Urteil im NSU-Prozess Zschäpes Leben in der Zelle

Seit fast sieben Jahren sitzt Beate Zschäpe in Untersuchungshaft. Nach dem Ende im NSU-Prozess wird sich daran erst einmal nichts ändern. Welche Rolle spielt sie im Gefängnis in Stadelheim?

Beate Zschäpe
Getty Images

Beate Zschäpe

Von , München


Fast 14 Jahre lang lebte Beate Zschäpe an der Seite von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im Untergrund. Das klingt nach einem ständigen Blick über die Schulter - voller Angst, ertappt zu werden. So war es nicht.

Die drei versteckten ihre wahre Identität hinter echten Namen, die nicht ihre waren. Sie verkleideten, maskierten sich nicht. Sie machten Urlaub und schlossen flüchtige Bekanntschaften. Aber sie entwickelten in ihrem letzten Unterschlupf in Zwickau ein eigenes Alarmsystem, sie montierten Sicherheitsschlösser in einer verstärkten Wohnungstür, hängten die Decken ab als Schallschutz und installierten Kameras: am Küchenfenster, hinter Blumenkästen und dem Türspion.

Es muss also in gewisser Hinsicht für sie doch ein Leben gewesen sein in permanenter Rastlosigkeit und voller Panik, aufzufliegen, schlagartig mit der Vergangenheit und ihrem alten, wahren Ich zu kollidieren. Um unter diesen Bedingungen in fast 14 Jahren nicht durchzudrehen, braucht es Disziplin, Selbstbeherrschung und eine feste, innere Haltung.

Beate Zschäpe hat bewiesen, dass sie diese Eigenschaften besitzt. Sie hat sich nach der Enttarnung des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) gegen einen Suizid entschieden und in Kauf genommen, dass sie weiterhin diszipliniert, beherrscht und mit einer festen, inneren Haltung leben muss: in Haft.

Seit fast sieben Jahren sitzt die 43-Jährige nun in Untersuchungshaft: erst eineinhalb Jahre in Köln, seither in der Frauenabteilung der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in München-Obergiesing, weit weg von Sachsen, wo sie zuletzt lebte und von Thüringen, wo sie aufwuchs und noch immer ihre Mutter wohnt. Keine Untersuchungsgefangene vor ihr war so lange dort untergebracht.

Bis zur BGH-Entscheidung könnten Jahre vergehen

Auch nach dem Schuldspruch wird Zschäpe in Untersuchungshaft bleiben. Erst wenn das Urteil rechtskräftig ist, wird sie in die Strafhaft verlegt werden. Und das wird dauern, weil ihre Verteidiger das Urteil anfechten wollen.

Wegen Mittäterschaft bei zehn Morden hat der 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München eine lebenslange Freiheitsstrafe gegen Zschäpe verhängt - und zudem die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Zschäpe habe gemeinsam mit Mundlos und Böhnhardt im Vorfeld "gründlich" alle Taten geplant und vorbereitet, sagte Richter Manfred Götzl.

Er sprach von einer "rechten Terrorzelle", die aus rassistischen, antisemitischen oder staatsfeindlichen Motiven tötete. Die Taten seien nur unter Mitwirkung Zschäpes durchführbar gewesen. Sie sei für die Verschleierung der illegalen Existenz, der Fassade der "harmlosen, unverdächtigen Erscheinung" zuständig gewesen. "Sie blieb der Fixpunkt des Verbandes", sagte Götzl.

Ob diese Auslegung der Mittäterschaft Zschäpes, die immer erst hinterher von den Morden erfahren haben will und offenbar an keinem Tatort war, vor dem 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) Bestand hat, wird die entscheidende Frage sein.

Stimmenfang #59 - NSU-Morde: Warum bleiben trotz Urteil viele Fragen offen?

Eben jener Senat hatte die Frage der Mittäterschaft in der Vergangenheit eng ausgelegt, wie Zschäpes Verteidiger Wolfgang Stahl schon in seinem Plädoyer anmerkte. Auch nach dem Urteil geben sich die Verteidiger zuversichtlich. Anja Sturm sprach von einer dürftigen Begründung des Richters, Mathias Grasel von einem "fehlerhaften Urteil".

Bis nächste Woche Mittwoch müssen die Anwälte die Revision schriftlich ankündigen. Und wenn das schriftliche Urteil vorliegt - die Frist dafür liegt nach diesem langem Prozess bei 93 Wochen - die Revision innerhalb von vier Wochen begründen.

