NSU-Prozess Die "Faschingsveranstaltung" des Tino Brandt

Tino Brandt gilt als Schlüsselfigur im Netzwerk, das den "Nationalsozialistischen Untergrund" unterstützte. Im NSU-Prozess schilderte ein früherer Mithäftling Brandts, der habe sich über das Verfahren mokiert.

Tino Brandt (Archivfoto)
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Tino Brandt (Archivfoto)

Von , München


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Es geschieht selten, aber mitunter gibt es doch Launiges aus dem Münchener NSU-Prozess zu berichten. Zum Beispiel, wenn ein Zeuge von seinen Erlebnissen in der Untersuchungshaftanstalt Stadelheim berichtet. Dort begegnete er einem "Kollegen", der im Prozess gegen Beate Zschäpe und vier Mitangeklagte eine Rolle spielt: Tino Brandt.

Als Arrangeur der rechten Szene Thüringens und gleichzeitig als V-Mann des Verfassungsschutzes, finanziell reichlich ausgestattet, gilt Brandt als eine der Schlüsselfiguren im Netzwerk der Kameraden, ohne die Zschäpe und ihre verstorbenen Gefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nicht jene Morde an Migranten und die vielen Raubüberfälle hätten begehen können, die ihnen heute zugeschrieben werden. Brandt erhielt vom Staat für seine Dienst über die Jahre rund 200.000 D-Mark, die er zum Großteil in die rechte Szene gesteckt haben will.

Als Sönke P. ihn traf, saß Brandt wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen in Stadelheim in U-Haft. Mittlerweile ist er verurteilt und verbüßt in der Justizvollzugsanstalt Tonna seine Strafe.

Wer er ist, sprach sich seinerzeit in Stadelheim schnell herum. Denn Berichte über die mutmaßlichen Taten des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) und Bilder der Protagonisten aus der Szene in den Medien nehmen auch Inhaftierte zur Kenntnis.

Warum sollte sich Tino Brandt einem Wildfremden öffnen?

Sönke P. etwa, der eine Sechs-Mann-Zelle schräg gegenüber Brandts Drei-Mann-Zelle auf der Stadelheimer Krankenstation bewohnte, wusste sofort, um wen es sich bei seinem Gegenüber handelte. Außerdem war er als Besucher schon im NSU-Prozess gewesen.

P. beschreibt Brandt als schüchtern, ängstlich und zurückhaltend. "Auf mich machte er einen sehr einsamen Eindruck", sagt P. als Zeuge. War das der Grund, dass Brandt angeblich zu einem einstündigen Gespräch während eines Hofgangs - "es war ein knalleheißer Tag, und wir setzten uns auf einen Mauervorsprung im Schatten des Vorbaus, in dem der nervenärztliche Dienst untergebracht ist" - bereit war? Warum sollte er sich einem Wildfremden öffnen?

P. glänzt mit Details. Seine Erinnerung scheint teilweise vorzüglich zu sein. "Ich stellte Fragen und er antwortete mir", sagt er stolz. "Daraufhin fertigte ich eine Aktennotiz und reichte sie an Sie aus." Er blickt zum Vorsitzenden Richter Manfred Götzl, der keine Miene verzieht.

Brandt soll NSU-Prozess "Faschingsveranstaltung" genannt haben

Angeblich, und daran könnte durchaus etwas Wahres sein, habe Brandt sich über den NSU-Prozess mokiert. Sein Vater, so Brandt, habe sich in Russland eine Hepatitis-Infektion zugezogen; daher kenne er die Symptome. Mit dieser Kenntnis und ärztlicher Hilfe habe er seine Vernehmung im NSU-Prozess erst einmal verzögern können. "Das fand er lustig, weil hier ja ein Verhandlungstag 100.000 oder 150.000 Euro oder noch mehr kostet." Den Prozess habe Brandt eine "Faschingsveranstaltung" genannt.

Darüber hinaus weiß P. kaum Neues zu berichten. Dass Brandt drei - namentlich nicht bekannte - Kameraden als Boten mit Geld ausgestattet habe zur Unterstützung des "Zwickauer Trios", um sicherzugehen, dass es auch ankomme; dass Brandt Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt nach zwei Jahren schon aufgefordert habe, wieder zum "Thüringer Heimatschutz" zurückzukehren, wo man sie als wichtige Figuren vermisst habe - solcherlei Details sind für den Prozess gegen die fünf Angeklagten nicht von großer Bedeutung.

Dass Brandt bei konspirativen Treffen mit seinen Führungsleuten vom Verfassungsschutz nicht immer die Wahrheit sagte und sich also für Unbrauchbares entlohnen ließ, hat er selbst als Zeuge zugegeben. Und dass die Kommunikation mit dem untergetauchten Trio über anrufbare Telefonzellen lief, ist auch längst bekannt.

"Hat Brandt vom NSU gesprochen?", fragt Götzl. "Auch", lautet die karge Antwort. Bei der Polizei hatte P. einmal gesagt, das Vermögen des Thüringer Heimatschutzes, als dessen Gründer Tino Brandt gilt, sei verwendet worden, den NSU zu unterstützen.

Anonyme Aktennotiz

Von Bedeutung dürfte Sönke P.s Aussage vor allem für die Verteidigung des Mitangeklagten Ralf Wohlleben gewesen sein. Sie sieht nicht in ihrem Mandanten, sondern in Brandt die "steuernde Zentralfigur" im Aufbau des NSU.

Die Wohlleben-Anwälte hatten unlängst den psychiatrischen Sachverständigen Norbert Leygraf attackiert, nachdem dieser im Prozess von "Ausländerfeindlichkeit" in der rechten Szene gesprochen hatte. Vor Gericht erzählt P. nun, dass Brandt sich in Stadelheim ihm gegenüber voller Hass über "nach Knoblauch stinkende Salafisten" ausgelassen habe und dass "die", also die Gesinnungsgenossen, schon recht hätten mit ihrem Bestreben, die Heimat vor Ausländern zu schützen.

Dann geht es um die Frage, warum der Zeuge seine "Aktennotiz" dem Oberlandesgericht anonym zugeschickt habe. "Aus Angst", antwortet P. Seine Lebensgefährtin, Tochter angeblich eines ehemaligen SS-Obersturmbannführers, habe "Druck" gemacht.

Am Ende sagt der Zeuge P: "Ich hatte mal einen schweren Unfall mit Schädelverletzung. Seitdem neige ich zu Panik. Dann ist es bei mir mit der Steuerung nicht mehr so weit her."


Zusammengefasst: Im Münchner NSU-Prozess hat Sönke P. als Zeuge ausgesagt. P. war einst zeitgleich mit dem früheren Verfassungsschutz-V-Mann und Neonazi Tino Brandt inhaftiert. Während dieser Zeit soll Brandt zu P. gesagt haben, er habe seine Aussage in dem Verfahren absichtlich verzögert, um damit die Kosten für die Justiz in die Höhe zu treiben. P. beschrieb Brandt als schüchtern, ängstlich und zurückhaltend.

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