wort. Grund: die Schweigestrategie ihrer Anwälte. Doch das fällt der Hauptangeklagten zunehmend schwer. Einem Gerichtspsychiater gestand sie zuletzt ihre Sorgen und Probleme.

Beate Zschäpe im Gericht: Chronische Belastungsreaktion
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Beate Zschäpe im Gericht: Chronische Belastungsreaktion

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Für Beate Zschäpe hat an diesem Mittwoch der 202. Verhandlungstag begonnen, und es spricht alles dafür, dass er so enden wird wie alle vorhergehenden: ohne ein einziges Wort der Hauptangeklagten.

Seit Mai 2013 muss sich die 40-Jährige im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht verantworten - und die Verhandlungstage sowie die Untersuchungshaft setzen ihr offenbar mehr und mehr zu: Gegenüber dem Münchner Gerichtspsychiater Norbert Nedopil räumte sie zuletzt ein, dass ihr die von ihren Verteidigern nahegelegte Schweigestrategie zunehmend schwerfalle.

Das Gutachten des forensischen Psychiaters, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, war Anfang März erstellt worden. Prozessbeteiligte durften es zuletzt in der Geschäftsstelle des Oberlandesgerichts einsehen.

Nedopil kommt in dem 17-seitigen Gutachten zu dem Befund, dass die Angeklagte unter einer "chronischen Belastungsreaktion" leide. Sie äußere sich unter anderem in Einbußen an Antrieb und Ausdauer, Müdigkeit und Erbrechen.

Zschäpe neben ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer: "Wie in einem Kriegsgebiet"
DPA

Zschäpe neben ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer: "Wie in einem Kriegsgebiet"

Zschäpe vertraute dem Psychiater laut dem Gutachten an, dass es ihr zunehmend schwerfalle, die Fassade zu wahren, die sie sich mit ihren Anwälten für den Gerichtssaal vorgenommen habe - "nämlich unbeteiligt und gleichmütig zu erscheinen", wie Nedopil schreibt. Die Probandin habe angegeben, "dass die Fassade des Schweigens allmählich bröckele und dass sie insbesondere nicht mehr in der Lage sei, die Gesichtszüge zu kontrollieren". So würde sie inzwischen die Augen aufreißen, wenn sie erstaunt sei und durch Mimik und Gestik Ablehnung bzw. Zustimmung zum Ausdruck bringen - dies habe sie zu Beginn des Verfahrens vermeiden können.

Laut dem Gutachter bezeichnete sich Zschäpe selbst als zermürbt und "am Ende". Zu Beginn der Hauptverhandlung habe sie noch gedacht, dass sie die Fassade aufrechterhalten könne. Im Gerichtssaal gehe es aber "wie in einem Kriegsgebiet" zu. Dem Gutachten zufolge verwies Zschäpe dabei unter anderem auf "Vorwürfe und Zermürbungstaktiken der Nebenklage" und Zeitverzögerungen. Probleme bereiten ihr offenbar aber auch "das aufdringliche Verhalten der Pressefotografen" sowie "ein Stalker, der im Gerichtssaal sei und der ihr unverschämte Briefe schreibe".

Das Gericht hat inzwischen die Möglichkeiten für Fotografen eingeschränkt: Waren Aufnahmen zunächst an jedem Tag vor Verhandlungsbeginn möglich, sind sie seit einer Weile nur noch zweimal im Monat erlaubt. Auch wurde mit Rücksicht auf Zschäpes Gesundheitszustand die Zahl der Verhandlungstage von drei auf zwei pro Woche reduziert. Wegen einer Erkrankung der Angeklagten waren Verhandlungen im Februar wiederholt unterbrochen worden oder ausgefallen.

Angeklagte Zschäpe: "Abnahme der psychischen Stabilität"
DPA

Angeklagte Zschäpe: "Abnahme der psychischen Stabilität"

Bei der Untersuchung durch Nedopil gab Zschäpe an, dass sie seit der Sommerpause im vergangenen Jahr "wie ein Stein" schlafe, sich aber dennoch nicht erholen könne. Sie beschäftige sich "auch bis zur Erschöpfung, indem sie male". Sie habe zudem Yoga gelernt, wegen Kräftemangels und Gleichgewichtsstörungen könne sie Übungen wie einen Einbeinstand aber nicht durchführen. Eine Regeneration sei für sie praktisch kaum möglich.

Besonders vor dem Hintergrund von Zschäpes angeschlagener Gesundheit sieht der Psychiater die Verteidigungsstrategie des Schweigens ausgesprochen kritisch: Sie bedeute für Zschäpe "eine enorme Belastung" - so seien die "üblichen Methoden zum Belastungsabbau" nicht möglich. Im Laufe der Zeit sei es bei der Angeklagten zu "einer Abnahme der psychischen Stabilität" gekommen, psychische und psychosomatische Beschwerden hätten zugenommen. Die Belastungen, denen die Angeklagte ausgesetzt sei, "dürften für die meisten Menschen über längere Zeiträume nur schwer ertragbar sein".

Es sei ernsthaft zu befürchten, dass es künftig häufiger zu einer krankheitsbedingten Verhandlungsunfähigkeit Zschäpes kommen werde, so der Gutachter. Auch müsse angesichts der bisherigen Entwicklung mit einer "Spirale von psychischen und körperlichen Störungen" bei der Angeklagten gerechnet werden.

Nedopil empfiehlt deshalb, die äußeren Belastungen zu verringern. So hält er die Reduzierung der Verhandlungstage selbst unter Inkaufnahme einer Verlängerung des Strafverfahrens für sinnvoll.

Der Psychiater gibt aber auch dies zu bedenken: Zschäpe und ihre Anwälte sollten überlegen, ob "die nachvollziehbare, extrem kraftraubende Verteidigungsstrategie in Relation steht zu den gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die damit verbunden sind".

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