Für Zschäpe und auch für Ralf Wohlleben bedeutet das: Sie sind weiterhin in Einzelzellen eingeschlossen. Bett, Tisch, Stuhl, Schrank, Waschecke, in der Regel 23 Stunden am Tag, eine Stunde können sie auf den Hof gehen. In beiden Fällen sind diese Auflagen jedoch dahingehend gelockert worden, dass Zschäpe beispielsweise auch Lesungen oder Konzerte im Haus besuchen darf.

Zschäpe bastelt, malt und zeichnet gern, am liebsten spielt sie Volleyball im Hof, so berichtete es die stellvertretende Leiterin der Frauenabteilung im Februar vergangenen Jahres vor Gericht. Außer "mehr Volleybälle" habe Zschäpe keine Wünsche geäußert, einmal habe sie an Weihnachten den Gottesdienst besucht. Zschäpe pflege Kontakte zu anderen Inhaftierten "mit ganz unterschiedlichem Hintergrund". Sie sei "gut integriert" und zeige sich "korrekt, freundlich und höflich".

Als eine Mitgefangene vor Verachtung in Zschäpes Richtung ausspuckte, habe man die Frau vorsichtshalber in eine andere Abteilung verlegt, sagte die Anstaltsleiterin. Ansonsten habe es "keinerlei disziplinarische Auffälligkeiten" im Zusammenhang mit Zschäpe gegeben.

Da die U-Haft eine Maßnahme zur Sicherung des Strafverfahrens ist, sind die Haftbedingungen und Beschränkungen - trotz Unschuldsvermutung - teilweise höher als in Strafhaft: Die Gefangenen in der U-Haft dürfen nur einmal im Monat für eine Stunde Besuch empfangen; in Strafhaft können das hingegen problemlos drei bis sechs Stunden im Monat sein.

Beate Zschäpe und ihr Anwalt Mathias Grasel
REUTERS

Beate Zschäpe und ihr Anwalt Mathias Grasel

"Zudem werden die Besuche von Polizeibeamten visuell und akustisch überwacht", sagt Verteidiger Grasel. Auch die Briefkontrolle durch das Gericht beziehungsweise die Staatsanwaltschaft und damit einhergehende Verzögerungen von bis zu drei Wochen beim Transport der Post seien eine zusätzliche Belastung im Vergleich zur Strafhaft.

Zschäpe erhalte regelmäßige Geldüberweisungen, berichtete die JVA-Leiterin. "Mal 100, mal 200 Euro." Vor allem Enrico K. zeigte sich spendabel. Seinem Profil in sozialen Netzwerken zufolge handelt es sich dabei um einen 55-Jährigen aus München mit rechter Gesinnung und einer offensichtlichen Leidenschaft für Zschäpe: Bei Facebook postete er Fotos der mutmaßlichen Rechtsterroristin, die er mit roten Herzen verziert und beschriftet hatte: "Freiheit für Bea!"

"Sonderstellung"

Die Bilder sollen den Postkarten und Briefen ähneln, die Enrico K. Zschäpe in die Haft schickte. Im Sommer 2015 soll er um ein Treffen gebeten haben, Zschäpe aber lehnte ab. Seine 200 Euro pro Monat und das über eine lange Zeit hinweg, nahm sie an. Ob Enrico K. noch immer Geld überweist, ist unklar.

Die Prominenz vor den Gefängnismauern gibt es auch dahinter. Zschäpe nehme im Haftalltag durchaus eine "Sonderstellung" ein, sagte die Anstaltschefin, das läge jedoch nur daran, dass Zschäpe eben schon seit vielen Jahren dort sei.

Zschäpe scheint sich in den vergangenen Jahren im Gefängnis in der Schwarzenbergstraße eingerichtet zu haben. Sie scheint so angepasst zu leben, wie sie es fast 14 Jahre lang tat, um sich und ihren beiden Gefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt eine bürgerliche Fassade zu geben.

Dass Zschäpe nun auch einen Weg gefunden hat, das Leben hinter Gittern ohne Folgeschäden zu meistern, will ihr Verteidiger Grasel nicht bestätigen. "Ganz allgemein kann gesagt werden, dass eine nunmehr mehr als sechseinhalbjährige Untersuchungshaft nicht spurlos an einem vorbeigeht."


Lesen Sie auch:

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.