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Brigitte Böhnhardt im NSU-Prozess: Kein Wort für die Opfer

Von , München

Brigitte Böhnhardt: "Eine schlimme Zeit für uns" Zur Großansicht
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Brigitte Böhnhardt: "Eine schlimme Zeit für uns"

Wie konnte das nur passieren, mit ihrem Kind? Brigitte Böhnhardt, deren Sohn Uwe zum NSU gehörte und zehn Menschen ermordet haben soll, war nun im Prozess als Zeugin geladen. Dort schmiedet sie Verschwörungstheorien, klagt die Behörden an - für die Opfer findet sie kein Wort des Bedauerns.

Brigitte Böhnhardt, 65, ist eine Mutter. Sie hat drei Söhne geboren und zwei davon verloren. Peter, der mittlere, kam auf ungeklärte Weise 1988 im Alter von 17 Jahren ums Leben. Er soll bei einer feuchtfröhlichen Feier gestürzt sein. Ob er gestoßen wurde oder aus eigener Schuld verunglückte, weiß die Mutter bis heute nicht. Jedenfalls fand sie ihren Sohn tot vor der Haustür. Das Vertrauen in die Ermittlungsbehörden fördert so etwas nicht.

Der jüngste ihrer drei Söhne, Uwe, geboren am 1.Oktober 1977, starb am 4. November 2011 in einem Wohnwagen in Eisenach, wo er sich nach einem Überfall auf eine Sparkasse mit seinem Freund Uwe Mundlos das Leben nahm, um, was wahrscheinlich ist, nicht von der Polizei festgenommen zu werden. Denn die Polizei war den beiden dicht auf den Fersen. Inzwischen lasten die Strafverfolgungsbehörden den beiden Uwes vor allem zehn Morde an zumeist türkischstämmigen Personen an, 14 bewaffnete Raubüberfälle auf Geldinstitute und, zusammen mit Beate Zschäpe, unter anderem noch die Bildung einer terroristischen Vereinigung namens "Nationalsozialistischer Untergrund".

Frau Böhnhardt ist also eine Frau, die das Leben nicht von der Sonnenseite kennengelernt hat. Sie trauert um ihren Sohn genauso wie die Angehörigen der Opfer des NSU. Es müsste für sie sogar noch schlimmer sein. Denn wenn Kinder selbst aus dem Leben scheiden, nachdem sie getötet haben, ist das immer auch eine Botschaft an die Eltern.

Warum wurde unser Kind so?

Der tote Sohn - mutmaßlich war er ein Mörder, ein Terrorist, dessen kriminelle Karriere schon früh begann und trotz aller Bemühungen der Eltern nicht aufzuhalten war. Jede Mutter, jeden Vater quälen da Schuldgefühle. Warum wurde unser Kind so? Wir haben es doch geliebt, es behütet und gefördert, so weit es in unseren Kräften stand. Was haben wir falsch gemacht? Wieso wir? Wieso unser Uwe?

Am Dienstag wurde Frau Böhnhardt im Münchner NSU-Prozess als Zeugin vernommen. Der 6. Strafsenat unter der Leitung von Manfred Götzl hatte den ganzen Verhandlungstag für ihre Aussage freigehalten und hat der Frau lange zugehört, mit versteinerten Gesichtern. Denn bei allem Respekt vor den Gefühlen einer trauernden Mutter: Die Verschwörungstheorien, die diese Zeugin kaum verhohlen vor Gericht ausbreitete, mögen in der rechtsradikalen Szene Beifall finden und von manchen Leuten dort geteilt werden. Vor einem rechtsstaatlich legitimierten Gericht aber war einiges starker Tobak.

