NSU-Prozess Sehr viele Vielleichts

Wie glaubwürdig ist Beate Zschäpe im NSU-Prozess? Eine BKA-Ermittlerin überprüfte die Aussagen der mutmaßlichen Terroristin - doch die Ergebnisse scheinen weniger belastbar als angenommen.

Von , München

Angeklagte Beate Zschäpe
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Angeklagte Beate Zschäpe


War es ein weiterer Mosaikstein im Bild des Anklagegebäudes? Oder doch nur eine nicht belegbare Theorie, versehen mit dem Vorzug, gut, vielleicht allzu gut zu passen?

Im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München sagte am Donnerstag eine Ermittlerin des Bundeskriminalamts dazu aus, wie sie versuchte, den Wahrheitsgehalt von Aussagen Beate Zschäpes zu überprüfen. Zuletzt hatte es von Seiten des BKA geheißen, es sei gelungen, einzelne Angaben Zschäpes durch Nachermittlungen zu widerlegen. Doch damit scheint es nicht so weit her zu sein wie zunächst angenommen.

Zum einen ging es um die Aussage Zschäpes, sie habe am 4. November 2011 einen Radiobericht zu einem brennenden Wohnmobil in Thüringen gehört. Darin habe es geheißen, es seien Schüsse gefallen, und in dem Fahrzeug seien zwei Leichen gefunden worden. "Ich war mir sofort sicher", schrieb die Angeklagte in ihrer schriftlichen Erklärung vom Dezember vorigen Jahres, "dass dieses Wohnmobil die beiden betraf und dass sie sich getötet hatten." Gemeint waren ihre Kumpane Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die nach einem Überfall auf eine Sparkasse in Eisenach ihrem Leben kurz nach Mittag in einem brennenden Wohnmobil ein Ende setzten.

Zschäpe hatte nach eigener Aussage kurz nach 15 Uhr in Zwickau die letzte gemeinsame Wohnung des Trios in der Frühlingsstraße in Brand gesetzt, wodurch das ganze Haus einzustürzen drohte.

Doch was gab Zschäpe die Sicherheit, dass es sich bei den Toten um die beiden Uwes handelte? Denn deren Namen waren nicht genannt worden. Wann war die betreffende Meldung also über die Sender gegangen, fragten sich die Ermittler. Oder hatte Zschäpe nicht doch noch Informationen auf anderem Weg erhalten? Denn anders war die fanalartige Zerstörung des Hauses mit allem, was das gemeinsame Leben in den vergangenen 13 Jahren ausgemacht hatte, nicht zu erklären.

Eingebunden ins Ausstiegsszenario

"In diesem Augenblick hatte ich nur den einen Gedanken: Ihre letzten Willen und mein Versprechen ihnen gegenüber zu erfüllen - nämlich die gemeinsame Wohnung abzufackeln", ließ Zschäpe ihre Verteidiger vor dem Senat vortragen. Damit gab sie unter anderem zu, auch in Überlegungen Böhnhardts und Mundlos' über ein Ausstiegsszenario eingebunden gewesen zu sein - die ihr ein solches Fanal offenbar auch zutrauten.

Die Ausführungen der Beamtin des Bundeskriminalamts entpuppten sich vor Gericht als weniger belastbar, als es die Zeugin anscheinend beabsichtigt hatte. Nicht nur, dass Zschäpe vom Tod der beiden Uwes rechtzeitig vor der Brandlegung hätte erfahren können. Auch eine weitere Mutmaßung, wonach Zschäpe die Berichterstattung über den Nagelbombenanschlag des NSU auf die Kölner Keupstraße im Jahr 2004 zu Hause mitgeschnitten haben könnte, während die Täter noch auf dem Heimweg waren, lässt sich anscheinend nicht sicher nachweisen.

Vielleicht entspricht Zschäpes Bekundung, sie habe sich über das Attentat "über die Zeitung" informiert, weil sie den Erzählungen Böhnhardts und Mundlos' nicht traute, doch der Wahrheit - wer weiß.

Die Mitschnitte zum Nagelbombenattentat fanden später Eingang in das Bekennervideo des NSU, das Zschäpe nach dem Tod der Uwes als deren Vermächtnis verschickte. Die Logik spricht zwar dafür, dass sie es war, die sich damals vor dem Fernseher durch die Nachrichtenprogramme von WDR Köln und n-tv zappte und entsprechende Beiträge mitschnitt. Aber bewiesen ist dies nach bisherigem Kenntnisstand nicht.

Die Mitschnitte könnte theoretisch auch irgendein Unbekannter angefertigt und Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt überlassen haben. Dies konnte auch die Kripobeamtin bei allem Eifer nicht ausschließen.

Wohlleben fordert Neustart

Kaum war die Beamtin vom Gericht entlassen und ein wenig ergiebiger Augenzeuge eines Überfalls auf die Postfiliale in der Zwickauer Max-Planck-Straße im Jahr 2001 vernommen, setzte der Verteidiger des Mitangeklagten Ralf Wohlleben zu einem Antrag an. Dieser gipfelte in der Forderung nach Abtrennung, Aussetzung und Neubeginn des Verfahrens gegen seinen Mandanten sowie der Beiziehung der betreffenden Akten. Diese, so Klemkes Vorwurf, hole die Bundesanwaltschaft "nach Gutdünken" hervor. Dies sei mit einem fairen Verfahren nicht vereinbar.

Die Wohlleben-Verteidigung hatte in der Vergangenheit wiederholt versucht, den wegen Beihilfe zu neun Morden angeklagten ehemaligen NPD-Funktionär auf freien Fuß zu bekommen. Jedes Mal war sie damit gescheitert und bekam vom Senat die Gründe des weiter bestehenden Tatverdachts aufgelistet. Nun wählten die Verteidiger Klemke, Nicole Schneiders und Wolfram Nahrath eine andere Variante - die Bundesanwaltschaft trat dem Aussetzungsantrag bereits entgegen.

Ausgang des Antrags war der Widerspruch der Wohlleben-Verteidigung gegen eine Zeugin des BKA, die anlässlich einer Wohnungsdurchsuchung bei Wohlleben ein T-Shirt sichergestellt hatte, auf dem das Eingangstor zum Vernichtungslager Auschwitz zu sehen war - versehen mit der Aufschrift "Eisenbahnromantik". Klemke: "Selbst wenn ein solches T-Shirt bei unserem Mandanten sichergestellt worden sein sollte, würde das nicht auf seine Gesinnung schließen lassen. Denn schließlich war kein Opfer des NSU mosaischen Glaubens."

Doch dass jenen Kreisen, in denen sich in den Neunzigerjahren in Thüringen der "Nationalsozialistische Untergrund" formierte, antisemitische Gedanken nicht fremd waren, zeigt sich an der Herstellung und dem Verkauf des "Pogromly-Spiels" durch Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos. Auch das Anbringen einer Bombenattrappe in Form einer Puppe mit Judenstern an einer Autobahnbrücke in der Nähe von Jena deutet darauf hin. Daran sollen sowohl das sogenannte Trio als auch Wohlleben beteiligt gewesen sein.

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