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Brigitte Böhnhardt im NSU-Prozess: Erinnerungen an den verlorenen Sohn

Von , München

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Brigitte Böhnhardt: "Sie waren verliebt"

"Sie gehörte einfach zur Familie": Brigitte Böhnhardt hat im NSU-Prozess von der Liebe ihres Sohnes zur Angeklagten Beate Zschäpe gesprochen, über die sie glücklich war. Sie warb um Verständnis für ihre Perspektive auf den mutmaßlichen Serienmörder Uwe. Ihr Kind.

Es ist alles verständlich, was Brigitte Böhnhardt, die Mutter des mutmaßlichen NSU-Mörders Uwe sagt. Auch, dass sie manches, was sie für "privat" hält, vor Gericht und der Öffentlichkeit nicht ausbreiten möchte. Und auch, dass sie sich am Spätnachmittag, als alle schon gereizt sind und die Nerven blankliegen, immer weniger erinnert.

Doch es geht um zehn ermordete Menschen. Da hat ein Zeuge auszusagen und seine Erinnerung anzustrengen, auch wenn er vorbringt, die Aussage belaste ihn, wie Frau Böhnhardt es tut. Oder wenn er aus seiner Sicht meint, bestimmte Fragen des Gerichts oder der Nebenklagevertreter seien doch "ohne Bedeutung für das, was nachher gewesen sein soll". Doch nicht der Zeuge bestimmt, was ein Gericht für wichtig hält oder was die Opfer wissen wollen.

Auf intensivstes Befragen durch den Senatsvorsitzenden Manfred Götzl zeichnet Frau Böhnhardt schließlich doch das Bild einer, wie sie es nennt, "ganz normalen" Welt. Einer Welt, die sie offenbar als durch und durch heil und straff strukturiert empfindet. Diese Welt aber existiert vielleicht doch eher in ihrer Vorstellung denn in der Realität, in der ihre drei Söhne aufwuchsen. Kinder spüren Widersprüche in der Erwachsenenwelt, und sie reagieren auf ihre Weise darauf.

"Auch intelligente Schüler halfen ihm"

Wie ging es wirklich zu bei Böhnhardts zu Hause? Die zwei älteren Brüder, die sich rührend um den jüngsten gekümmert und ihn aus Krippe und Hort abgeholt haben, die ihn auf dem "Schulhof schützten". Die "Vier-Raum-Wohnung" in einem Neubau mit zwei Kinderzimmern und zwei Balkonen. Urlaub zweimal im Jahr, Ferienlager für die Kinder. Und dass der Vater als Ingenieur bei Schott Jena und die Mutter als Lehrerin Arbeit gehabt hätten. Reicht das, um die Welt mit den Worten "uns ging's super" zu beschreiben?

Der zweite Sohn kam 1988 unter ungeklärten Umständen ums Leben, und der jüngste entwickelte Verhaltensauffälligkeiten. Hinter die Kulisse einer Familie kann niemand schauen. Ob Uwe Böhnhardt als Schüler vor den Ansprüchen seiner Mutter an Pflichtbewusstsein und Fleiß in widerständiges Verhalten flüchtete? Ob er aufbegehrte gegen die glatte Fassade elterlicher Fürsorge, gegen das Gebot von "Respekt" und "Höflichkeit" gegenüber jedermann? Ob er nicht doch die unausgesprochene Enttäuschung der Mutter merkte, weil er nicht so intelligent war wie jene Klassenkameraden, die ins Gymnasium wechseln durften im Gegensatz zu ihm? Er kam ins Kinderheim, weil die Eltern kapitulierten vor seiner Schwänzerei.

Frau Böhnhardt redet viel von sich, wenn sie über ihren Sohn spricht. Immer wieder: wie sie dachte, was sie wollte. Sie muss vom Vorsitzenden aufgefordert werden, auch über die Persönlichkeit ihres Sohnes etwas zu sagen. Ja nun, ein "aufgeweckter", "sportlicher" und "kontaktfreudiger" Mensch sei er gewesen. "Auch intelligente Schüler halfen ihm", sagt sie.