"Ihr" Uwe, ein Nachzügler, ein bisweilen verwöhntes Wunschkind, das das Pech hatte, in den unruhigen Wendezeiten überdies noch in die Pubertät zu kommen. Ein Schüler, Sohn einer Lehrerin obendrein, bei dem es in der Schule nicht rund lief, der bei der Schulreform unter die Räder geriet, der zu "bummeln" anfing, wie es die Mutter verniedlichend nennt, und sich allem und jedem widersetzte. Der sich lieber an die Größeren hielt als an die Kleinen in seiner Klasse, um auch zu den "Starken" zu gehören. Der, weil noch strafunmündig, von den Großen bei jugendtypischen Dummheiten und Straftaten vorgeschickt wurde - ein Verhalten, das noch zum Repertoire eines schwierigen Kindes gehören kann.

Es war sicher keine angenehme Erfahrung für die Eltern zu erleben, wie bald keine Schule mehr ihren Sprössling aufnehmen wollte angesichts seines Sündenregisters, seiner Widerständigkeit und seines Unwillens, das Schwänzen sein zu lassen. "Es war eine schlimme Zeit für uns", sagt die Mutter.

Schuld sind die anderen

In den Augen der Mutter sind weitgehend die anderen schuld gewesen an dieser Situation: die Wendezeit, die Schulreform, die Lehrer, die Jugendamtsmitarbeiter, die Lehrherren. Der Jugendrichter, der sie mal fragte, warum sie ihren Spross nicht einfach vor die Tür setze. Da stoßen Weltanschauungen aufeinander: Strenge oder Hilfe bis zum bitteren Ende? "Wir haben unseren Sohn immer wissen lassen, dass wir ihn lieben, dass er unser Kind bleibt, dass er zurückkommen kann, dass wir ihn immer versorgen werden". Was eine Mutter halt so sagt. Dass der Bengel aber offensichtlich trotz aller Fürsorge - oder vielleicht wegen zu viel des Guten - komplett aus dem Ruder lief, das übersteigt das Verständnis dieser Mutter.

Er fand eine Lehrstelle als Hochbau-Fachabeiter. "Für mich war das okay", sagt die Mutter. "Schließlich muss ja einer die Häuser der Reichen und Schönen bauen." Die Eltern hätten ihm ein Auto gekauft und den Führerschein bezahlt. Dann aber kam die Arbeitslosigkeit. Er habe neue Freunde gefunden, alles "nette, höfliche junge Leute" wie Ralf Wohlleben, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. "Alle arbeitslos", sagt Frau Böhnhardt.

Zehn Jahre? "Das kriegen noch nicht einmal Kinderschänder"

Dann der erste Aufenthalt des noch nicht erwachsenen Uwe in einem Untersuchungsgefängnis für Erwachsene. "Als Mutter sieht man seinen Sohn in einem Männergefängnis immer als Opfer", sagt sie, "ich stellte mir die schlimmsten Dinge vor." Seitdem sei klar gewesen, er werde nie mehr ins Gefängnis gehen. Sie berichtet von einem Besuch bei der Staatsanwaltschaft 1998, nach dem Abtauchen der drei, und wie entsetzt sie gewesen sei über die Strafmaße, über die dort gesprochen wurde. Zehn Jahre! "Das kriegen noch nicht einmal Kinderschänder, die Kinder töten!", sagt sie aufgebracht.

Oder fünf bei guter Führung, vielleicht sogar eine Bewährungsstrafe. Und dass man die Strafe ja reduzieren könne. Wie im "Schlussverkauf" sei ihr das vorgekommen. "Vielleicht ist das ja auch so eine Masche von der Staatsanwaltschaft - erst ganz schlimm reden, dann nimmt man etwas zurück, nur um eine Mutter fertigzumachen!" Und: Wofür denn zehn Jahre? Mundlos und Beate hätten doch gar nichts gemacht! Und ihr Sohn habe doch, außer dem Untertauchen, auch nichts mehr gemacht! Frau Böhnhardt, die Lehrerin, scheint zu glauben, Staatsanwälte bestimmten das Strafmaß. Was hat sie ihren Schülern wohl alles beigebracht?

