NSU-Prozess Das zweite Gesicht der Beate Zschäpe

Im NSU-Prozess erscheint Beate Zschäpe den meisten Beobachtern dominant und selbstbewusst. Der von der Verteidigung beauftragte Psychiater Joachim Bauer hat bei seinen Gesprächen mit ihr einen anderen Menschen entdeckt.

Beate Zschäpe
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Beate Zschäpe

Von , München


Es gibt Situationen in frühester Kindheit, die so zerstörerisch sein können, dass sie einen Menschen immer wieder einholen im Leben. Dauerhafte Vernachlässigung zum Beispiel. Der Mensch kann sich dann später im Leben womöglich nicht wehren, wenn die alte Verlassenheitspanik in ihm hochsteigt, die er als Säugling erlebte oder als Kleinkind. Schon die Vorstellung, allein zu sein, bringt Todesangst hervor.

Vor dem Münchner Oberlandesgericht berichtet an diesem Tag der Freiburger Psychiater Joachim Bauer von einer solchen Kindheit, es ist die Kindheit von Beate Zschäpe, der Hauptangeklagten im NSU-Verfahren.

Es ist der 361. Verhandlungstag, das Verfahren neigt sich erkennbar dem Ende zu, Beate Zschäpe hat in vier Jahren Prozessdauer kaum gesprochen. Zehn Morde, 15 Raubüberfälle, Brandstiftung - die Staatsanwaltschaft sieht sie als gleichberechtigte Mittäterin eines Terrortrios, Zeugen haben sie als dominant, selbstbewusst und robust beschrieben. Der vom Gericht bestellte psychiatrische Gutachter Henning Saß hat erklärt, warum er Zschäpe für voll schuldfähig hält und für weiterhin gefährlich. Dem Gericht hat er nahegelegt, Sicherungsverwahrung im Anschluss an eine verbüßte Haftstrafe zu verhängen - alles für den Fall, dass das Gericht Zschäpe als Mittäterin an der Mordserie mit zehn Toten für schuldig befindet.

Und nun also Bauers Auftritt, ein letztes Rettungsmanöver, aufgeboten von Zschäpes Verteidigern, sie haben ihn selbst als Sachverständigen geladen. Zschäpe, sagt Bauer, leide an einer abhängigen Persönlichkeitsstörung: So abnorm sei ihre innere Abhängigkeit von Uwe Böhnhardt gewesen, dass sie gar nicht die Möglichkeit gehabt habe, die beiden mordenden Uwes zu verlassen und sie anzuzeigen. So ähnlich hatte dies in Zschäpes Einlassungen, die ihre Verteidiger für sie verlasen, auch geklungen.

Bauer kommt darüber hinaus zum Schluss, Zschäpe sei vermindert schuldfähig, ihre Störung sei durchaus therapierbar, eine Gefahr gehe von ihr nicht mehr aus, sofern sie sich dauerhaft und überzeugend aus der radikalen, kriminellen Szene löse.

Zwei psychiatrische Gutachter, beide angesehene Professoren, kommen zu vollkommen entgegengesetzten Einschätzungen. Wie ist das zu erklären?

Die Mutter volltrunken auf dem Fußboden

Saß gilt als Koryphäe seines Fachs, der forensischen Psychiatrie. Er hatte vier Jahre lang Zeit, jede noch so kleine Regung der Angeklagten zu studieren und zu interpretieren. Aber Beate Zschäpe hat mit ihm kein einziges Wort gesprochen.

Bauer ist kein Experte in forensischer Psychiatrie. Er hat keinen einzigen Verhandlungstag miterlebt. Aber Zschäpe hat im Gefängnis, verteilt über mehrere Tage, gut 14 Stunden lang mit ihm geredet.

Bauer beginnt mit ihrer Kindheit, er schildert dem Gericht, wie sie als Baby von der Mutter erst bei den Großeltern und dann für Monate bei einem Zwickauer Jugendfreund deponiert wird, während die Mutter ihr Zahnmedizinstudium in Rumänien fortsetzt. Wie sich auch später Aufenthalte bei den Großeltern abwechseln mit solchen bei der Mutter, mit jeweils wechselnden Stiefvätern.