"Die erste feste Freundin Uwes"

Dann Beate. Frau Böhnhardt nennt sie nie Frau Zschäpe. Es geht um Beate, von der sie hoffte, sie würde ihren Sohn von seinen "spinnerten Sachen" abbringen. Und dass Uwe und Beate vielleicht mal eine Familie gründen würden. "Sie waren verliebt. Als Mutter ist man glücklich, wenn das Kind glücklich ist. Sie gehörte einfach zur Familie." Sie erinnere sich nicht, dass Uwe je unhöflich zu Beate gewesen sei. Und Beate zu ihm? "Das kann ich mit einem Wort beantworten", sagt die Mutter: "kuschelig". Sie habe gedacht, Uwe sei bei Beate in guten Händen.

Bis zum Schluss, also 2002, als das letzte Treffen zwischen den Eltern Böhnhardt und dem Trio stattfand, habe sie gemeint, die beiden seien noch ein Paar. Fragen, wie das Verhältnis zwischen Uwe und Beate und Uwe Mundlos in der Illegalität gewesen sei, weicht sie aus. Das seien erwachsene Leute gewesen, gleichberechtigt. Stützt sie hier die These der Anklage, wonach Zschäpe als gleichberechtigtes Mitglied des NSU Mittäterin an allen zehn Morden der Gruppe war? Sie wird nicht konkreter, dazu fehlten ihr genaue Erinnerungen. Sie könne sich jedenfalls nicht vorstellen, dass die beiden jungen Männer sich von Beate hätten "dominieren" lassen.

Dann das Telefonat am 5. November 2011, als Zschäpe morgens um sieben Uhr anrief und den Tod der beiden Uwes mitteilte. "Danke, dass du es gemacht hast", sagt Frau Böhnhardt und wendet sich der Hauptangeklagten direkt zu. "Denn wenn ich mir vorstelle, dass die Polizei abends vor der Tür steht", sagt sie und macht eine lange Pause. Beate habe gesagt, sie müsse nun auflegen, weil sie "noch so ein furchtbares Telefonat" vor sich habe, mit den Eltern Mundlos. Für sie sei Beate immer "die erste feste Freundin Uwes".

Es wird wieder einmal spät an diesem 58. Verhandlungstag. Die Fragen drehen sich im Kreis, die Antworten der Zeugin werden gereizter. Mit einem Mal begreift man die Rebellion des kleinen Uwe gegen die allumfassende elterliche Unterstützung. Frau Böhnhardt korrigiert die Anwälte der Nebenklage bezüglich deren Frageweise. Sie verweigert sich zunehmend. Ihr Ton wird hart.

"Ich weiß, dass Uwe keine Mimose war"

Sie erinnert sich an jede Frage, die sie schon beantwortet hat. Sie bleibt dabei, ihr Sohn und Beate hätten sich stellen wollen, nur Mundlos habe nicht mitgezogen. Andererseits berichtet sie, Uwe habe gesagt, er lasse sich lieber erschießen, als sich zu stellen. Wie passt das? Es passt nicht.

Sie sagt, sie habe Mitgefühl mit den Hinterbliebenen. Sie selbst wisse, wie schlimm die Ungewissheit sei. Die Ungewissheit. Die Opferfamilien dürften öffentlich trauern. Sie nicht. Damit komme sie nicht klar.

Plötzlich erwähnt die Zeugin, dass sie nicht nur telefoniert habe mit den Untergetauchten und es fünf Treffen der Eltern mit ihnen gegeben habe. Nein, sie habe auch mal zwei Müllsäcke voller Kleidung, Bücher, ja selbst einen Videorecorder bereit gestellt zur Abholung. Durch wen? Wann? Wer gab den Auftrag? Warum hat sie dies nicht gestern schon gesagt vor Gericht? Das habe sie vergessen. Der Vorsitzende wird unwillig: Was hat die Zeugin vielleicht noch alles vergessen? Sie wolle niemanden "verraten", der ihrem Sohn damals geholfen habe. Das gelte bis heute.

Sie sagt: "Ich weiß, dass Uwe keine Mimose war und dass er vielleicht mal provoziert hat." Aber die "andere Gruppe", also die Polizei, sei immer in der Mehrzahl gewesen. Ihr "Vertrauen in die Polizeikräfte von Jena" sei sehr gering. "Ich weiß, dass mein Sohn sich gewehrt hat", sagt sie. Seine Einstellung gegenüber dem Staat und der Polizei sei "kritisch" gewesen und nicht von Vertrauen geprägt.

Sie ist eine Mutter. Sie kann sich ihren Sohn nicht als "eiskalten Mörder" vorstellen. Jede Mutter werde sie verstehen, dass sie sich an die vage Möglichkeit klammere, "dass es vielleicht doch so nicht war".

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