Aussage vor Gericht Zschäpe nennt Namen mutmaßlicher NSU-Unterstützer

Um Stunden hat sich das Verfahren gegen Beate Zschäpe heute verzögert. Nun hat die Hauptanklagte im NSU-Prozess Fragen des Richters beantwortet. Sie machte Angaben zu mehreren mutmaßlichen Unterstützern der Terrorzelle.


Beate Zschäpe hat im NSU-Prozess mehrere Neonazis genannt, die dem "Nationalsozialistischen Untergrund" geholfen haben sollen. So habe der Anführer der Chemnitzer "Blood & Honour"-Gruppe, Jan W., eine Waffe beschafft, hieß es in einer von ihrem Anwalt verlesenen Erklärung. Das habe ihr Uwe Böhnhardt, eines der beiden anderen mutmaßlichen NSU-Mitglieder, erzählt. Dabei sei auch von einem Schalldämpfer die Rede gewesen.

Zschäpe nannte weitere Personen, die Mitglieder des NSU bei sich versteckt, Wohnungen gemietet, Papiere oder Krankenkassenkarten zur Verfügung gestellt haben sollen. Die meisten der Genannten sind bereits bekannt und teilweise im Prozess als Zeugen gehört worden.

Ein besonders enges Verhältnis hatte Zschäpe der Erklärung zufolge zu dem ebenfalls angeklagten André E. und dessen Frau. Mit der Frau sei sie befreundet gewesen und habe diese ab 2006 bis zum Auffliegen des NSU regelmäßig getroffen. Meist seien sie mit den Kindern der Familie E. auf einen Spielplatz gegangen.

Die Erklärung war eine Antwort auf Fragen, die das Gericht nach Zschäpes erster Einlassung im Dezember an die Angeklagte gerichtet hatte. Damals hatte sie ihr jahrelanges Schweigen gebrochen und ihren Anwalt Mathias Grasel eine lange Erklärung verlesen lassen. Darin bestritt Zschäpe, vorab von den Morden gewusst zu haben, die dem NSU angelastet werden. Sie schob die Schuld auf Böhnhardt und Uwe Mundlos.

Daraufhin stellte Richter Manfred Götzl zahlreiche Nachfragen, etwa zu Zschäpes Wissen über die Beschaffung der Waffen und zu Details des Untergrundlebens mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

"Sie ließen sich von mir nicht beeinflussen"

Zschäpe beschrieb nun ihr Verhältnis zu Mundlos wie das von "Bruder und Schwester". "Mein Verhältnis zu Uwe Böhnhardt beschreibe ich so, dass ich ihn geliebt habe." Insgesamt sei sie abhängig von den beiden gewesen.

"Sie ließen sich von mir nicht beeinflussen. Sie ließen sich von mir auch nichts sagen", heißt es in der Erklärung. Die beiden hätten sie weder für die Planung noch für die Ausführung der Taten gebraucht. Sie hätten ihr nicht vertraut und befürchtet, sie werde bei einer Festnahme unter Druck alles verraten.

Zschäpe ließ zudem erklären, die Taten der Uwes, "insbesondere die Mordtaten und Bombenanschläge, verurteile ich zutiefst". Sie habe ihre beiden engen Freunde, mit denen sie zusammen untergetaucht war, jedoch nicht davon abhalten können.

Zschäpe will erst nach dem Tod der beiden Männer mitbekommen haben, dass sie ihr während des gemeinsamen Lebens im Untergrund "eine Vielzahl an Waffen" nicht gezeigt hätten. Böhnhardt und Mundlos hätten im Unterschlupf beide ein abschließbares Zimmer gehabt; dort hätten die beiden die Waffen vor ihr verstecken können.

Verzögerung wegen Befangenheitsantrag

Der Erklärung zufolge hielt Zschäpe das Leben im Untergrund oft nur mit Alkohol aus. "Für mich waren die Tage nur mit dem Konsum von Sekt, den ich bei Aldi oder Penny kaufte, erträglich", ließ Zschäpe erklären. In den Jahren bis zum Auffliegen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" sei sie regelmäßig angetrunken oder betrunken gewesen.

Seit 2013 muss sich Zschäpe dem Vorwurf stellen, sie sei für die zehn Morde mitverantwortlich, die dem NSU zugeschrieben werden. Neun Opfer sollen aus rassistischen Gründen ermordet worden sein, das zehnte Opfer - die Polizistin Michèle Kiesewetter - aus Hass auf den Staat.

Das Gericht hörte Zschäpes Antworten später als geplant, weil die Anwälte des Mitangeklagten Ralf Wohlleben einen neuen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Götzl und die Beisitzerin Michaela Odersky stellten.

Zur Begründung hieß es, Götzl habe sowohl am Donnerstag als auch am Mittwoch die Verteidiger Wohllebens und die Anwälte der Hauptangeklagten Beate Zschäpe mehrfach in scharfem Tonfall abgekanzelt. Damit zeige er, dass er nicht mehr unvoreingenommen sei und den Angeklagten ihr rechtliches Gehör versage. Götzl hatte Wohllebens Verteidiger Wolfram Nahrath mehrfach unterbrochen und am Reden gehindert. Am Mittwoch war Götzl mit Zschäpes Verteidiger Wolfgang Stahl aneinandergeraten.

ulz/AFP/dpa

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