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NSU-Prozess: Die ominöse dritte Person

Von , München

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AP/dpa

Beate Zschäpe: Weitere Zusammenarbeit mit Verteidigern unmöglich?

Beate Zschäpe hat Zahnschmerzen - der 212. Verhandlungstag im NSU-Prozess war kurz. Er brachte dennoch Erhellendes: Eine Zeugenaussage legt nahe, dass das mutmaßliche Terror-Trio zumindest bei einem Überfall einen Mittäter hatte.

Sie könnte ihre drei Verteidiger jetzt grüßen, sich kurz mit ihnen austauschen oder ihnen einfach nur einen Blick zuwerfen. Beate Zschäpe verzichtet auf all dies, als sie zu Beginn des 212. Verhandlungstages in den Gerichtssaal kommt.

Ein Gruß der Hauptangeklagten geht lediglich an die Verteidiger des Mitangeklagten Ralf Wohlleben, die eine Reihe hinter Zschäpe sitzen. Eine wirkliche Kommunikation zwischen Zschäpe und ihren Anwälten findet an diesem Dienstag auch im weiteren Verlauf der Verhandlung nicht statt: Rechtsanwalt Wolfgang Heer sucht das Gespräch mit ihr, eine Reaktion der 40-Jährigen ist nicht erkennbar, später schüttelt sie einmal kurz den Kopf.

Am Montag war ein Brief Zschäpes an das Münchner Oberlandesgericht bekannt geworden, der deutlich machte, wie belastet das Verhältnis zwischen der Angeklagten und ihren Verteidigern ist. Dies spiegelt sich am Dienstag in den Gesten und in dem, was zwischen der mutmaßlichen Terroristin und ihren Anwälten besprochen wird: offenbar nur noch sehr wenig bis gar nichts.

"Bleib stehen!" - dann ein Schuss

Dabei dürfte die Zeugenaussage eines Finanzberaters aus Chemnitz an diesem Dienstag auch bei Zschäpes Anwälten für ein paar Fragen sorgen. Falco K. wurde von dem Gericht zum Überfall auf eine Chemnitzer Supermarktfiliale am 18. Dezember 1998 gehört, die Anklage macht Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos für die Tat verantwortlich.

Die Schilderungen von Falco K. jedoch stellen die Version der Bundesanwaltschaft, wonach Böhnhardt und Mundlos damals zu zweit mit ihrer Beute von rund 30.000 Mark flüchteten, in Frage. Falco K. spricht vor Gericht von drei Personen, die er damals beobachtet habe und fertigt dazu auch eine Skizze an. Demnach hatten sich zwei Personen vor dem Markt postiert, links beziehungsweise rechts von der Eingangstür. Eine dritte Person sei dann aus dem Laden gerannt, "mit irgendwas unter dem Arm".

Falco K. konnte die Szene damals gut beobachten, weil er sich an dem Abend nur wenige Meter vom Supermarkt entfernt mit zwei Freunden getroffen hatte, um gemeinsam ins Kino zu gehen.

Die drei vermummten Personen seien anschließend zusammen geflüchtet, er selbst lief ihnen nach. Bis einer der drei Flüchtenden "Bleib stehen!" rief und kurz danach aus rund 20 Metern Entfernung das Feuer auf den damals 16-Jährigen eröffnete. Ein Schuss sei knapp an seinem Kopf vorbeigeflogen, sagt Falco K. vor Gericht, er habe "das Zischen gehört". Auch die weiteren Schüsse trafen ihn nicht, Falco K. hatte sich auf den Boden geworfen und hinter einem parkenden Auto Schutz gefunden.

"Hemmungsloser Schusswaffeneinsatz"

Größe und Aussehen der Supermarkt-Räuber kann der Zeuge nicht detailliert beschreiben. Eine der Personen, die draußen offenbar Schmiere gestanden hatten, sei "etwas größer, sportlicher" gewesen, die andere kleiner und schmächtig. Auch die Person, die aus dem Markt herausgerannt sein soll, beschreibt er als schmächtig. Sie hätten alle Seemannsmützen getragen, mindestens zwei von ihnen auch Holzfällerhemden.

Die Stimme der Person, die damals "Bleib stehen!" rief und dann auf ihn schoss, beschreibt Falco K. als hell und hoch. Er könne nicht sagen, ob es sich um einen Mann oder um eine Frau gehandelt habe, so der Zeuge. Jedoch hatte er bei der Polizei von einer männlichen Stimme gesprochen.

Falco K. war von den Ermittlern erst in den vergangenen Monaten wieder ausfindig gemacht worden, das Bundeskriminalamt hatte ihn Ende April vernommen.

Die Aussage belege die "extreme Gewaltbereitschaft der Kernmitglieder des NSU" bereits wenige Monate nach dem Untertauchen, erklärt Alexander Hoffmann, einer der Nebenklagevertreter. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt waren Anfang 1998 in den Untergrund gegangen. Der "hemmungslose Schusswaffeneinsatz" zeige, dass der NSU schon damals "zur Tötung von Menschen" bereit gewesen sei, so Hoffmann.

Noch wichtiger ist ihm aber die Feststellung, dass der NSU der Zeugenaussage zufolge möglicherweise größer war als bislang angenommen. Zwar sei nicht auszuschließen, dass es sich bei der dritten Person, die Falco K. damals beobachtete, um Beate Zschäpe gehandelt habe. Wahrscheinlicher sei jedoch, dass es eine Person aus dem Unterstützerkreis des NSU gewesen sei.

Das Gericht beendet nach der Zeugenaussage von Falco K. den Verhandlungstag. Zschäpe leide unter Zahnschmerzen, sagt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. Am morgigen Mittwoch soll der Prozess fortgesetzt werden.

Zum Autor
Björn Hengst ist Redakteur bei SPIEGEL ONLINE und Korrespondent in München.

E-Mail: Bjoern_Hengst@spiegel.de

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