Hinterbliebene im NSU-Prozess "Wie krank ist es, einen Menschen nur aufgrund seiner Herkunft zu töten?"

Im NSU-Prozess hat der Sohn des Mordopfers Enver Simsek aufwühlend vom Leid seiner Familie erzählt. Viele Prozessbeteiligte reagierten emotional. Einer der fünf Angeklagten weinte hemmungslos.

Abdulkerim Simsek mit Anwältin Basay-Yildiz
REUTERS

Abdulkerim Simsek mit Anwältin Basay-Yildiz

Von und Thomas Hauzenberger, München


Seit dem 9. September 2000 wartet die Familie Simsek auf eine Entschuldigung der Polizei Nürnberg. Auf Worte des Bedauerns, auf eine Erklärung. Nicht nur dafür, dass sie elf Jahre und zwei Monate nach dem Mord aus dem Radio erfahren mussten, wer Enver Simsek tötete und ihnen den Ehemann, Vater und Großvater nahm.

Der Blumenhändler Enver Simsek war mutmaßlich das erste Opfer der NSU-Mordserie. Er wurde in seinem Transporter am Straßenrand in Nürnberg niedergeschossen: vier Schüsse in den Kopf, einen in den linken Augapfel, drei Schüsse trafen ihn, als er bereits am Boden lag. Seine Mörder machten ein Foto von ihm, wie er schwer verletzt in seinem Lieferwagen lag. Das Bild taucht im Paulchen-Panther-Video auf, unter der Überschrift: "Original". Enver Simsek erlag zwei Tage nach den insgesamt acht Schüssen seinen Verletzungen.

Seine Frau Adile sitzt in Saal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts, neben ihr der gemeinsame Sohn Abdulkerim. Die Anwältin der Familie, Seda Basay-Yildiz, trägt ihr Plädoyer vor. Für die Angehörigen muss es eine qualvolle Reise zurück in die dunkelsten Stunden ihres Lebens sein.

Als sie vom Anschlag auf ihren Ehemann erfuhr, eilte Adile Simsek ins Krankenhaus zu ihrem sterbenden Mann. Sie durfte dort nicht bleiben, sie musste zur Vernehmung auf eine Polizeistation: Dealte Ihr Mann mit Drogen, hatte er eine Geliebte, wurde er erpresst? Fragen, die die Frau erschütterten. Enver verwickelt in Drogengeschäfte? Enver mit einem geheimen Liebesleben? Enver in kriminellen Kreisen? Ihr Enver, der in diesen Stunden starb? Ohne dass sie bei ihm sein konnte.

Rechtsanwältin Basay-Yildiz trägt diese Fakten nüchtern vor. Ebenso nüchtern verweist sie darauf, wie die Ermittler im Fall der ebenfalls vom NSU getöteten Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter verfuhren: "Sie suchten die Mutter von Frau Kiesewetter mit einem örtlichen Seelsorger, einer Pastorin auf, um ihr die Todesnachricht zu übermitteln, und warteten mit der Vernehmung zehn Tage, die dann bei ihr zu Hause durchgeführt wurde."

Adile Simsek
DPA

Adile Simsek

Vorurteile beherrschten die Polizeiapparate derart, dass ein rassistisches Motiv für das Verbrechen an Enver Simsek nicht denkbar gewesen sei, konstatiert Seda Basay-Yildiz und zitiert aus Vernehmungsprotokollen und polizeilichen Vermerken.

"Es muss weiterermittelt werden"

Die Vorwürfe treffen auf alle Mordkommissionen zu, die in der Verbrechensserie ermittelten: "Sie lagen in sehr unterschiedlichen Bundesländern mit unterschiedlichen historischen Bedingungen und juristischen Traditionen. Und trotzdem verhielten sie sich in einem wesentlichen Punkt identisch: Sie verfolgten jeden noch so entfernten oder abwegigen Hinweis auf Verbindungen der Opfer zur organisierten Kriminalität oder eine Verbindung der Opfer untereinander mit großem zeitlichen und finanziellen Aufwand." Dass das so passiert sei, habe mit der Herkunft der Opfer zu tun, sagt Seda Basay-Yildiz.

Bis heute habe sich keine Geliebte gemeldet, es gebe nicht den geringsten Hinweis darauf, dass es Probleme in der Ehe gegeben habe, der Verdacht auf Drogengeschäfte habe sich nicht bestätigt. Und doch sei für die Angehörigen noch immer eine Frage ungeklärt: Wer gab den Hinweis auf Enver Simseks Blumenstand? Solange es auf diese Frage keine Antwort gebe, dürften die Ermittlungen mit diesem Prozess nicht beendet werden. "Es muss weiterermittelt werden", fordert Seda Basay-Yildiz am Ende ihres Vortrags.