Zschäpe habe ihm erzählt, ihre Mutter habe oft volltrunken auf dem Fußboden in der Wohnung gelegen, manchmal im eigenen Erbrochenen. Sie habe sich geschämt und Angst gehabt, Freundinnen mit nach Hause zu bringen. Einmal tat sie es doch, prompt öffnete die Freundin in der Wohnung die falsche Tür und sah die Mutter in ihrem Elend.

Schon damals, so Bauer über Zschäpe, habe sie gelernt, in zwei Ebenen zu leben: nach innen mit Scham und existenzieller Angst, nach außen mit fröhlichem Gesicht.

Ein typisches Verhalten, so Bauer, das sich bis in die Gegenwart fortsetze. Bis hin in diesen Verhandlungssaal, wo sie mit ihren aufgeräumt wirkendenden Auftritten regelmäßig für Irritation sorgte: "Viele über Frau Zschäpe abgegebene Einschätzungen beruhten auf ihrer Körpersprache", sagt Bauer, und zielt damit wohl auch auf den Kollegen Saß. "Ihre Körpersprache ist in aber hohem Maße fehlinterpretierbar und hat schon zu medialen Vorverurteilungen geführt."

Joachim Bauer
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Joachim Bauer

Es sind nicht mal vollkommen neue Informationen über Zschäpes Kindheit, die Bauer dem Gericht liefert. Doch unter dem Eindruck des persönlichen Gesprächs mit Zschäpe zieht er aus diesen Informationen völlig andere Schlussfolgerungen als sein Kollege Saß. So gesehen gibt Bauer an diesem Tag neue Einblicke in Zschäpes Innenleben.

Bauer versucht, den Verfahrensbeteiligten Erkenntnisse aus der Bindungsforschung nahezubringen. Er fragt: "Wie hat denn der Jugendfreund, der vermutlich alleinstehend war, den Säugling versorgt?" - und verortet in den ersten Lebensmonaten den Ursprung für die spätere Verlassenheitspanik der Beate Zschäpe. Er zitiert Studien, denen zufolge Menschen mit einer abhängigen Persönlichkeitsstörung alles tun, um den geliebten Menschen nicht zu verlieren, "bis hin zur Delinquenz, da ist Frau Zschäpe kein Einzelfall."

Ein renommierter US-Psychiater habe gesagt: Menschen mit einer sogenannten dependenten Persönlichkeitsstörung fänden ihren Gravitationsschwerpunkt nicht in sich selbst, sondern im geliebten Gegenüber. An Zschäpe lasse sich dies "lehrbuchmäßig" belegen: Als 14-Jährige habe sie sich an ihren ersten Freund geklammert, einen 20-jährigen Gewohnheitsdieb - und prompt dessen Lebensgewohnheiten übernommen. Dann lernte sie Uwe Mundlos kennen, hörte auf zu klauen und wurde rechtsextrem. Noch später hieß der geliebte Mensch Uwe Böhnhardt; von ihm habe sie die Radikalität und das martialische Auftreten übernommen.

Zschäpe berichtet von Misshandlungen durch Böhnhardt

Als "schlimmstes Ereignis überhaupt" habe Zschäpe die Phase beschrieben, in der Böhnhardt sich zeitweilig von ihr trennte: "Weil ich zu viel klammerte. Ich wollte ständig mit ihm zusammen sein, wenn ich alleine war, bekam ich Panik." Während der Trennungsphase sei es gewesen, "als ob mir die Luft weggeblieben wäre, ich konnte nicht mehr denken" - wieder so eine Beschreibung wie aus dem Lehrbuch.

Als die drei in den Untergrund gingen, sei Zschäpes leitender Gedanke gewesen: "Jetzt habe ich ihn! Wir sind aneinandergekettet auf Gedeih und Verderb". Dieser Schritt, so Bauer, habe endgültig die Abhängigkeit zwischen ihr und Uwe Böhnhardt fixiert. "Dass es eine Falle war, wurde ihr spätestens im Jahr 1998 klar, als die Misshandlungen durch Böhnhardt häufiger wurden."

