Plädoyers im NSU-Prozess "Frau Zschäpe, Sie sind eine sehr starke Person"

Am 400. Verhandlungstag im NSU-Prozess setzt sich ein Nebenklage-Vertreter mit Beate Zschäpes Seelenleben auseinander. Seine Worte scheinen bei der Hauptangeklagten auf Interesse zu stoßen.

Beate Zschäpe
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Beate Zschäpe

Von und Thomas Hauzenberger, München


In der ersten Reihe auf der Zuschauerempore sitzt am 400. Verhandlungstag im NSU-Prozess ein besonderer Gast. André K. ließ sich einst von drei der fünf Angeklagten, auf die er von da oben blickt, "Führer" nennen. Damals in der Kameradschaft "Jena", zu der außer ihm Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, Holger G. und die beiden erschossenen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gehörten. Bräsig hockt er da und schaut in den Saal A 101 im Oberlandesgericht München.

André K., eine führende Figur in der rechtsextremen Szene Thüringens, ist nicht zum ersten Mal hier. Zuletzt besuchte er seine Kumpels von früher im September, als die Bundesanwaltschaft ihre Strafmaß-Forderungen für die fünf Angeklagten verkündete. Er nahm auch schon unten Platz, dort wo die Prozessbeteiligten sitzen: Im Februar 2014 sagte André K. als Zeuge aus. Dabei schien er allerdings von einer Amnesie befallen, wie sie in diesem Verfahren viele bekennende Neonazis plagte.

Als Hardy Langer, Anwalt zweier Schwestern des 2004 in Rostock vom "Nationalsozialistischen Untergrund" erschossenen Mehmet Turgut, sich an die Hauptangeklagte Zschäpe wendet, hat André K. den Saal schon verlassen. Er verpasst eindringliche Worte.

Beate Zschäpes "disziplinierte Fassade"

"Frau Zschäpe, Sie sind eine sehr starke Person", sagt Langer. "Sie machen genau das, was Sie wollen, Sie lassen sich nichts vormachen, Sie sind kein Blättchen im Winde, das andere hin- und herpusten." Zschäpe wirkt gespannt.

Die Angeklagte verhalte sich so, wie sie es auch getan habe, als sie mit Mundlos und Böhnhardt mehr als 13 Jahre lang im Untergrund gelebt habe, sagt Langer. Davon sei er überzeugt, weil nur eine "ganz starke Person" all das hier aushalten würde: Nach mehr als sechs Jahren in Untersuchungshaft 400 Hauptverhandlungstage mit "disziplinierter Fassade" durchzuziehen. Tag für Tag. Mit der Perspektive, noch eine "sehr lange Zeit ohne Freiheit" vor sich zu haben. Dafür spreche zudem der Streit mit ihren Altverteidigern Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer, den Zschäpe mit einer "zielgerichteten Vehemenz" durchgesetzt habe.

"Aber eine starke Person bedeutet lediglich Kraft und Wille", sagt Langer. Das Entscheidende, damit eine starke Person auch eine starke Persönlichkeit werde, sei das Vorhandensein einer Seele. Ohne Seele würden Kraft und Wille zum Selbstzweck. "Frau Zschäpe, bedenken Sie: Das Gericht schließt aus dieser Kraft und aus dieser Willensstärke möglicherweise auf eine besondere Gefährlichkeit Ihrer Person. Zschäpe gebe "den Mitgliedern des Senats keine Chance, irgendetwas Authentisches hinter Ihrer Fassade zu erkennen".

Um zu beweisen, dass sie eine Seele besitze und das Leid der Angehörigen der NSU-Opfer begreife, müsse sich Zschäpe "vorbehaltlos zu ihrer Rolle in ihrem früheren Leben bekennen", darüber berichten und zeigen, wie sie heute darüber denke.

"Frau Zschäpe, haben Sie den Mut, den Ihre Situation jetzt gebietet"

Die Zeit "der anwaltlichen Strategie und Taktik" sei vorbei, meint Langer. Erst recht, nachdem sich Zschäpe dazu entschieden habe, zu reden - jedoch, ohne etwas zu sagen, ohne etwas aufzuklären. Stattdessen sei sie in eine "bequeme Opferrolle" geschlüpft, habe ihr eigenes Zutun verharmlost und ihre "mittäterschaftliche Verantwortung" in Abrede gestellt.

Die Beweisaufnahme habe jedoch etwas völlig anderes zutage gefördert und die Bundesanwaltschaft das Strafmaß beantragt, das in Deutschland nicht zu überbieten sei: Lebenslang, besondere Schwere der Schuld, Sicherheitsverwahrung. "Es ist nahe liegend, dass das Gericht dem folgen wird", konstatiert Langer ruhig.

Es ist ganz ruhig in Saal A 101. Zschäpe wirkt ungewohnt aufmerksam, verfolgt das Plädoyer auffallend interessiert. "Sie sind nun an dem Punkt, an dem Ihnen kein Anwalt mehr helfen kann! Sie können sich nur noch selbst helfen", sagt Langer in die Stille hinein. "Frau Zschäpe, haben Sie den Mut, den Ihre Situation jetzt gebietet: Brechen Sie alle strategischen und taktischen Brücken hinter sich ab. Begeben Sie sich auf den Weg der Einsicht und erkennen Sie: Ihr Leben ist nicht am 4. November 2011 zum Albtraum geworden, sondern an diesem Tag endete der Albtraum für Sie."

Am 4. November 2011 wurden Mundlos und Böhnhardt in einem Wohnmobil in Eisenach tot aufgefunden. Am selben Tag explodierte das Haus in Zwickau, in dem Zschäpe mit den beiden Männern gelebt haben soll. Zschäpe blieb vier Tage auf der Flucht, bis sie sich am 8. November bei einer Polizeidienststelle in Jena stellte und in Untersuchungshaft kam.

Langer ist am Ende seines Vortrages, er schaut von seinem Rednerpult rüber zur Anklagebank. "Nutzen Sie das einzige Ihnen noch verbleibende wirksame prozessuale Gestaltungsmittel", appelliert er an die Hauptangeklagte: "Sagen Sie umfassend und wahrheitsgemäß aus."

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