Der Vorsitzende Götzl erinnert beiläufig an den Sprengstoff in Beate Zschäpes Garage und an Rohrbomben. "Ach so, das war mir nicht mehr präsent", sagt Frau Böhnhardt und macht eine wegwerfende Handbewegung. Sie wisse das nur aus den Medien, und Uwe habe gesagt, sie solle nicht alles glauben, was da steht.

Frau Böhnhardts Angaben sind bisweilen geradezu grotesk

Sie berichtet über ihre Telefonkontakte mit den Untergetauchten, von einem ersten Treffen 1999 auf einem Parkplatz, wofür sie, die Eltern, ein Auto gemietet hätten, um eine Verfolgung durch die Polizei auszuschließen. Sie berichtet von Zetteln im Briefkasten, auf denen von dem Trio weitere Treffen signalisiert wurden, von Geldzuwendungen, damit Uwe und seine Freunde zu essen haben sollten. "Wir wollten doch nur, dass er nicht wieder klaut!"

"Wie wurde denn das Geld abgeholt?", will der Vorsitzende wissen. "Da kam einer, nannte eine Parole, die nur Uwe und ich kennen, und dann bekam er das Geld, 500 Mark damals, alle drei Monate etwa." Welche Parole? Frau Böhnhardt erregt: "Die sag ich nicht! Denn dann schwirrt sie wieder durchs Internet, das ist furchtbar! Das will ich nicht!" Sie tut, als gäbe es nichts Schlimmeres als die Preisgabe ihrer innigen Beziehung zu ihrem Sohn. "Rippchen", hieß die Parole. So hatte sie ihn als Kind genannt, nachdem er sich mal die Rippen gebrochen hatte.

Mag sein, dass eine Mutter viel tut für ein Kind, um es vor Strafverfolgung zu schützen. Doch Frau Böhnhardts Angaben sind nicht logisch, zum Teil auch gar nicht glaubhaft und bisweilen geradezu grotesk.

Kein Wort in Richtung der Opfer

So berichtet sie von Beamten des Landeskriminalamts, die angeblich gedroht hätten, die Flüchtigen zu erschießen, "wenn auch nur einer zuckt bei der Festnahme". Andererseits will sie zusammen mit ihrem Mann immer wieder darauf gedrungen haben, die drei sollten sich stellen. "Nein, nein", korrigiert sie später. Wenn die Behörden nur ihre Zusagen eingehalten hätten, sagt sie vorwurfsvoll, dann hätten die drei sich gestellt. Die Zusage, die Strafe für ihren Uwe zu reduzieren. Denn "dann säßen hier nicht diese fünf jungen Leute auf der Anklagebank", sie dreht sich zu den Angeklagten. Die fünf, die ihr leid täten.

Sie sagt nicht, dass ihr Menschen und deren Angehörige leidtun, denen mit der Ceska 83 in die Köpfe geschossen worden war und die elend am Tatort verbluteten. Kein Wort in Richtung der Opfer.

Frau Böhnhardt spricht von ihrem Misstrauen gegenüber der Polizei, die Dinge dort platziere, wo sie später beschlagnahmt würden, und von der man "gelinkt" werde. "Mutti, das ist doch alles getürkt!", habe ihr Sohn immer gesagt. Sie, die Ostdeutsche, die die DDR kannte, schildert, wie froh sie gewesen sei, dass die Polizei nicht erklärt habe: "auf der Flucht erschossen". Und sie beschreibt ihre Sorgen wegen des Wohlergehens ihres Sohnes. "Wo haben die denn gelebt? Wovon? Wo haben sie gewohnt?" Es habe nur immer geheißen: Wir haben Freunde, es geht uns gut. Sie habe gedacht, gehofft, sich eingeredet, die drei lebten im Ausland.

