NSU-Prozess nach der Sommerpause Die Ungereimtheiten um das brennende Wohnmobil

Vor fünf Jahren starben Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in einem Wohnmobil, kurz darauf flog der NSU auf. Rund um den Tod der beiden gibt es bis heute Ungereimtheiten. Wird Beate Zschäpe sie auflösen?

Wohnmobil in Eisenach am 4. November 2011
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Wohnmobil in Eisenach am 4. November 2011

Von , München


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Erster Tag im Münchner NSU-Prozess nach der Sommerpause, es ist der 306. Verhandlungstag. Eine Vernehmung von Zeugen steht nicht auf dem Programm. Der Senat verliest Behördengutachten, Vermerke, Sachstandsberichte von Ermittlungsbehörden und Aufzählungen von Asservaten, die bisher öffentlich noch nicht erörtert wurden.

Selbst das an die Wand geworfene Foto der Waffe der 22 Jahre alten Michele Kiesewetter unterbricht nicht den zähen Verhandlungsfluss. Die Polizistin soll am 25. April 2007 in Heilbronn von den mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschossen worden sein. Das Foto erinnert allenfalls an die ungeklärte Frage, wieso sich diese Waffe neben anderen in jenem Wohnmobil befand, in dem die Kumpane der Hauptangeklagten Beate Zschäpe am 4. November 2011 in Eisenach laut Anklage ihrem Leben ein Ende setzten.

Das Wohnmobil war am 14. Oktober 2011 gemietet worden, es hätte eigentlich am 3. November zurückgegeben werden sollen. Unter dem Namen des Mitangeklagten Holger G. alias Böhnhardt aber war der Mietvertrag verlängert worden.

Warum gaben sie auf?

Was hatten Böhnhardt und Mundlos vor? Warum hatten sie ausgerechnet in diesem Fahrzeug die Kiesewetter-Dienstwaffe und die ihres Kollegen Martin A. dabei? Oder führten sie die Polizeiwaffen quasi als Trophäen seit 2007 stets mit sich? Warum haben sie in Eisenach aufgegeben? Waffen, um sich gegen zwei Polizisten zu wehren, die sich damals ihrem Wohnmobil näherten, hatten sie in ausreichender Zahl dabei. Warum war Kinderspielzeug in dem Fahrzeug? Warum befanden sich in dem Wohnmobil nicht nur jene 71.000 Euro, die sie bei dem vorangegangenen Überfall auf die Wartburg-Sparkasse erbeutet hatten, sondern insgesamt 110.000 Euro? Warum überfielen Mundlos und Böhnhardt die Eisenacher Sparkasse, wenn sie keineswegs in Geldnöten waren?

In ihrer schriftlichen Erklärung vom Dezember vorigen Jahres sprach Zschäpe davon, die beiden Uwes seien am 4. November "überfällig" gewesen, hätten also schon längst zu ihr in die Zwickauer Frühlingsstraße zurückgekehrt sein müssen. Was war abgemacht? Warum änderte sich der Plan? Fragen über Fragen, ganz abgesehen vom fragwürdigen Ablauf der angeblichen In-Brand-Setzung des Wohnmobils durch Böhnhardt und Mundlos. Auch Menschen, die nicht zu Verschwörungstheorien neigen, stoßen auf eine Fülle von Merkwürdigkeiten.

Bisher schweigt Zschäpe dazu. Der Grund dazu dürfte in ihrer Weigerung liegen, eventuelle Unterstützer, Mitwisser oder -täter zu nennen. In langen Fragenkatalogen, die Anwälte der Nebenklage vor der Sommerpause zusammengestellt hatten, kommen unter anderem die Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem angeblichen Ende des "Nationalsozialistischen Untergrunds" im November 2011 vielfach zur Sprache.

Zeitungsfund spricht für Carsten S.

Die Verteidiger Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl sowie Anja Sturm beanstandeten vor der Sommerpause eine ganze Reihe von Fragen der Nebenklage an Zschäpe, sofern sie ihrer Auffassung nach nicht zur Sache gehörten. Obwohl Zschäpe diesen drei Anwälten ihr Vertrauen entzogen hat, setzen sie sich nach wie vor mit den Thesen des Generalbundesanwalts auseinander und versuchen, unangebrachte oder unzulässige Fragen an die Angeklagte abzuwehren.

Zschäpes Vertrauensanwalt Mathias Grasel hingegen bleibt stumm. Nicht einmal dem Nebenklagevertreter Yavuz Narin fiel er ins Wort, als dieser von Zschäpe wissen wollte, ob sie schon an einer Biographie arbeite oder Rechte an einen Verlag abgetreten habe. Doch da ist auf den Senatsvorsitzenden Manfred Götzl Verlass, der solche Fragen konsequent unterbindet.

So wird gewartet, wann und vor allem ob Zschäpe sich überhaupt zu den Fragen der Nebenklage äußern wird. Ein Zeitpunkt ist nicht in Sicht. Verteidiger Grasel gibt dazu keine Auskunft.

Einen Pluspunkt konnte am Mittwoch der Mitangeklagte Carsten S. verbuchen, der in seiner ausführlichen Einlassung am sechsten Hauptverhandlungstag ein Geschehen am 12. Juli 1998 geschildert hatte. Es ging um eine Schlägerei an der Straßenbahnhaltestelle Winzerla, bei der der Angeklagte Ralf Wohlleben laut S. einen Gegner massiv attackiert haben soll. Nebenklagevertreter Hardy Langer recherchierte nun im Zeitungsarchiv der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek und fand tatsächlich in der "Ostthüringischen Zeitung" vom 29. Juli 1998 eine Suchmeldung der Polizei: "Noch immer keine Spur von den Schlägertypen". Darin wird beschrieben, dass an der Haltestelle Winzerla zwei junge Männer von sieben bis acht anderen jungen Männern angegriffen und zum Teil schwer verletzt worden seien.

Dieser Fund dient der Glaubhaftigkeit der Angaben von S. Andererseits steht er der Beteuerung Wohllebens entgegen, stets gewaltlos seine politische Überzeugung vertreten zu haben. Rechtsanwalt Langer regte an aufzuklären, welche Ermittlungen die zuständige Polizei in Jena-Lobeda damals angestellt hat. Möglicherweise könnten sogar die einst Verletzten als Zeugen vernommen werden.


Zusammengefasst: Nach dem Ende der Sommerpause wartet die Nebenklage im NSU-Prozess auf Antworten der Hauptangeklagten Beate Zschäpe. Besonders spannend dürfte werden, was sie zum Tod ihrer Kumpane Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu sagen hat (wenn sie dazu etwas aussagen will). Sie brachten sich 2011 in Eisenach in einem Wohnmobil um, nachdem sie zuvor in einer Bank 71.000 Euro erbeutet hatten. Es bleibt vieles merkwürdig, etwa: Wieso hatten sie die Waffe der Polizistin Michele Kiesewetter bei sich, die sie 2007 umgebracht haben sollen? Ein Zeitpunkt für die Antworten ist noch nicht bekannt.

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