Zschäpe mit ihrem Verteidiger Hermann Borchert
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Zschäpe mit ihrem Verteidiger Hermann Borchert

Gegenüber Bauer zeichnete Zschäpe ein Bild krasser häuslicher Gewalt: Einmal habe Böhnhardt, der ihr in Diskussionen immer unterlegen gewesen sei, sie gewürgt, um sie zum Schweigen zu bringen. Sie habe Todesangst gehabt. Er habe sie geboxt, ins Gesicht geschlagen, getreten, auch in den Bauch, als sie schon am Boden lag. Er habe sie gegen das Ohr geschlagen, so dass erst nach anderthalb Tagen ihr Gehör zurückgekehrt sei. Sie habe blaue Flecken davongetragen, die sie habe abdecken müssen. Einmal habe er sie so "zugerichtet", dass sie die Wohnung tagelang nicht habe verlassen können.

Er, Bauer, habe gefragt, ob Böhnhardt denn keine Angst gehabt habe, sie könne weglaufen? Nein, habe Zschäpe geantwortet: "Ich habe ihm immer wieder verziehen, denn ich wollte, dass er bei mir bleibt."

Und wie glaubwürdig ist dies alles?

Für Bauer zählt, dass Zschäpe nicht von sich aus die schlimme Kindheit oder Böhnhardts Schläge thematisiert habe, ganz und gar nicht: "Ich musste ihr das alles aus der Nase ziehen. Sie hätte diese Themen relativ risikolos weiter ausbreiten können, was sie nicht tat", sagt Bauer. "Es ging Frau Zschäpe erkennbar weniger darum, mir für sie möglicherweise günstige Dinge zu erzählen. Sondern sie wollte niemandem wehtun." Uwe Böhnhardts Mutter nicht, und auch nicht ihrer eigenen, mit der sie heute ein besseres Verhältnis habe. Ob man das mit dem Erbrochenen nicht weglassen könne, habe sie ihn gefragt. Sie habe sich weder als "Opfer" dargestellt, noch versucht, jemand anderem die Schuld zu geben an ihrem Werdegang.

"Unbeschreiblich anstrengend"

Es habe Zschäpe "sehr belastet", die Opfer der Raubüberfälle von den psychischen Folgen sprechen zu hören, zitiert Bauer aus den Gesprächen: "Weil ich die Überfälle befürwortet habe, rechne ich mir da Schuld zu. Bei den Morden wusste ich ja, dass ich dagegengesprochen hatte." Das Leid der Hinterbliebenen zu erleben, habe sie als "unbeschreiblich anstrengend" beschrieben: "Wenn ich mich in das alles reingefühlt hätte, dann könnte ich jetzt nicht mehr hier sitzen und leben. Dann käme es zu meinem öffentlichen Zusammenbruch. Vielleicht könnte ich dann nur noch Schluss machen." Dies sei der Grund, warum sie sich nach außen hin unberührt oder gar heiter zeige.

Immer wieder regt sich während dieser Passagen Unmut im Publikum: Solle man ihr auch noch glauben, dass sie immer erst im Nachhinein von den Morden erfuhr? Als Bauer anführt, Zschäpe habe ihm gesagt, sie sei von Anfang an entschieden gegen die Tötungshandlungen gewesen und habe wiederholt gefordert, das Töten müsse aufhören, hört man im Saal Gelächter. Ebenso, als Bauer von Zschäpes Angst berichtet, "mit den vielen von ihr preisgegebenen persönlichen Details aus ihrem Leben noch mehr als bisher als Objekt öffentlich vorgeführt und seziert zu werden."

Wie das Gericht mit Bauers Gutachten umgeht, ist nun offen. Der Vorsitzende Manfred Götzl hat die folgenden Verhandlungstage abgesetzt, man brauche Zeit, um sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Nur eine einzige Frage hat er noch am Ende des Verhandlungstages: Joachim Bauer hatte sich in seinem Gutachten ausdrücklich auch auf die polizeiliche Vernehmung von Zschäpes Mutter gestützt. Ob ihm denn die Verteidiger - Hermann Borchert und Mathias Grasel - nicht mitgeteilt hätten, dass diese vor Gericht nicht verwertet werden könne, da Annerose Zschäpe dies abgelehnt habe?

Nein, sagt Bauer, er sei froh gewesen, dass er von ihnen dieses wichtige Material bekommen habe. Von dem Verwertungsverbot habe er nichts gewusst.

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