Altverteidiger im NSU-Prozess Zschäpes unfreiwillige Helfer

Beate Zschäpe und ihre ersten Verteidiger sind völlig zerstritten. Am Dienstag sollen die Juristen für die mutmaßliche Terroristin plädieren - ein Job, um den sie kein Prozessbeteiligter beneidet.

Seit dem ersten Prozesstag dabei: Anja Sturm, Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl (2013)
DPA

Seit dem ersten Prozesstag dabei: Anja Sturm, Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl (2013)


Es gibt sie noch immer: Die verfehlten Kommentare und pointenfreien Witze zu ihren Nachnamen. Heer. Stahl. Sturm. Wie können drei Verteidiger einer Angeklagten im wichtigsten Strafprozess der Nachkriegszeit gegen Rechtsterrorismus nur so heißen?

Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm dürften in den vergangenen Jahren alle sinnlosen Bemerkungen zu diesem Phänomen gehört haben. Als gäbe es nichts Dringlicheres im Verfahren um die terroristische Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU), die neun Einwanderer getötet, eine Polizistin erschossen, drei Bombenanschläge verübt und 15 Raubüberfälle begangen haben soll.

Im Video: Die Nazi-Morde - Wer war der NSU?

Ab Dienstag könnte es noch einmal ein Feuerwerk an Namenskalauern geben, denn die drei Anwälte stehen dann im Mittelpunkt der Verhandlung: Wenn es keine weiteren Beweis- oder Befangenheitsanträge gibt, sollen sie ihr Plädoyer für ihre Mandantin halten: Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im NSU-Prozess. Ein schwieriges Unterfangen, denn das Verhältnis zu Zschäpe ist seit Langem zerrüttet.

Als alle Verteidiger am 421. Sitzungstag, Ende April, mit dem Vorsitzenden des 6. Strafsenats um die Termine für die Plädoyers schacherten, umschrieb es Heer fast charmant: "Jeder weiß, wir befinden uns in einer besonderen Verteidigungs- und Verteidigerkonstellation." Seine Kollegen Stahl und Sturm und er hätten soeben erst den Schlussvortrag von Hermann Borchert und Mathias Grasel, ebenfalls Zschäpes Verteidiger, zur Kenntnis genommen. "Damit müssen wir jetzt umgehen", sagte Heer.

Der Umstand kommt einer Katastrophe gleich. Keiner der anderen Prozessbeteiligten beneidet die drei Strafverteidiger um diese Aufgabe. Viele sind gespannt auf den Schlussvortrag der sogenannten Altverteidiger. Wie nur sollen sie die Interessen Zschäpes vertreten?

Beate Zschäpe (Archiv)
AFP

Beate Zschäpe (Archiv)

Heer, Stahl und Sturm waren die ersten Verteidiger der mutmaßlichen Terroristin. Die ersten, denen sie ihr Vertrauen schenkte. Die ersten, die sie vor dem Mammutverfahren am Münchner Oberlandesgericht betreuten und die ersten 128 Verhandlungstage in Saal A 101 an ihrer Seite waren.

Am 16. Juli 2014 wurde der Bruch öffentlich: Zschäpe ließ mitteilen, sie habe keinerlei Vertrauen mehr in Heer, Stahl und Sturm. Ein Jahr lang mühten sich die drei, ihre Mandantin bei Laune zu halten; ihr zu zeigen, dass ihre Verteidigungsstrategie - zu schweigen - die richtige sei. Es half nichts.

Seit Juli 2015 grüßt Zschäpe ihre Advokaten nicht mehr, würdigt sie keines Blickes. Sie vertraut nur ihrem vierten Pflichtverteidiger Grasel und ihrem einzigen Wahlverteidiger Borchert. Sie erstattete sogar Anzeige gegen Heer, Stahl und Sturm. Diese wiederum baten den Senat mehrfach, von ihrem Mandat entbunden zu werden. Nichts davon war von Erfolg gekrönt.

In zwei Lager gespalten

So hat Zschäpe ihre insgesamt fünf Verteidiger in zwei Lager gespalten. Der Austausch unter den Anwälten beschränkt sich auf Höflichkeitsfloskeln. Heer, Stahl und Sturm hörten den Schlussvortrag der beiden Neuverteidiger erstmals im Saal. Sie machten sich Notizen, runzelten die Stirn, schüttelten mit dem Kopf.

Ab Dienstag sollen sie sich selbst erheben, ans Rednerpult treten und ihre Plädoyers halten: Wie werden sie Zschäpes verheerende Einlassung bewerten, die es unter ihrer Ägide nie gegeben hätte? Die wie eine um die Aktenlage herumgedichtete Geschichte klang?

Wie werden sie die Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen Henning Saß einordnen, der Zschäpe für voll schuldfähig und noch immer für gefährlich hält?

Werden sie die Aussagen des Freiburger Psychiaters Joachim Bauer berücksichtigen, der Zschäpe im Tatzeitraum der NSU-Verbrechen eine "dependente Persönlichkeitsstörung" attestierte? Bauer sprach in Zschäpes Fall von Voraussetzungen für eine verminderte Schuldfähigkeit. Die Bundesanwaltschaft fordert für die 43-Jährige lebenslange Haft sowie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

Zschäpe sei weder gleichberechtigte Mittäterin noch habe sie Beihilfe zu zehn Morden und zwei angeklagten Sprengstoffanschlägen geleistet, sagten Grasel und Borchert in ihrem Schlussvortrag und forderten nicht mehr als zehn Jahre Haft für ihre Mandantin.

Anwalt Borchert, Mandantin Zschäpe (Archiv)
Getty Images

Anwalt Borchert, Mandantin Zschäpe (Archiv)

Zschäpe schien hochzufrieden, als Grasel und Borchert vor Gericht ihre Version darstellten - und das, obwohl sie 215 Tage der Beweisaufnahme verpasst und viele Zeugen nicht gehört haben. Wie aber wird sie dreinblicken, wenn ihre Altverteidiger in ihrem Interesse plädieren - es aber gar nicht ihr Interesse ist?

Heer, Stahl und Sturm kennen sich seit vielen Jahren. Heer und Sturm haben inzwischen eine gemeinsame Kanzlei in Köln, Stahl hat sich von seinen ehemaligen Partnern getrennt und in Koblenz eine reine Strafrechtskanzlei eröffnet. Alle drei waren und sind politisch völlig unverdächtig.

Sie mögen im Fall Zschäpe kein Mandat mehr haben, dennoch werden sie das tun, was sie seit dem großen Vertrauensbruch, der Anzeige, der vielen Bloßstellungen und Störfeuer immer getan haben: ihren Job erledigen. Etwas anderes bleibt ihnen nicht übrig. Die völlige Eskalation mit ihrer Mandantin hatten sie nicht erwartet. Für sie dürfte das Ende des Prozesses daher die größte Erleichterung bringen.

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