Zeugenvernehmung im NSU-Prozess: Schwarzer Tag für Zschäpe

Von , München

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Beate Zschäpe vor Gericht (Archiv): "Die Finanzen im Griff"

Welche Rolle spielte Beate Zschäpe im Untergrund? Der Mitangeklagte Holger G. sah in ihr offenbar ein gleichberechtigtes Mitglied des NSU. Sie habe die Finanzen im Griff gehabt, sagte er laut einem BKA-Beamten in seiner Vernehmung aus.

Glaubt man den Aussagen des mutmaßlichen NSU-Unterstützers Holger G., dann war der 23. Verhandlungstag vor dem Münchner Oberlandesgericht ein schwarzer Tag für die Angeklagte Beate Zschäpe. Denn ein Beamter des Bundeskriminalamts, der G. fünfmal vernommen hat, brachte Einzelheiten zur Sprache, die Zschäpe im Sinn der Anklage in einem ausgesprochen negativen Licht erscheinen ließen.

Er habe sie als völlig "gleichberechtigtes Mitglied" der Dreiergruppe mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erlebt, durchsetzungsstark und auch gewaltbereit, habe G. im Gespräch mit dem Vernehmungsbeamten erklärt. Sie sei nicht der Typ Frau gewesen, der sich unterordne. Als Beispiel habe G. eine Ohrfeige zitiert, die Zschäpe einer Frau in einem Bus versetzt haben soll, weil diese angeblich "blöd geguckt" habe.

Wenn die drei zusammen gewesen seien, habe man den Eindruck gewinnen können, so G. gegenüber dem Ermittler, Zschäpe benehme sich wie eine Ehefrau, die allerdings zwei Männer habe. Das sei aber nicht immer so gewesen. Es habe auch eine Zeit gegeben, da habe es erhebliche Spannungen zwischen den beiden Uwes gegeben, so dass einer schon einmal zu einem Messer gegriffen habe und anschließend ausgezogen sei. Doch um den Fahndern zu entgehen, seien sie wieder zusammengezogen.

Zschäpe habe laut G. stets "die Finanzen im Griff" gehabt und, wann immer nötig, bezahlt. Auch für ihn, G., habe sie die Kosten für Unterkunft, Kurtaxe, Restaurantbesuche und Rundflüge im Urlaub beglichen, wenn er die von 2000 an jährlichen "Systemchecks" zu bestehen hatte - also Prüfungen, ob er sich zur Vortäuschung eines bürgerlichen Lebens als Böhnhardt-Doppelgänger noch eigne.

Als die Frisur von G. 2011 nicht mehr mit der Böhnhardts übereinstimmte, habe dieser ihm die Haare entsprechend geschnitten; sie sei mit ihm anschließend zu einem Fotografen gegangen zwecks neuer Passbilder und zum Einwohnermeldeamt wegen einer Meldebescheinigung.

Sicherheitsdepot von 10.000 Mark

G. erzählte auch von "Benefiz-Konzerten" und "Balladenabenden", auf denen Geld für die Untergetauchten gesammelt worden sei.

G. selbst habe einmal 3000 Mark für diesen Zweck gespendet, die er später von Zschäpe zurückbekommen habe. Wie der Mitangeklagte Ralf Wohlleben habe er sogar ein "Depot" in Höhe von 10.000 Mark zusätzlich erhalten, gleichsam als Sicherheit für alle Fälle, wenn das Geld einmal knapp werden sollte. Er, G., habe darüber frei verfügen dürfen und dieses Geld im Lauf der Zeit auch ausgegeben, für die Anschaffung eines Autos und um Schulden zu begleichen.

Als einer, der zwei Pässe, seinen Führerschein und weitere Dokumente zur Verfügung stellte, war G. für Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe unentbehrlich. Ganz wohl sei ihm dabei nicht gewesen, vor allem beim zweiten Mal, als er für Böhnhardt einen Reisepass besorgte, sagte G. zu dem BKA-Mann. Er habe nämlich nicht verlieren wollen, was er sich mit seiner Lebensgefährtin über die Jahre aufgebaut habe.

G. behauptete zu Beginn der Münchner Hauptverhandlung, er habe mit seiner rechtsradikalen Vergangenheit gebrochen, als er aus der ehemaligen DDR nach Hannover zog und dort eine Freundin fand. Gleichwohl stand er Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe offensichtlich weiterhin zur Verfügung, bis zuletzt, aus rein freundschaftlichen Gründen angeblich, wie der BKA-Zeuge berichtete.

Ein wichtiger Verhandlungstag für die Bundesanwaltschaft

Für die Zschäpe-Verteidigung ist G. nicht angenehm. Immer wieder war in seinen Vernehmungen offenbar von "den Dreien", "dem Trio" die Rede. Es habe keinen Unterschied in der Hierarchie gegeben. Widersprüche in seinen Angaben finden sich zwar zuhauf. Doch der Vernehmungsbeamte nannte zum Beispiel "Angst vor Repressalien" als Grund dafür, dass G. nicht sofort alles preisgab, was er wusste. Er erinnerte daran, wie schwer sich der Beschuldigte anfangs getan habe, umfassend auszusagen. Das sei erst besser geworden, als G. anwaltlich beraten und begleitet worden sei.

Merkwürdig allerdings, dass G., der sich selbst stets als jeder Gewalt abgeneigt bezeichnet, dem Trio 2001 eine Pistole überbrachte. Wohlleben habe sie ihm, verpackt in einen Beutel, in seine Tasche gesteckt mit der Bitte, dieses Paket den Dreien in Zwickau zu bringen. G., so berichtete der BKA-Mann, habe sich beklagt, dass ausgerechnet ihm, der mit Waffen nichts im Sinn gehabt habe, damit der "Schwarze Peter" zugeschoben worden sei. Er habe darauf Wohlleben die Freundschaft aufgekündigt.

Zschäpe habe ihn damals vom Bahnhof abgeholt und in jene Wohnung in der Polenzstraße in Zwickau gebracht, in der sie damals mit den beiden Uwes wohnte. Dass er die Waffe trotz seiner Abneigung übergeben habe, erklärte G. in der Hauptverhandlung damit, dass er gedacht habe, Böhnhardt und Mundlos würden damit schon nichts Böses anstellen. Dies, obwohl es in einer Art innerem Kreis zahlreiche Diskussionen über die Frage einer Bewaffnung gegeben habe und Böhnhardt sowie Mundlos sich eindeutig gewaltbereit geäußert haben sollen.

"Die Aussage G. hat uns extrem weitergebracht", sagte der Zeuge vom BKA anerkennend. Für die Bundesanwaltschaft war der Verhandlungstag "ein wichtiger". Der BKA-Mann habe die Ermittlungen des Generalbundesanwalts "in vollem Umfang und in verwertbarer Art und Weise" bestätigt, dass es sich bei dem NSU um eine terroristische Vereinigung handelte.

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