"Herr Mundlos ist ja der Meinung, sein Sohn sei nur durch den unseren in die Sache hineingekommen", fährt Frau Böhnhardt fort. Doch er sei eben auch nur ein Vater, der leide. "Alle drei waren erwachsen!", sagt sie mit fester Stimme. "Jeder hätte gehen können! Jeder hatte gleichermaßen etwas zu sagen!"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 87 Beiträge
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1.
muffelkopp 19.11.2013
Zitat von sysopGetty ImagesWie konnte das nur passieren, mit ihrem Kind? Brigitte Böhnhardt, deren Sohn Uwe zum NSU gehörte und zehn Menschen ermordet haben soll, war nun im Prozess als Zeugin geladen. Dort schmiedet sie Verschwörungstheorien, klagt die Behörden an - für die Opfer der Rechtsterroristen findet sie kein Wort des Bedauerns. NSU-Prozess: Brigitte Böhnhardt sagt als Zeugin aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-prozess-brigitte-boehnhardt-sagt-als-zeugin-aus-a-934496.html)
Es wäre ein gutes, hilfreiches Zeichen gewesen, wenn die Mutter eines der Mörder Ihr Mitgefühl für die Opfer und deren Ehepartnern, Kindern, Eltern geäußert hätte. Einfach mal sagen, dass es ihr leid tut, was ihr Sohn anderen antat. Vielleicht aber, wer will es beurteilen können, wer ist so selbstherrlich, sieht sie sich selber als ein Opfer an, da sie ihren Sohn verloren hat? Hat neben ihrer eigenen Trauer keine Luft mehr für Empathie? Weiß wohl keiner außer ihr selbst, aber wer will sie ob dessen verurteilen?
2.
dietmar 110 19.11.2013
Sie hat schon vorher oft deutlich gemacht, dass es für sie unfassbar ist, was passiert ist. Ich verweise auf Beiträge im MDR.
3. Mittäterin
bergerpe 19.11.2013
Wenn die Mutter diese Leute mit Geld unterstützt hat, müsste sie dann nicht auch angeklagt werden? Denn sie wusste doch, dass die drei gesucht werden und im Untergrund lebten.
4. Mütter
cola79 19.11.2013
Das kein Wort für die Ermordeten fällt, mag man zur Kenntnis nehmen, aber verwundert das wirklich? Glaube nicht, dass es alltäglich ist, dass das eigene Kind jahrelang vor der Polizei flüchtet und so weiter und am Ende in nem Bauwagen verbrennt. Das man danach nen Knacks weg hat und in einer eigenen Welt lebt, ist vermutlich eine normale Reaktion. Davon ab, noch ist der Prozess ja nicht zu Ende, und noch wird lediglich vermutet, dass die drei Beschuldigten die Haupttäter wären. Aber schon jetzt mischen da so viele Personen und Behördenmitarbeiter mit, dass man gespannt sein darf, was am Ende überhaupt herauskommt. Schlimm ist doch, dass da Menschen in Reihe ermordet wurden, trotz Kenntnis durch eine Bundesbehörde und nichts ist passiert. Meiner Meinung nach müssen da nicht nur die Tschäpe auf die Anklagebank, sondern auch die V-Leute und deren Vorgesetzte in den Behörden. Die haben die Morde schließlich auch gedeckt, mitorganisiert und wer weiß, vielleicht auch teilweise begangen? Nur warum? Was steht denn dahinter? Mordlustige Nazis im Alleingang kann ich ja noch glauben, aber mordende Nazis gepäppelt vom Verfassungsschutz, da steckt dann doch was anderes dahinter...
5. Für was genau soll sich dies Frau bedauern ?
spmc-122226439819235 19.11.2013
Ein Prozess ohne Beweise ,nur Pressebeschuldigung die nicht justiziabel sind ,ihr Sohn wahrscheinlich ermordet,richtige Spuren werden nicht verfolgt.Die Familie sollte finanziell unterstützt werden,damit über ordentliche Anwälte einige ordentliche Fragen gestellt werden,auch wenn diese dann auch in die berühmte Ecke gestellt werden. So geht Rechtsstaat nicht!
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