Abdulkerim Simsek, schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, schwarze Krawatte, ergreift das Wort. Der Student taucht ein in jenen Septembertag vor mehr als 17 Jahren, als ihn ein Lehrer im Internat in Saarbrücken sofort nach Nürnberg schickte, ins Krankenhaus zu seinem schwer verletzten Vater. Abdulkerim Simsek war damals 13 Jahre alt.

"Ich werde das nie vergessen"

Auf der Intensivstation habe er seinen Vater gesehen, das linke Auge zerfetzt, drei blutverschmierte Löcher im Gesicht, drei weitere in der Brust. "Ich habe dann sechs Löcher gezählt. Ich werde das nie vergessen, mir war klar, dass mein Vater von diesem Moment an nicht mehr derselbe sein würde oder sterben würde", sagt Abdulkerim Simsek. Stille in Saal A 101.

Als seine Mutter Adile neben ihm am Bett des Vaters weinend zusammengebrochen sei, habe die Maschine, an die er angeschlossen war, zu piepen begonnen. Sie seien aus dem Zimmer geschickt worden. Er habe Angst gehabt, dass die Täter zurückkehren, weil der Vater noch lebte, "um ihre Tat zu Ende zu bringen". Abdulkerim Simsek holt tief Luft. "Ich wollte nicht weg, ich wollte meinen Vater schützen."

Bei der Bestattung in der Türkei sei der Leichnam seines Vaters in ein weißes Leintuch gewickelt gewesen, wie es üblich sei. Er habe am Kopfende gestanden, sagt der Sohn. Der weiße Stoff habe sich rot verfärbt. "Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht geweint. Als ich die Erde auf ihn schüttete, konnte ich nicht mehr. In dem Augenblick habe ich verstanden, dass ich meinen Vater nie mehr sehen würde."

Seine Stimme stockt

Abdulkerim Simseks Stimme stockt immer wieder. Das Papier, von dem er abliest, wirkt wie ein Anker in diesem Moment, der 30-Jährige verliert nicht die Fassung. Anders der Angeklagte Carsten S., der die Waffe beschafft haben soll, mit der Enver Simsek getötet wurde und mit der weitere rassistisch motivierte Morde begangen wurden. Carsten S. hatte im Hauptverfahren umfänglich ausgesagt, nun weint er hemmungslos. Auch andere Angehörige sind sichtlich bewegt, viele Prozessbeteiligte sind berührt von Abdulkerim Simseks Worten.

Angeklagter Carsten S. (Archiv)
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Angeklagter Carsten S. (Archiv)

Deutschland sei nach der Beerdigung seines Vaters für ihn ein anderes Land gewesen. Seine Mutter sei an Depressionen erkrankt, durch den ungeklärten Tod des Vaters seien sie gesellschaftlich ausgegrenzt worden und finanziell in eine Schieflage geraten. "Bis zur Aufdeckung des NSU habe ich niemandem erzählt, dass mein Vater ermordet wurde, ich habe es vor allen geheim gehalten. Es ist absurd, aber ich war erleichtert, als 2011 herauskam, dass mein Vater von Nazis ermordet wurde." Somit sei endlich die Unschuld seines Vaters bewiesen.

"Es gab viele Augenblicke, in denen ich meinen Vater sehr vermisst und gebraucht habe. Mein Vater wäre heute 56 Jahre alt. Wir hätten noch viel teilen können", sagt Abdulkerim Simsek und wendet sich an die Angeklagten: "Wie krank ist es, einen Menschen nur aufgrund seiner Herkunft oder seiner Hautfarbe mit acht Schüssen zu töten? Was hat euch mein Vater getan? Können Sie verstehen, was es bedeutet, den Vater in einem Bekennervideo erschossen zu sehen und zu wissen, dass er stundenlang hilflos dalag?"

Am Ende nimmt Abdulkerim Simsek die Entschuldigung an, um die Carsten S. die Familien der Opfer gebeten hatte.

Adile Simsek verlässt an diesem Verhandlungstag das Gericht mit ruhiger Miene. Schon damals, vor mehr als 17 Jahren, hat sie schier Unerträgliches über sich ergehen lassen, ausnahmslos alle Fragen der Polizeibeamten beantwortet, sich nicht versteckt, nicht gejammert, sich nicht aufgelehnt. Auch wenn sie immer wieder geweint hat.

Adile Simsek wollte, dass der Mord an ihrem Mann aufgeklärt wird, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Eine Entschuldigung der Ermittlungsbehörden, Worte des Bedauerns, eine Erklärung stehen noch aus.

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